Das Musical basiert auf Baz Luhrmanns Film «Moulin Rouge!» aus dem Jahr 2001. Wer den Film kennt, weiss: Paris um 1900 dient weniger als historischer Schauplatz, sondern als Ort für grosse Gefühle, überzeichnete Figuren und eine bewusst zeitlose Ästhetik. Daran hat sich auf der Bühne wenig geändert. Die Handlung folgt weiterhin dem jungen Schriftsteller Christian, der im Pariser Bohème-Milieu auf Satine trifft – Star des Moulin Rouge, Projektionsfläche für Sehnsüchte und zugleich Gefangene ökonomischer Realitäten. Liebe, Kunst und Abhängigkeit geraten dabei in ein gewohntes, aber wirkungsvolles Spannungsfeld.
Die Broadway-Premiere fand 2019 im Al Hirschfeld Theatre in New York statt. Ein Jahr später folgte die Auszeichnung mit zehn Tony Awards, unter anderem für das beste Musical. Verantwortlich für die Bühnenfassung sind John Logan (Buch) und Alex Timbers (Regie), die dem Stoff eine klare theatrale Struktur gaben, ohne seinen Hang zur Übertreibung zu glätten. Das Leitmotiv «Truth, Beauty, Freedom, Love» wurde bewusst aus dem Film übernommen. Es steht für die Suche nach der Wahrheit, Betonung von Schönheit, das Verlangen nach Freiheit und die Kraft der Liebe.
Die internationale Tournee setzt stark auf visuelle Opulenz, die die Atmosphäre des legendären Pariser Nachtclubs auf die Bühne bringen: Üppige Kostüme, ein dicht gestaltetes Bühnenbild und schnelle Szenenwechsel prägen den Abend. Die Spielzeit liegt bei rund 2 Stunden und 40 Minuten inklusive Pause. Empfohlen ist das Musical ab 12 Jahren, was weniger mit expliziten Inhalten als mit Tempo, Lautstärke und thematischer Dichte zu tun hat. Das Theater 11 bietet für diese Produktion einen passenden Rahmen: gross genug für den technischen Aufwand, sachlich genug, um dem Glamour nicht in die Quere zu kommen. Dass die Show in englischer Sprache gezeigt wird, dürfte das Zürcher Publikum kaum abschrecken – internationale Produktionen sind hier längst etabliert.
Was erwartet das Publikum?
Für die musikalische Gestaltung zeichnet sich Justin Levine verantwortlich. Er entwickelte die Arrangements für die Bühnenfassung und übernahm zugleich die Rolle des Music Supervisors. Seine Aufgabe bestand darin, Klassiker und über 70 Popsongs aus unterschiedlichen Jahrzehnten neu zu strukturieren, miteinander zu verweben und so aufzubereiten, dass sie eine durchgehende dramaturgische Funktion erfüllen. Die Musik ist damit weniger eine lose Abfolge von Hits als ein bewusst komponiertes Gesamtgefüge aus Zitaten, Übergängen und Mash-ups.
Formal handelt es sich um ein sogenanntes Jukebox-Musical. Nur wenige Titel werden komplett gespielt. Meistens sind es Teile von verschiedenen Songs, die für die Story aneinandergereiht werden, manchmal besteht eine Szene aus Mash-Ups. Man hört beide Songs, den einen zu Beginn nur instrumental, den anderen mit Text. Und dann verschwindet der gesungene Titel in den Hintergrund, während der zuvor unterlegte Song an die Oberfläche kommt. Das Spektrum reicht von Klassikern bis zu Hits von Künstlern wie Beyoncé, Rihanna, P!nk, Elton John, Adele oder Lady Gaga.
Unterstützt wurde Levine von einem Team aus Co-Orchestratoren, die an der Ausarbeitung der orchestralen Details beteiligt waren. Die musikalische Umsetzung während der Vorstellungen liegt beim jeweiligen Music Director, der das Orchester leitet und für die Abstimmung zwischen Bühne, Gesang und Instrumentalensemble sorgt. Auch die Tanznummern sind eng mit den musikalischen Arrangements verzahnt und wurden in Zusammenarbeit zwischen Musik- und Choreografieabteilung entwickelt, um Tempo, Rhythmus und Bewegung präzise aufeinander abzustimmen.
Wen dürfen wir erwarten?
Zürich ist die zweite Station auf der Welttour, die in Dublin gestartet hat und mehrere Monate dauert. Auf der Bühne agiert das Original-Ensemble, deren 10 Hauptrollen mit Verity Thompson respektive alternierend Patrice Tipoki (Satine), Nate Landskroner (Christian), Cameron Blakely (Harold Zidler), Kurt Kansley (Toulouse-Lautrec), James Bryers (The Duke), Rodrigo Negrini (Santiago), Kahlia Davis (Nini), Sayaka Kato (Arabia), Scott Sutcliffe (Baby Doll) und Ellie Jane Grant (La Chocolat) besetzt sind. Am heutigen Abend hat Verity Thompson die Rolle der Satin übernommen.
Wir dürfen auch bei diesem Musical Live-Musik geniessen. Das Orchester besteht typischerweise aus 10-15 Musikern, abhängig von der Location. Im Theater 11 hat es einen Bühnengraben, in dem ein Teil vor der Bühne und ein Teil unter der Bühne untergebracht ist. Bei den meisten Stühlen stehen mehrere Instrumente. Für die Show sind alle Popsongs neu arrangiert worden, um die Broadway-Soundqualität zu gewährleisten.
Was passiert hinter den Kulissen?
Insgesamt sind 14 Lastwagen im Einsatz, um alle Kostüme, mehrere hundert Requisiten, 8-10 Bühnenbilder (modulare Elemente und Podeste) und die Instrumente des Live-Orchesters von Stadt zu Stadt zu bringen. Hinter den Kulissen sind typischerweise rund 60 Crew-Mitglieder für Bühnenautomation, Set‑Bewegungen, Sicherheit und allgemeine technische Abläufe im Einsatz. Dazu zählen Stage Manager, Bühnenmechanik‑Operatoren, Beleuchtungs‑ und Tontechniker sowie weitere Backstage‑Spezialisten. Oft wird vor Ort zusätzliches technisches Personal des Theaters für den Auf‑ und Abbau sowie bei der täglichen Technik‑Unterstützung eingebunden.
Für die Show wurden etwa 300 Kostüme entworfen für Haupt- und Ensemblerollen, inklusive variierender Versionen für Szenenwechsel sowie unterschiedliche Varianten für Tänze und Gruppennummern. Die aufwändigen Outfits enthalten mehr als 30’000 Swarovski-Kristalle und reflektieren den opulenten Stil von Belle Époque und Bühnen-Glamour. In die Herstellung des Kostümbestands wurden rund 36’000 Arbeitsstunden investiert, an denen etwa 180 Kostüm-Artisanen beteiligt waren.
Das Musical erfordert zahlreiche schnelle Kostümwechsel, insbesondere für die Hauptdarsteller und das Ensemble. Ein Dresser überwacht pro Vorstellung oft mehr als ein Dutzend Wechsel, die teilweise in unter 30 Sekunden erfolgen. Die Kostüme sind für schnelle Wechsel konstruiert und nutzen Reissverschlüsse, Magnete und andere Theatertechniken, um in kurzer Zeit komplett neue Looks anzulegen.
Und was hält das Publikum von der Premiere in Zürich?
Wie wurde die Show in Zürich aufgenommen? Ich kann nicht für alle sprechen. Anhand der Pausengespräche und Unterhaltungen nach der Vorstellung bin ich mit meinem Eindruck aber definitiv nicht alleine. Schon bevor die Aufführung beginnt, geht es indirekt los: Links das berühmte Windrad, rechts ein blauer Elefant, die Bühne wirkt wie ein mehrdimensionales Herz, die Neonleuchte «Moulin Rouge» erstreckt sich über die ganze Breite. Zuerst ist die Stage noch leer, auf einmal steht ein Mann im Frack lässig an der Seite der Neonleuchte. Nach und nach erscheinen mehr Darsteller, die teils herumflanieren oder sich in Pose werfen.
Die Eröffnung der Show ist der Startschuss für einen Abend voller Wow-Momente. Ich fühle mich wie ein Kind im Süsswarenladen, das sehr schnell visuell etwas überfordert ist. Überall passiert etwas und man weiss gar nicht, wo man hinschauen soll, um nichts zu verpassen. In den letzten 20 Jahren habe ich viele Musicals gesehen. Aber mich hat schon lange keins mehr so dermassen begeistert, wie dieses. Ich habe noch nie so oft ungläubig den Kopf geschüttelt, weil die angespielten Songs perfekt in die Storyline passen. Manchmal sind sie so komplett anders arrangiert, dass es einen Moment braucht, bis man ihn erkennt. Und das ging nicht nur mir so. Eine Story schreiben und Musik anfügen ist eines. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Level – man muss auf die Idee kommen und die entsprechenden Stücke kennen, um sie einbinden zu können. Wer in aller Welt würde zum Beispiel einen Song von Adele unterlegen mit Seven Nation Army? Korrekt: Justin Levine und sein Team.
Nun… alles schön und gut. Aber wie sind die Stimmen? Sagen wir es mal so: zwischendurch hatte ich Gänsehaut! Nicht nur bei Solos von Verity Thompson, als sie beispielsweise Firework von Katy Perry raushaut oder im Duett mit Nate Landskroner Your Song von Elton John singen. Oder war das Highlight dann doch das sogenannte «Elephant Love Medley» mit A-Ha, No Doubt, Tina Turner und zahlreichen anderen Songzeilen? Vielleicht die Szene, in der Cameron Blakely Chandelier raushaut? Ehrlich gesagt kann ich nicht sagen, welcher Moment mein Topfavorit ist. Da gab es zu viele davon und ich kann mich nicht entscheiden.
Was ich sicher sagen kann: ich muss und werde «Moulin Rouge! The Musical» definitiv nochmal sehen. Das war einfach zu gut, um es nur einmal zu erleben. Der Schlussapplaus sagt oft einiges über die Begeisterung des Publikums aus – und wenn der Boden zittert, weiss man Bescheid, wie sehr die Zuschauer das Musical gefeiert haben. Ich hätte so gerne Fotos gemacht, mein Herz blutet noch immer beim Gedanken an die vielen Szenen, Kulissen und Kostüme, die ich nicht aus meiner Perspektive festhalten durfte. Aber ab dem Curtain Call durfte ich filmen – ich habe mein iPhone ganze 7 Minuten in die Luft gehalten! Nebst des uns zur Verfügung gestellten Videos mit dem Song Come What May wollen wir euch das nicht vorenthalten. Aber keine Panik, ich lade kein 7-minütiges Video auf Instagram hoch! Aber meine Version ist auch online :)
Ihr habt den Film gesehen und seid unentschlossen? Dann lasst euch von jemandem, der den Film nicht gesehen hat, dafür aber unzählige Musicals: holt euch ein Ticket! «Moulin Rouge! Das Musical» wird noch bis zum 1. März 2026 im Theater 11 aufgeführt. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr das bereuen würdet.
Eventdatum: 21.01.2026
Handyfotos&Reels: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Theater 11, Zürich
Veranstalter: fbm entertainment
Zuschauerzahl: unbekannt
