Ein Start, der regelrecht zum Davonlaufen ist
Marcel Kaul / szenemagazin.ch
Hat sich der EHC Kloten beim gestrigen Spiel gegen den EV Zug zu stark verausgabt? Können die Flughafenstädter heute noch etwas reissen gegen den Tabellen-Zweiten aus dem Seeland?
Das Anspiel geht an: hmmm, kann irgendwie nicht genau gesagt werden. Ich hätte jetzt gesagt, dass während den ersten Sekunden immer beide Mannschaften einen Stock an der Scheibe hatten. Nach etwa 12 Sekunden reissen die Bieler das Spiel und die Scheibe an sich. Sowohl Aaltonen als auch Ekestahl-Jonsson können Toni Rajala nicht am Durchkommen hindern. So kann er einen Querpass zum mitlaufenden Luca Hischier absetzen, der nur noch einschieben muss. Juha Metsola sieht den Pass zwar kommen, kann sich aber etwas zu wenig schnell verschieben. Der EHC Kloten scheint sich noch vom schnellen Tor zu erholen, während die Gäste bereits in den nächsten Angriff gehen. Viktor Lööv steht an der blauen Linie nahe der Bande, sieht Ramon Tanner beim Bullypunkt warten und macht den perfekten Pass zu ihm, quer durchs Drittel. Tanner kann die Scheibe mittels Direktabnahme aufs Klotener Tor pfeffern. Wieder verschiebt sich Metsola und kann mit den Fingerkuppen des Handschuhes den Puck ablenken, leider via Pfosten ins Netz. Man sieht im sofort an, wie er sich ärgert.
Wenig später ein - würde ich jetzt mal sagen - typischer Ang. Ein Bully im Bieler Drittel und wie aus dem Nichts kommt Jonathan Ang angeschossen und schiesst auf das Tor. Besser gesagt, an die Latte, ein erster verpasster Treffer. In der vierten Minute kann sich Beat Forster gegen den Wirbelwind Ang nur mit einem Halten wehren und muss auf die Strafbank. Der EHC kann zwar mehrfach das Powerplay aufbauen, aber entweder steht Joren van Pottelberghe im Weg oder ein Bieler Spieler kann die Scheibe entwenden. So kommt es zu einem guten Konter und Mike Künzle steht vor Juha Metsola und testet ihn in Unterzahl. Obwohl das Powerplay zu Ende ist, macht Kloten weiterhin Druck und beschert van Pottelberghe Arbeit. Etwas böse gesagt geht dem EHC Kloten nach neuneinhalb Minuten die Puste aus. War man bis dahin eigentlich mehrheitlich im Scheibenbesitz, können die Herren in gelb/rot vermehrt den Puck unter Kontrolle und ins gegnerische Drittel bringen.
Ein Fehlpass in der neutralen Zone von Axel Simic landet bei den Gegnern. Riley Sheahan stürmt mit dem Puck auf dem Stock los. Flankiert wird er zu seiner Linken von Toni Rajala. Kurz vor dem Tor ein knackiger Querpass zu Rajala, der die Scheibe zum 0:3 einnetzt. Nicht einmal eine Minute später leuchtet die Lampe hinter Metsola erneut auf. Mike Künzle kann sich das 0:4 gutschreiben lassen. Juha Metsola ist sichtlich frustriert und lässt dies mit einem heftigen Schlag seines Stockes gegen das Tor aus und lässt sich einwechseln. Timo Johner steht zwischen die Pfosten. Die Verteidigung des EHCs scheint von der Rolle zu sein. Die Bieler stehen nun beinahe nonstop im Klotener Drittel. Sie wollen den neuen Torhüter gleich von Anfang an stressen. Timo Johner kann aber eine starke Parade mit der Fanghand zeigen. Nicht mehr ganz zwei Minuten im ersten Drittel, eine weitere Ang-Situation. Er kommt an den Puck im eigenen Drittel und kann los spurten. Er umkurvt die gegnerischen Spieler und setzt einen scharfen Schuss ab. Joren van Pottelberghe greift daneben, aber zu seinem Glück prallt der Puck am Pfosten ab retour ins Spielfeld. Eine weitere mögliche Torchance erhält Keanu Derungs: In der Drehung feuert er, scheitert aber am zu knappen Winkel und somit auch an Pottelberghe. Von dieser noch aussichtsreichen Situation bis zum nächsten Tor dauert es nur noch acht Sekunden und einen Lauf quer übers Feld. Den ersten Schuss kann Johner noch abwehren, aber der Nachschuss sitzt. Mike Künzle schreibt das 0:5 und seinen zwölften Saisontreffer. Schockiert ab dem Resultat gehen die Spieler in die Pause und der eine oder andere Fan vermutlich bereits nach Hause.
Nach dem Motto: «Es kann ja nicht mehr schlimmer werden», kehrt Juha Metsola wieder zwischen die Pfosten zurück. Der Start ins Mitteldrittel beginnt mit einem ersten Schuss von Miro Aaltonen, der knapp am Tor vorbeigeht. Mehrheitlich ist der EHC Kloten in Scheibenbesitz und auch Michael Loosli versucht, van Pottelberghe zu überwinden. Weitsicht zeigt Mischa Ramel, welcher übrigens immer noch mit einem mamenlosen Trikot unterwegs ist, mit seinem Pass aus dem eigenen Drittel nach vorne zu Eric Faille. Dieser kann im Penaltystyle auf van Pottelberghe losziehen. Joren van Pottelberghe geht in den Butterfly, lässt dann aber eine kleine Lücke zwischen den Schonern offen, die Faille eiskalt zum ersten Klotener Treffer ausnutzt. Scheinbar hat Jeff Tomlinson in der Pause die richtigen Worte gefunden, um die Spieler zu motivieren. So erhalten die mindestens 14 anwesenden Scouts doch noch etwas zu sehen. Ob sie nun wegen Reinbacher oder Ramel da sind, weiss ich nicht.
Das Spiel ist dennoch nicht mehr ganz so druckvoll wie noch im ersten Drittel. Eine ganz grosse Chance hat Patrick Obrist, der einen eines Tores würdigen Pass von Eric Faille bekommt. Er hat seinen Stock jedoch noch nicht weit genug vorne, um den Puck passend abzulenken. Der Mittelabschnitt ist gezeichnet von schnellem Hin und Her. Die Klotener wollen noch nicht aufgeben und die Bieler wissen, sie haben noch nicht gewonnen. Die Match-Uhr zeigt noch 09:53 Minuten an, da kommt Michael Loosli dem gegnerischen Kasten nicht ungefährlich nahe. Im Zuge des sich Verschiebens hebelt von Pottelberghe das Tor aus den Angeln. Loosli fährt zwischenzeitlich hinter dem Tor durch und passt auf Arttu Ruotsalainen und dieser schiebt ungestört drei Sekunden später die Scheibe unter Jorens Schienbeinschoner durch. Erst jetzt fällt es den ersten Bielern auf, dass das Tor nicht regelkonform dasteht. Die Wiederholungen auf dem Videowürfel zeigen dann, dass das Spiel hätte abgepfiffen werden müssen. Alle drei Klotener Coaches bekunden lautstark ihren Unmut über den Entscheid «No Goal». Beim nächsten Spielunterbruch hakt Jeff Tomlinson nochmals nach beim Unparteiischen, aber es bleibt dabei, das Tor zählt nicht. Einen weiteren Angriff der Gäste weiss Flurin Randegger gekonnt abzuwehren, auch wenn er halb auf dem Rücken liegt. Die 36. Minute läuft und Tino Kessler wird wegen eines Hakens auf die Strafbank geschickt. Die Seeländer wissen dieses Powerplay abzuwehren und so bleibt es beim 1:5 Pausenresultat.
Bevor das letzte Drittel beginnt, gibt es nochmals eine kurze Besprechung zwischen Jeff Tomlinson und Thomas Urban betreffend des aberkannten Tores. Das Spiel läppert sich so dahin und dann hebt sich der Arm des Schiedsrichters. Der EHC Kloten erhält ein Powerplay. Doch zunächst wird gekonnt die Scheibe kontrolliert und nach vorne gebracht. Juha Metsola verlässt bereits den Kasten für einen weiteren Feldspieler. Während des Pushes nach vorne erhält Matteo Nodari allein vor dem Tor stehend einen Pass von Miro Aaltonen. Nodari nimmt direkt ab und schiesst van Pottelberghe in den Bauch.
Yannick Rathgeb muss wegen übertriebener Härte in die Kühlbox. Das Powerplay läuft gut und Kloten kann mehrfach einen Torschuss wagen. Scheitern tun sie dann jedoch immer wieder an van Pottelberghe. Zu unschönem Ruhm kommt beinahe Beat Forster. Seine «Scheibe mit der Hand weghauen»-Aktion, prallt zu seinem Glück am Torpfosten ab. An derselben Stelle prallt auch Arttu Ruotsalainens Hammerschuss ab und sorgt für einen «Nei»-Aufschrei durchs Stadion. Auch Keanu Derungs letzter Schuss während des Powerplays landet in Jorens Magengegend. Das Spiel läuft flüssig und mit wenigen Unterbrüchen. Nach einem gekonnten Puckaneignen von Dario Meyer sieht er Ang vor sich freistehen. Ang beginnt zu spurten, während Meyer den Puck zu ihm nach vorne passt. Aber auch hier steht wieder die Nummer 36 der Bieler im Weg. Ich glaub, er lässt sich heute nicht mehr bezwingen. Falsch gedacht, denn neun Sekunden später reisst Faille seine Arme in die Luft, nachdem er doch noch eine Lücke gefunden hat. Die Gäste können nach dem Tor von Jesper Olofsson in der 58. Minute den alten vier Tore-Abstand wiederherstellen. Er befördert den Pass von Gaëtan Haas von hinter dem Tor mit einer weiteren Direktabnahme ins rechte obere Eck. Juha Metsolas Fanghand hat hier definitiv zu spät gezuckt. Dass Luca Hischier dann noch für ein Beinstellen vom Eis muss, ändert an der Toranzeige auch nichts mehr.
So verliert der EHC Kloten dieses Spiel mit 2:6. Hätte jeder Pfostenschuss gesessen, hätten sie in die Verlängerung gemusst. Theoretisch gesehen ist in den nächsten vier Spielen noch vieles möglich. Aber ich denke, das Hauptziel muss jetzt sein, die Pre-Playoffs zu erreichen. Diese Woche trifft der EHC am Freitag auf Lausanne HC und abends darauf auswärts auf die Tigers. Beide Teams sind nicht einfach zu bezwingen. Das letzte Heimspiel in der Regular Season bestreitet der EHC gegen die Mannen aus Rapperswil und den Schluss bestreiten sie dann in Davos.
EHC Kloten vs. EHC Biel-Bienne 2:6 (0:5 | 1:0 | 1:1)
Schüsse aufs Tor: 29:22(7:11 | 8:3 | 14:8)
Details zum Spiel: Gamecenter SIHF
Aufstellung: TeamRoaster
Eventdatum: 19.02.2023
Fotograf: Marcel Kaul / szenemagazin.ch
Location: stimo arena, Kloten
Veranstalter: EHC Kloten
Zuschauerzahl: 5948
https://www.szenemagazin.ch/sport/item/1020-ein-start-der-regelrecht-zum-davonlaufen-ist#sigProIde5cee54972
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Marcel Kaul
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