Nein, es ist nicht meine erste Stripshow. Und nein, ich frage mich nicht das erste Mal, weshalb Frauen in ekstatisches Gekreische ausbrechen, wenn durchtrainierte Männer ihr Oberteil ausziehen und ihre Hüften bewegen. Ich bin da wohl eher der stille Geniesser und grinse bis über beide Ohren beim Anblick der definierten Körper. Natürlich gefällt mir, was sie uns zeigen! Aber kreischen wird man mich nicht hören. Schon gar nicht, wenn ich eine Kamera in der Hand habe.
Für die Vorstellung Im Theater Spirgarten werden 800 Leute erwartet. Der Eingangsbereich beim Best Western in Altstetten füllt sich zunehmend. Die einen haben sich speziell sexy angezogen, andere feiern ihren Junggesellinnen-Abend, aber der grössere Anteil kleidet sich wie zu einem Einkauf oder für den Kinobesuch. Zeiten ändern sich, in den 90ern wären die Frauen in ihrem körperbetontesten Outfit aufgekreuzt. Der Saal ist bestuhlt und ich ging davon aus, dass innerhalb von maximal zwei Minuten alle stehend kreischen würden. Doch ich lag komplett falsch. Die meiste Zeit blieben alle sitzen und die Ohrstöpsel hätte ich auch nicht benötigt. Das erstaunt übrigens nicht nur mich, sondern auch den Veranstalter. So ein ruhiges Publikum, das dann auch noch sitzenbleibe, hätte er auch noch nie erlebt. Nun… an der Show oder den 10 Männern liegt es meiner Meinung nach nicht.
Das Programm ist eine klassische Stripshow wie bei den Chippendales oder «Magic Mike», wo zu einstudierten Choreographien agiert wird. Meistens in der ganzen Gruppe oder als Einzelperformance im Publikum. Es ist eine Kombination von Bewegungen aus Tanz und Kampfsport mit wechselnden Outfits und Bühnenbildern. Das Ganze wird mit klassischen Strip- und Revue-Elementen verbunden: unter einem Wasserstrahl stehen, mit dem Stuhl tanzen oder sich die Stripperhose mit einem Ruck wegreissen sind selbstverständlich auch Teil der Show. Natürlich werden immer wieder Frauen aus dem Publikum geholt, die auf der Bühne in die Nummer eingebunden werden. Es ist spannend mitanzusehen, wie einige sich meiner Meinung nach etwas zu viel erlauben und den Stripper wie ein Stück williges Fleisch behandeln. Natürlich: Die Show heisst «Anfassbar» und ist auch so «gewollt». Aber den Mann zu küssen versuchen ist dann doch etwas too much. Kein Wunder, dass sie zurückweichen und die Brauen hochziehen.
Allerdings ist zwischendurch der Respekt auch auf die andere Seite etwas verloren gegangen. Das ist mir bei mehr als einer Nummer aufgefallen, wenn die Ladies einfach mehr oder weniger auf der Bühne stehengelassen werden und dann leicht irritiert den Weg zurück ins Publikum antreten. Bei der Schlagsahne-Nummer tat mir eine der beiden Frauen richtig leid. Ein Stripper hatte sich eine vollbusige Dame im Kleidchen mit gut sichtbarem Dekolleté ausgesucht. Sie ist auf dem Rücken, er auf den Knien und ein Klacks Rahm wird auf ihre Brüste platziert. Diesen leckt er dann unter lautem Gejohle weg. Der zweite Bad Boy hatte sich eine Besucherin ausgewählt, die eine dunkle Hose und einen Rollkragenpullover trug. Ihm fiel nichts Besseres ein, als sich die Schlagsahne auf seinen Oberkörper zu sprühen und sich dann zwischen ihren Beinen auf ihr zu reiben. Exakt: als sie die Bühne verlässt, hat sie vom Bauchnabel bis zum Schritt eine weisse Sahnespur. Ich hoffe allerdings, das war keine Absicht und ein Versehen. Das Malheur bemerkt sie erst, nachdem viele mit vorgehaltener Hand kichern und einzelne laut «Ach du Scheisse» sagen, als sie zurück zu ihrem Platz geht. Das zuvor noch träumerische Grinsen verändert sich in einen verlegenen Blick.
Bei einer der letzten Nummern wird jemand gesucht, der grade so richtig Liebeskummer hat. Ich verstehe noch immer nicht so ganz, warum man jemanden mit Herzschmerz auf die Bühne holt, ihr ganz viel Freude verspricht und es dann noch schlimmer macht, ohne es zu checken. Das letzte, was man bei Liebeskummer hören will, ist ein Lied, das von einer beendeten Beziehung handelt. Dabei wurde sie auf einen Stuhl gesetzt und von Millon angesungen, der zwischendurch vor sie hingekniet ist. Kein Strip, nichts. Dafür einen Liebessong, bei dem dir die Tränen in die Augen steigen wollen. Immerhin: am Ende gab’s für sie ein Ticket für die Show im nächsten Jahr. Aber das Versprechen, dass es ihr gleich besser gehen soll, wurde definitiv nicht eingelöst - und ich bin mir ziemlich sicher, sie hatte auch etwas anderes erwartet. Allerdings war das wohl die einzige Möglichkeit, dass die Jungs hinter der Bühne genügend Zeit hatten, sich das Makeup für die Thriller-Einlage zu verpassen.
Die Show ist sehr unterhaltsam und dem Publikum werden abwechselnde Szenarien geboten. Während der Show wechseln die Performer immer wieder ihr Outfit. Da ist selbstverständlich vom Bauarbeiter über Kämpfer, Spartanen, Polizisten oder in typischen Jeans mit Tanktop alles dabei. Und es wird einiges an Oberteilen zerrissen, Hosen weggezogen und beinahe immer fallen auch alle Hüllen. Nein, wir sehen nicht alles. Wenn der Klettverschluss-Slip aufgemacht wird, verdecken sie ihren Privatbereich mit der Hand oder einem Tuch. Aber wie heisst es so schön: auch ein Rücken kann entzücken und ein wohlgeformter, blanker Hintern ist allemal ein Hingucker. Das Bühnenbild wird jeweils ins passende Licht getaucht, manchmal verdeckt der Rauch schon fast zu viel, aber das Spiel mit dem Kopfkino ist gekonnt inszeniert. Und nebst Gesang von Millon sitzt Michael Knobloch aka Eisensteyn Oben ohne am Schlagzeug.
Insgesamt dauert die Veranstaltung 3 Stunden. Ungefähr in der Mitte wird eine 30-minütige Pause eingelegt, die 795 Frauen vor der Toilette in einer Schlange verbringen. Hatte ich eingangs nicht etwas von 800 Leuten gesagt? Korrekt. Im Publikum sassen auch 5 Männer, die jemanden begleitet haben. Und einer von ihnen sass in der ersten Reihe, was dem letztjährigen Bachelorette-Kandidaten Basti auffiel. Allerdings gab es da ein kleines Missverständnis, denn Basti suchte gerade nach 3 Kandidatinnen, die auf die Bühne kommen sollten. Und als er den Typen ansprach, hat er direkt die Hosentaschen auszuleeren begonnen, weil er dachte, er darf rauf. Das wäre interessant geworden, denn die drei Ladies sollten nachher den Drummer so sexy wie möglich antanzen, um einen Preis zu gewinnen. Dieser ging schlussendlich an Steffie, die bei ihrer Darbietung kurzerhand ihr Oberteil auszog. Auch das sei bisher noch nie vorgekommen, meinte der etwas verdutzte Veranstalter neben mir.
Was soll ich sagen… es war unterhaltsam, es wird definitiv etwas fürs Auge geboten und mein Fotoherz schlug einige Male höher bei dem tollen Licht. Ja, Licht und Schatten ist der beste Freund eines Fotografen. Und vermutlich wissen einige, dass man Konturen - in diesem Fall ein Sixpack - mit geschickt gesetztem Licht noch eindrücklicher erscheinen lassen kann. Zudem erzeugt es Stimmung und macht den Unterschied zwischen einem billig erscheinenden Strip und einer künstlerischen Darbietung. Natürlich ist es sexy, aber es wirkte auch mich nie wirklich schlüpfrig. Und wer die Mitglieder von Sixx Paxx live erleben will, kann ihnen entweder hinterherreisen oder Tickets für die neue Show kaufen, die nächsten Februar wieder in Zürich Halt macht.
Eventdatum: 27.01.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Theater Spirgarten, Zürich
Veranstalter: Schwarzwyss GmbH
Zuschauerzahl: 800
https://www.szenemagazin.ch/event/item/1008-sixx-paxx?print=1&tmpl=component#sigProId4560dcd778
