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Cirque du Soleil – Corteo

Cirque du Soleil – Corteo Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Vom 17. bis 20. Oktober 2024 gastiert der Cirque du Soleil im Hallenstadion Zürich. Die 100-minütige Show zeigt uns, wie sich Clown Mauro seine eigene Beerdigung vorstellt: als fröhliche Parade, begleitet von Engeln. Deshalb auch der Name der Show, denn «Corteo» bedeutet auf Deutsch «Festzug».

Seit 2018 faszinieren mich die Shows des Cirque du Soleil und wenn immer ich darf, bin ich auch bei den Backstage-Touren mit dabei. Während ich Totem und Luzia im Chapiteau erlebte, war OVO meine erste Arena-Produktion. Mit Corteo werde ich dieses Jahr die vierte der total 20 Shows live sehen, die weltweit aufgeführt werden. Sie hatte 2005 unter der Regie des Tessiners Daniele Finzi Pasca Premiere in Montreal. Seither ist sie konstant auf Tour und wird für 4 Tage im Hallenstadion gastieren.

Aber ist es die gleiche Atmosphäre, wenn man in einer Halle sitzt, statt in einem Zelt? Käumlich. Das bestreitet wohl auch keiner. Für mich persönlich büsst es jedoch eine gehörige Portion an Zauber ein. Für manchen Zuschauer ist die Bühne zudem relativ weit weg. Aber Shows wie diese werden zwei bis drei Jahre im Voraus organisiert. Und da ist das Hardturmareal für eine Show im Chapiteau schlichtweg zu risikobehaftet.

 

Ein Blick hinter die Kulissen

Auf Backstagetouren bekommt man Dinge zu sehen, die den Zuschauern normalerweise verborgen bleiben. Aber zerstört das nicht ein wenig die Magie? Im Gegenteil. Das ist nicht so wie bei Zauberern, die ihre Tricks lüften und man dann denkt: «Das hätte ich lieber nicht gewusst». Bislang hat es mich die Show noch intensiver erleben lassen und den Respekt an die Darbietungen erhöht. Ich finde es auch sehr spannend zu wissen, wer alles zum Gelingen so einer grossen Produktion beiträgt. Bei Corteo sind 53 Artisten für uns alle sichtbar im Einsatz. Manche davon sind Olympioniken, die mit der Teilnahme am Swiss Cup ihre ganz persönlichen Erinnerungen ans Hallenstadion haben. Hinter den Kulissen sorgen 120 Crewmitglieder dafür, dass alles glattläuft und die Aufführung stattfinden kann: Techniker, Küchenpersonal, Bekleidungstechniker, Stage Hands, Marketing, Trainer und so weiter. Da dies eine Arenaproduktion ist, bleiben sie in jeder Stadt nur ein paar Tage. Deshalb reisen keine schulpflichtigen Kinder mit wie es zum Beispiel bei Luzia der Fall war.

Dass die Show viel Material benötigt, verraten die 24 Trucks auf dem Hallenstadion-Parkplatz. Nach 18 Jahren auf Tour ist vieles längst eine effizient funktionierende Routine. Für den Aufbau benötigen sie 12 Stunden – eingepackt haben sie schneller. Das schaffen sie inzwischen in vier Stunden. Das Einpacken startet mit der Show: ist eine Nummer vorbei, wird das nicht mehr benötigte Material verstaut. So haben sie nach dem Schlussapplaus nach 2-3 Stunden alles in den Trucks, um weiterzureisen. Unterstützt werden sie dabei von lokalen Stage Hands. Ich habe eine Zahl von «rund 500 Leuten» gehört, als wir durch die Halle gestreift sind.

Heute Vormittag führen alle Acts ihre Nummern für den finalen Ton- und Lichttest durch. Alexandra Gaillard ermöglicht uns auf der Backstage-Tour spannende Einblicke. Vorstellungen in der Schweiz sind bei Corteo beispielsweise immer etwas Spezielles. Wieso? Weil Daddy dabei sei. Ich schaue sie mit Fragezeichen in den Augen an: Daddy? So nennen sie Daniele Finzi Pasca, der neben uns steht und am Bühnenrand die Darbietungen mitverfolgt. Deshalb bekomme ich seine ansteckende Freude mit, als er erfährt, dass heute Morgen noch zusätzliche Tickets in den Verkauf gingen. Das bedeutet für die Crew: last minute mehr Stühle aufstellen, die bestehenden Reihen anpassen. Nachdem wir einen ersten Eindruck der Bühne erhalten haben, geht es hinter die Kulissen. Da stehen Theaterbögen bereit, die an Romeo and Juliet angelehnt gestaltet wurden. Riesige Kronleuchter, die später durch die Luft schwingen, kleinere Versionen davon werden bei der Showeröffnung auf der Bühne stehen. In einem Kasten sind persönliche Ersatzbänder für die fliegenden Artisten. «Safety first», meint Alexandra.

Die Artisten fliegen aber nicht nur – manchmal müssen sie auch ungesehen zwischen den beiden Backstage-Bereichen hin- und herwechseln. Das natürlich, ohne dass die Zuschauer das mitbekommen. Durch die mittig platzierte Bühne sitzt das Publikum auf beiden Seiten. Deshalb stehen Transport-Rollbrettchen zur Verfügung, mit denen sie liegend unter der Bühne durchfahren. Den gleichen Schleichweg benutzen auch Techniker.

«Es spielen auch zwei Pferde mit», meint Alexandra mit Schalk in den Augen. Und schon hat sie einen Pferdekopf in der Hand und lüftet ein Geheimnis, das ich nicht weiterverrate. Spannend, wie solche Kostüme hergestellt werden. Insgesamt betreuen die Bekleidungstechniker 2500 Kostüme und 200 Paar Schuhe. Sie haben sogar produktionseigene Waschmaschinen auf der auf Tour dabei. So riechen die Outfits immer gleich und stellt sicher, dass den wertvollen Stücken beim Reinigen nichts passieren kann. Während wir durch den Aufwärmbereich und das ebenfalls mitreisende Gym spazieren, verrät sie uns weitere Geheimnisse zu eingesetzten Bühnenaccessoires. Einmal mehr fällt mir auf, wie freundlich der Umgang untereinander ist, mit wieviel Freude sie sich auf die Show vorbereiten. «Wir sind eine Familie», heisst es. Und das spürt man.

Alexandra gibt eine weitere Anekdote zum Besten: manche Zuschauer realisieren erst, dass die Bühne zwei Seiten hat, wenn der Vorhang aufgeht. Und andere buchen zwei Vorstellungen, um die Show von beiden Blickwinkeln aus zu geniessen. Bei dieser Aufführung ist die Band zudem für uns sichtbar. Zumindest die Hälfte davon. Denn die Musiker sind in vier Gruppen aufgesplittet und sitzen jeweils auf beiden Seiten links und rechts der Bühne. Da können sich die Bandmitglieder nicht wie sonst per Blickkontakt abstimmen. Drummer und Bassist trennt zum Beispiel eine komplette Bühne voneinander. Ihre Proben fanden deshalb teilweise im Dunkeln statt, um ihre Kommunikation ohne visuelle Komponente zu trainieren.

 

Vorhang auf – die Show beginnt

Ich korrigiere: die Show startet hinter einem leicht transparenten Vorhang, der meiner Meinung nach den verschleierten Blick oder die träumerische Vision darstellen soll. Grosse Teile der Aufführung kommen mit wenig Licht aus. So vergisst man stellenweise fast, dass hinter der Darbietung weitere Zuschauer sitzen. Wären da nicht die hellgrün leuchtenden Notausgangs-Schilder des Hallenstadions und die beleuchteten Treppenaufgänge.

Die Dialoge sind auf ein Minimum begrenzt und wechseln immer mal wieder stellenweise die Sprache: deutsch, italienisch, spanisch und englisch werden bunt gemixt oder in deutsch wiederholt. Man versteht die Story auch ohne die Unterhaltungen, aber in der Zeit werden natürlich die Umbauten vorgenommen. Ihr erinnert euch daran, dass die Darsteller manchmal unter der Bühne hin- und herwechseln müssen? Ich hatte mir fest vorgenommen, darauf zu achten, ob manche rechts abgehen und links wieder auf die Stage kommen. Daran habe ich am Abend aber nicht mehr gedacht. Manchmal läuft so viel gleichzeitig, dass man keine Chance hat, alles zu sehen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich befürchte, etwas zu verpassen und mein Blick ständig von links nach rechts wechselt. Die Show beinhaltet eine Vielzahl von akrobatischen Nummern: Aerial, Trampolin, Cyr wheel, flying pole, Wippe, Russian cradles, jonglieren, akrobatische Leiter, straps, Barren.

Sie alle ernten verdienten Applaus. Dabei wechseln sich energiegeladene Nummern mit humoristischen Teilen ab, mal wird es nachdenklich, sanft und romantisch, bevor wieder ein Hauch Dramatik in der Luft liegt. Immer wieder tauchen unerwartete Elemente auf, die mich die Stirn runzeln lassen: wie kommt man auf so eine Idee? Ich würde so gerne für einen Augenblick in den Kopf des Regisseurs blicken können, um seine Visionen durch meine Augen zu sehen. Wobei… genau das tue ich ja gerade. Die meisten Darbietungen sind so konzipiert, dass es keine Rolle spielt, auf welcher Seite man sitzt. Unverständlicherweise ist aber genau der Teil der Jongleurnummer mit dem Devil-Stick zu 90% zu einer Bühnenseite gerichtet. Dabei könnte man sich damit locker hin- und herbewegen, damit die Hälfte der Zuschauer den Act nicht nur von hinten mitverfolgen können. Immerhin: den schwierigsten Part mit 3 Stück gleichzeitig fand auf unserer Seite statt.

Fun fact zu den Heliumballonen: Die Füllmenge wird jeweils auf das Gewicht des Clowns angepasst, damit er abhebt, aber nicht hochfliegt. Beim Rundgang am Vormittag erzählte uns Alexandra scherzhaft, dass man deshalb wissen müsse, ob Gregorio vor der Show zwei oder drei Glas Wein getrunken habe. Bei dieser Nummer sind die Zuschauer gefragt, denn sie sollen Gregorio immer wieder mit Hilfe beider Hände in die Luft befördern, damit er in der Arena die Runde machen kann.

Ich verrate in diesem Bericht nicht sehr viel über die Show. Aber ich habe viele Fotos gemacht – sofern das Licht es erlaubt hat. Wie heisst es so schön? Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Das Limit habe ich bereits überschritten, weshalb ich jetzt die Fotos weitersprechen lasse.

 

   

Eventdatum: 17.10.2024

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Hallenstadion, Zürich

Veranstalter: fbm entertainment

Zuschauerzahl: 20'000

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
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