Eine ausverkaufte Halle 622 feiert Hozier
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Ja, manche Künstler möchte man mehrfach live sehen. Wie schon bei Muse gilt das auch für Hozier, den ich 2019 im Volkshaus fotografiert hatte. Damals gefiel mir zwar die Musik, aber die Setlist war nicht so nach meinem Geschmack. Ob er mich heute in der Halle 622 dazu bringt, begeistert mit der Musik mitzugehen?
Um 20 Uhr ist erst mal Victoria Canal an der Reihe. Die spanisch-amerikanische Singer-Songwriterin ist in München geboren und lebte in ihrer Kindheit in Shanghai, Tokyo, Barcelona, Madrid, Dubai, und Amsterdam. Dass sie von Geburt an rechts keinen Unterarm hat, hält sie von nichts ab. Mit 6 lernte sie Piano spielen und nahm klassischen Gesangsunterricht. Mit 11 Jahren begann sie, eigene Songs zu schreiben und nahm 2013 ihre erste Demo-CD in Dubai auf. Als sie 2015 nach Barcelona zog, begann sie ihr Studium an der Jazz Conservatory en el Aula del Conservatori. Ihre erste EP «Into the Pull» brachte sie 2017 selbst auf den Markt, ihre dritte EP «Elegy» unter dem Label Parlophone UK / Elektra US. Victoria Canal zeigt wie viele andere, dass man sich oft eigene Grenzen auferlegt oder von anderen auferlegen lässt. Sie meint dazu: «Du kannst buchstäblich alles machen, solange du das wirklich willst. Es braucht aber Einsatz. Und: Eine Behinderung definiert dich nicht.»
Heute habe ich mal wieder einen typischen «Misch»-Stunt hingelegt. Wer war vor dem Konzert im Glattzentrum am Shoppen und hat am Bahnhof Stettbach noch gemütlich etwas gegessen? Genau. Ich. Dass irgendwas nicht stimmt, habe ich erst 20 Minuten vor Konzertbeginn realisiert, als ich zu The Hall rübergehe. Ja, die Location hat zwar «Halle» im Namen, aber Hozier tritt in der Halle 622 auf. Nach einem vierfach-Facepalm bin ich mit Tram und Bus von Dübi nach Oerlikon getuckert und habe es beim Opener zum Glück noch auf den zweiten Song in den Fotograben geschafft. Und das auch nur, weil es für den Veranstalter in Ordnung war, dass ich selbstständig nach vorne komme. Ein Vorteil, wenn man schon länger fotografiert und die schnellsten Wege zur Bühne kennt.
Victoria spielt ihre ersten Songs auf der Gitarre und interagiert dazwischen aktiv mit dem Publikum. Vor dem dritten Lied wechselt sie ans Keyboard und meint entschuldigend, dass sie viel zu viel rede und mehr singen sollte. Stört aber niemanden, auch wenn wir natürlich ihre Musik hören wollen. Ihr Set dauert rund 35 Minuten, bevor sie sich von uns verabschiedet.

Um 21 Uhr wird die Musik ab Band ausgeschaltet und wir verteilen uns im Fotograben. Man sieht auf der Bühne nur Silhouetten und das Publikum begrüsst Hozier und die Band lautstark. Während das Licht bei Victoria Canal gut war, mussten wir bei ihm leider anderthalb Songs lang mit vorwiegend keinem oder dann aber dunkelblauem Licht zurechtkommen. Blau ist halt in unserer Haut als Unterton, drum ist es auf Fotos kaum rauszubekommen. Respektive war - mit den neuen KI-Spielzeugen kann man ja so ziemlich alles maskieren und separat bearbeiten, sieht aber trotzdem nicht immer gut aus. Aber für mich ist und bleibt Konzertfotografie etwas, das ich im Reportagenstil einfangen will und nicht nachträglich mit Software so manipuliere, dass es akzeptabel daherkommt.
Ich stelle mich inzwischen auf den Standpunkt: Wer schöne und ansprechende Bilder haben will, soll gutes Licht zur Verfügung stellen und den Fotografen nicht unnötig das Leben schwermachen. Dass es anders geht, sieht man beim letzten Song vor der Zugabe: Bei Take Me To Church ist die Bühne in dunkles Rot getaucht, während die Spots weisses Licht auf die Musiker strahlen. Perfekt für Fotos und auch als Zuschauer toll anzusehen. Natürlich haben Silhouetten auch ihren Reiz und man findet am Ende meistens immer ein paar Bilder, die einem gefallen. Nun gut, ist halt so und wir machen das Beste draus.
Nach dem Fotografieren stelle ich mich ganz hinten im Saal hin. Ausverkauft sei es, aber der Bereich unter der Galerie ist recht leer. Gut für mich, so sehe ich einerseits etwas von der Bühne und andererseits ist es nicht ganz so heiss. Zu Like Real People Do ist Victoria Canal nochmal auf der Bühne und singt im Duett mit Hozier. Das Publikum geht auch hier zu 100% mit, wie bei jedem Song, und feiert ihn. Ich für meinen Teil habe ein Déjà-vu von 2019 und kann mich irgendwie einfach nicht mit der Setlist anfreunden, die von Genre zu Genre hüpft. Ich werde wohl effektiv kein Anhänger seiner Liveauftritte, aber ich kann seine Musik ja einfach so geniessen. Er hat auch ohne mich eine Halle voller Fans - und noch mehr, schliesslich war der Abend ausverkauft. Ich kann also ganz offen und ehrlich sagen: es liegt an mir, nicht an dir, Hozier.

Eventdatum: 14.07.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Halle 622, Zürich
Veranstalter: Mainland Music AG
Zuschauerzahl: ausverkauft
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1103-eine-ausverkaufte-halle-622-feiert-hozier#sigProId11fcd9d8a3
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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