Gleich zwei Warmups sind mit Jason Derulo auf Tour. Zuerst legt ein DJ auf, während die Leute nach und nach eintreffen. Ab 20 Uhr soll dann der britische DJ Afro B auf der Bühne stehen. Seit 2013 schreibt und singt er Songs unter diesem Namen. Er kreierte das Musikgenre Afrowave, ein Mix aus Dancehall, Afrobeats, Rap und Hip-Hop. Sein Musikvideo zu Drogba (Joanna) war der Startschuss für die sogenannte Drogba Challenge, in der Youtuber den Mix von Tanzmoves aus all diesen Stilrichtungen übernahmen. Afro B ist auch beim britischen Hip Hop-Sender Capital Xtra tätig, wo er Samstags ab 23 Uhr die Sendung «Afrobeats» moderiert.
Normalerweise sind DJs nicht so einfach zu fotografieren, weil sie hinter einem Pult stehen, wenig Licht auf sie gerichtet ist und sie sich kaum bewegen. Doch Afro B steht mit zwei Tänzerinnen im Scheinwerferlicht und überlässt die DJ-Pflichten jemand anderem. Wir dürfen die ersten drei Songs fotografieren und können den Rest seines Sets leider nicht bleiben. In den Katakomben (dort, wo früher die Eismaschine ein- und ausfuhr) hören wir lediglich, wie gut die Stimmung ist und jemandem sogar ein Geburtstags-Ständchen gehalten wird.

Jason Derulo - eine Reise von 2009 bis heute
Der gebürtige Amerikaner wuchs in Florida auf, wo er verschiedene Performing Arts-Schulen besuchte. Schon mit acht komponierte er seine ersten Songs und seine Songwriter-Skills verbesserten sich stetig. In den Anfängen schrieb er für andere Künstler, bevor er 2009 seine Solokarriere startete. Sein bürgerlicher Name Desrouleaux war für viele ein Zungenbrecher, weshalb er sich als Künstlernamen für die phonetische Variante - Derulo - entschied.
Derulo spielte in Serien (meistens sich selbst), sass in Musikjuries und wirkte als Gastsänger in Songs anderer Künstler mit. Weltweit hat Derulo über 250 Millionen Singles verkauft, wurde zwischen 2010 und 2023 (mit Ausnahme der Jahre 2019 und 2022) für unzählige Awards nominiert. Er produzierte EPs, Compilations und 5 Studioalben. Sein Debütalbum «Jason Derulo» von 2010 ist das Meistverkaufte, am besten platziert war «Everything is 4». Das aktuelle Album «Nu King» kam vor knapp einem Monat auf den Markt. Insgesamt veröffentlichte Derulo bislang 56 Singles. Seine erste Auskopplung Whatcha Say stieg in den USA auf Platz 1. Es dauerte 10 Jahre, bis er es mit einem Song nochmal an die Spitze schaffte. Und das nicht nur in den USA, denn Savage Love (Laxed - Siren Beat mit Jawsh 685 von 2020 war in 10 Ländern auf Platz 1.
In seiner Show im Zürcher Hallenstadion gibt er 27 Titel zum Besten. Seine Setlist enthält Hits von seiner Anfangszeit bis zum aktuellen Album. Auf der Bühne sind die Musiker auf erhöhten Plattformen, links und rechts ist je eine Büste eines Space Girls, eine dritte hängt an der Decke. Bevor das Konzert startet, wird ein Countdown eingeblendet. Erst wird das Video zu Nu King gezeigt, bevor Derulo auf der mittleren Plattform erscheint. Schon nach den ersten Takten zu Whatcha say schiesst Pyro in die Höhe, irgendwann knallt es und ich fluche wohl etwas zu laut, weil ich mich erschrocken hab und dafür von der Security breites Grinsen ernte. Nach drei Songs spurte ich durch die Katakomben, gebe meine Ausrüstung ab und gehe so schnell wie möglich zu den Presseplätzen hoch. Erst da fällt mir auf, dass alle ein LED-Armband tragen, das im Takt zur Musik blinkt. Mal rot, mal weiss, mal blau. Das Lichtermeer ist sehr eindrücklich. Zu In my Head übernimmt das Hallenstadion mal kurz den Chorus. Derulo und seine Tänzer zeigen powergeladene Choreographien. Es dauert drum auch nicht lange, bis er glitzernde Schweissperlen auf der Haut hat. Immer mal wieder greift er zum Handtuch und macht Outfit-Changes.

Immer wieder erzählt er uns etwas über die Songs, das neue Album oder das Leben allgemein. Zum Beispiel, dass er den Song Ridin‘ solo in Mamas Keller geschrieben hat. Oder wie viel Arbeit im neusten Album steckt. Und dass 2024 unser Jahr sei. Es scheint, als würde das Publikum an seinen Lippen hängen. Zumindest so lange, bis er sein Shirt anhebt, um sich den Schweiss abzuwischen und die Menge mal kurz ausrastet. Generell zeigen seine Tänzerinnen mehr ihre durchtrainierten Bodies als die Männer. Bei It Girl ähnelt es dann schon eher einer «private Club performance» und die Halle tobt. Danach zeigen die Tänzer ihr Können in Einzelperformances, während Derulo nicht auf der Bühne ist. Zu U + I ist er in neuem Outfit zurück - ich habe aufgehört zu zählen, wie oft er sich schon umgezogen hat. Natürlich darf bei einer Party die Schlangenkonfettimaschine nicht fehlen. Einige sammeln die Papierschlangen sogar ein, um sie als Souvenir mit nach Hause zu nehmen.
Ja, auch Derulo hat einen guten Body, so ist’s nicht. Aber er überzeugt mit seiner Stimme mehr als genug und bräuchte keine optische Ablenkung unserer Ohren. Vor Talk Dirty To me geht er durch den Graben und wird ununterbrochen betatscht. Er hat zwar ein Lächeln aufgesetzt, aber sein Blick zeigt deutlich, dass er das nicht wirklich mag. Es ist Teil der Show, seines Images, aber wer hat wirklich Spass daran, dauernd von wildfremden Menschen angefasst zu werden? Zurück auf der Bühne denke ich - naiv wie ich bin - sein Shirt sei eingerissen. Aber das war absichtlich eingeschnitten, damit er es wegreissen kann. Und natürlich steht einmal mehr die ganze Halle Kopf.
Als letzter Song steht Down auf der Setlist. Ich stehe auf, schlendere langsam zur vordersten Tür und beim Schlussapplaus bin ich schon bei den Ausgängen. Dort versuchen sie die LED-Bänder wieder einzusammeln. Eigentlich gut, dass die recycelt und beim nächsten Konzert wieder eingesetzt werden sollen. Aber das wird wohl so mancher Fan in seiner Tasche verschwinden lassen - selbst wenn es nie mehr blinken wird.
Eventdatum: 29.03.2024
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: Gadget abc entertainment group ag
Zuschauerzahl: ca 7'800
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