Zwei Stunden Stimmakrobatik im Kaufleuten
Marcel Kaul / szenemagazin.ch
Der a cappella-Fan pilgert heute Abend ins Kaufleuten nach Zürich. Dort wird er sich dem Sound von Naturally 7 hingeben.
So mache es auch ich, denn damals, als ich gehört habe, dass sie wieder nach Zürich kommen, wurde der Termin direkt in meiner Agenda eingetragen. Zuletzt konnte ich sie am Live at Sunset geniessen, was schon sieben Jahre her ist. Die Schlange am Eingang zum Kaufleuten ist kurz, was mir Sorgen macht. Entweder sind es so wenig Zuschauer, oder alle sind schon drin. Die Lage ist dann aber anders, die Leute kommen erst. Ich verziehe mich schon mal auf den Balkon, denn die Fotoregel besagt: nicht aus der Frontreihe.
Punkt 20:00 Uhr geht es los. Das Programm «The Movies» erklärt die vielen Filmsoundracks auf der Setlist. Zwischen den Liedern immer wieder ein Einspieler auf der Leinwand, wie man sie von Filmen her kennt, 20th Century Fox oder MGM mit dem brüllenden Löwen zum Beispiel. Spätestens nach dem THX Intro sind dann alle wach. Ich zweifle jedoch daran, dass das Kaufleuten die THX Zertifizierung bestehen würde. Habe ich Leinwand gesagt? Jawohl, Naturally 7 kommen mit extrem wenig Material aus. Stühle, Mikros und eine Leinwand, auf der mittels altbackenem Projektor Videos gezeigt werden. Das einzige elektronische Gerät auf der Bühne ist das Loopdeck, welches sie immer wieder mit ihren Stimmeffekten belegen.
Zum ersten Mal aktiv wird das Publikum bei den ersten Klängen zu Axel F. Die meisten Anwesenden haben ein Alter, in dem sie entweder schon beim Release von «Beverly Hills Cop» dabei waren, oder es in frühen Jugendjahren zumindest noch auf VHS gesehen haben. Es folgt nun das James Bond-Theme, das auch jedermann kennt. Die sieben Herren auf der Bühne sind glaube ich in der Tat Filmfans. So kann Roger Thomas sämtliche James Bond-Filme aufzählen. Nicht nur die Namen, sondern auch die Darsteller und die Jahrgänge der Filme kann er auswendig. Er fühlt sich durch seinen Vornamen dann auch eher mit Roger Moore verbunden, doch er muss zugeben, dass Daniel Craig zeitlich gesehen der Schauspieler sei, der am längsten die James Bond-Figur verkörpert.
Während sie den Soundtrack zum Film «Shaft» performen, fällt mir ein erstes Mal bewusst auf, dass nicht nur Warren Thomas, sondern auch die anderen die «gespielten» Instrumente mit Handbewegungen simulieren. Warren sitzt, wie es sich für einen Schlagzeuger gehört, etwas erhöht und etwas hinter den anderen, als ob er hinter den Drums sitzen würde. Es folgen von einem Regenschirm unterstützt Raindrops Keep Falling on my Head und Singing in the Rain. Die erste Hälfte des Sets beenden sie mit The Glory of Love und Stayin’ Alive, welche bei mir Gänsehaut ausgelöst haben. Zu Stayin’ Alive kann dann auch ich nicht mehr ruhig dastehen.
Naturally 7 ist eine aussergewöhnliche a cappella-Gruppe, die 1999 in New York City gegründet wurde. Die Band ist bekannt für ihren einzigartigen Stil, den sie selbst als «Vocal Play» bezeichnen, bei dem sie mit ihren Stimmen Instrumente imitieren und damit ein komplettes Bandgefühl erzeugen. Die Gründungsmitglieder sind Roger Thomas, Warren Thomas, Rod Eldridge, Napoleon «Polo» Cummings, Dwight Stewart, Garfield Buckley und Jamal Reed. Die Geschichte von Naturally 7 beginnt mit den Brüdern Roger und Warren Thomas, die seit ihrer Kindheit eine Leidenschaft für Musik teilten. Roger, der musikalische Leiter der Gruppe, entwickelte das Konzept des «Vocal Play», das die Band von anderen a cappella-Gruppen unterschied. 1999 fanden die Brüder Gleichgesinnte, die ihre Vision teilten, und Naturally 7 war geboren.
Die Band begann, in verschiedenen Clubs und bei Wettbewerben aufzutreten, was ihnen erste Aufmerksamkeit und Anerkennung einbrachte. 2000 veröffentlichte Naturally 7 ihr Debütalbum «Non-Fiction», das ihnen ermöglichte, eine treue Fangemeinde aufzubauen. Ihr einzigartiger Sound und ihre beeindruckenden Live-Auftritte führten zu steigender Popularität. Der Durchbruch kam 2006, als die Band an der französischen Fernsehsendung «Taratata» teilnahm. Ihr Auftritt, bei dem sie Phil Collins' Hit In the Air Tonight performten, ging viral und verschaffte ihnen internationale Aufmerksamkeit. Dieser Erfolg führte zu einer Zusammenarbeit mit Michael Bublé, mit dem sie auf Tour gingen und weltweit auftraten. Die Zusammenarbeit mit Bublé erwies sich als Karrieresprungbrett, das Naturally 7 half, ihre Reichweite erheblich zu erweitern.
2007 veröffentlichte die Band ihr Album «Ready II Fly», das positive Kritiken erhielt und ihre Position in der a cappella-Welt festigte. Songs wie Feel It (In the Air Tonight) und Wall of Sound demonstrierten ihre Fähigkeit, verschiedene Genres zu mischen und einen unverwechselbaren Klang zu erzeugen. Die Mischung aus R&B, Pop, Jazz und Gospel wurde zu ihrem Markenzeichen. Naturally 7 blieb nicht stehen, sondern entwickelte ihren Stil kontinuierlich weiter. Ihre folgenden Alben, darunter «VocalPlay» (2010) und «Hidden in Plain Sight» (2012), zeigten ihre musikalische Vielfalt und Experimentierfreude. Sie traten weiterhin weltweit auf und spielten in renommierten Venues und bei grossen Festivals.
Naturally 7 hat die a cappella-Musikszene nachhaltig beeinflusst. Ihr Konzept des «Vocal Play» inspirierte zahlreiche andere Gruppen und Einzelkünstler, neue Wege in der Vokalmusik zu gehen. Sie haben gezeigt, dass a cappella weit mehr sein kann als traditioneller Gesang und haben die Möglichkeiten vokaler Performance erweitert. Ihre Fähigkeit, ohne Instrumente eine komplette Band zu simulieren, hat nicht nur Musikliebhaber beeindruckt, sondern auch die Aufmerksamkeit von Musikern und Produzenten weltweit geweckt. Die Zusammenarbeit mit Künstlern wie Quincy Jones und Coldplay unterstreicht ihren Einfluss und ihre Bedeutung in der modernen Musikwelt.
Als ich vor der Show die Setlist von einem vorgegangenen Konzert angeschaut habe und zwei Sets gesehen habe, dachte ich an eine Pause mit Licht an und Getränke holen. Nee, sie trocknen nur ihre Schweissperlen ab und trinken was, dann geht es schon weiter. Die Künstler müssen auch während der Show immer wieder ihre Stimmbänder befeuchten und trinken nicht wie andere aus normalen PET-Flaschen Wasser, sondern haben metallenen Getränkeflaschen.
Wir hören nun, dass der erfolgreichste Song 1952 über einen jungen Hund (Puppy) im Schaufenster war. Der Wandel in den darauffolgenden Jahren war enorm und der Rock ‘n Roll kam auf. So stimmen sie zu Jailhouse Rock von Elvis Presley an. Etwas später in der Zeitrechnung kam der nächste Song dann heraus, Yesterday von den Beatles. Darauf folgt ein Medley von Pretty Woman, The Time of my Life und Eye of the Tiger. Hier hat mehrfach das Publikum aktiv mitgesungen. Sie sind sich dann sicher, dass die Zuschauer beim nächsten Song vermutlich besser mitsingen werden, und so ist es dann auch. Zu Ghostbusters von Ray Parker Jr. wird zum Teil lauthals mitgesungen.
Die bis jetzt stimmende Setlist hätte als nächstes White Christmas drauf. Diesen Song lassen sie aber gekonnt aus, ich denke sie hatten zu warm. Dafür folgt ein weiteres Medley von Simon & Garfunkel, mit Songs aus dem für mich unbekannten Film The Graduate. Ich habe hier Nachholbedarf. The Sound of Silence, Scarborough Fair und Canticle werden vorgetragen und auch das Publikum ist sich zumindest mit den beiden letzteren Songs nicht sicher, ob sie sie kennen. Bei The Sound of Silence ist dies jedoch kein Problem. Weiter geht es mit dem Kinoprogramm, oder doch nicht? Mrs. Robinson, der ebenfalls von Simon & Garfunkel stammt, wurde zwar ursprünglich auch für «The Graduate» komponiert, aber fand dann kein Gehör beim Regisseur. Dennoch wurde der Song weltbekannt.
This Woman’s Work von Kate Bush ist dann eher ein Stück, das für höhere Stimmlagen gedacht ist, was aber für Lee Ricardo Cort a.k.a. Ricky kein Problem ist. Wir erfahren, wie diverse Musikfilme für Roger Thomas prägend waren und im Informationen lieferten, die er zuvor nicht hatte. So zum Beispiel hat er «Ray», «Bohemian Rapsody» und «What’s Love got to do with it» erwähnt, wodurch er viel mehr Respekt für die Künstler und deren Songs bekommen habe. Dasselbe gelte auch für den nächsten Künstler, Bob Marley und dessen Verfilmung. Erneut wird das Loopdeck gefüllt mit Stimmeffekten und sie stehen hierfür in Reih und Glied an. Mit Get Up, Stand Up bringen sie dann nochmals das Haus zum Mitwippen und lassen sich feiern. Sie setzen sogar zu einer Verlängerung des Songs an und stellen die einzelnen Mitglieder vor. Sie ziehen sich kurz zurück, um sich zu erfrischen, während das Publikum eine Zugabe fordert.
In der ersten performen sie Lose Yourself von Eminem. Der Hit stammt aus dem Jahr 2002, sollte also allen geläufig sein, doch das Musikgenre passt dann vielleicht doch nicht und auch den Film «8 Mile» hat vermutlich nicht jeder gesehen. Da war der Schluss dann wieder eher nach dem Gusto der Zuhörer, mit Fix You von Coldplay. Der Schlussapplaus zeugt davon, dass nicht nur die sieben Herren auf der Bühne ihren Spass hatten, sondern auch alle im gut gefüllten Kaufleuten.
Wer sie verpasst hat oder nochmals sehen möchte: sie sind noch bis Ende Juli unterwegs in Europa, danach gibt es im Oktober nochmals eine ausgedehnte Deutschlandtour. Die Daten und Orte findet ihr unter https://www.naturallyseven.com/
Eventdatum: 04.06.2024
Fotograf: Marcel Kaul / szenemagazin.ch
Location: Kaufleuten, Zürich
Veranstalter: AllBlues
Zuschauerzahl: unbekannt
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1271-zwei-stunden-stimmakrobatik-im-kaufleuten#sigProId33e965256a
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Marcel Kaul
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