Kochende Hitze im Z7
Nils Blattner / szenemagazin.ch
Die Kanadier sind sich eigentlich Klimaanlagen gewöhnt, trotzdem geben sie im Kessel Vollgas.
Der Juni in der Nordwestschweiz war bisher nicht von allzu hohen Temperaturen gesegnet und so ist der Spaziergang zum Z7 auch eher frisch. Die Fans pilgern zahlreich mit mir mit, einige warten vor dem Z7, viele mehr stehen aber schon drin. Nach Auftritten am Rock im Park, Rock am Ring und einem kurzen Ausflug nach Amsterdam kommen die Kanadier Billy Talent ins kleine Pratteln. Mitgebracht haben sie die englischen Wargasm. Mit dem Intro ab Band kommt das Publikum langsam in die Halle herein und das Londoner Duo eröffnet die Show. Optisch bestechen sie durch seine Herzbrille und ihr sehr knappes Geparden-Bikini. Akustisch werden sie unterstützt von DJ, Drums und einer zusätzlichen Gitarre, der Sound erinnert anfangs an Limp Bizkit. Also griffige Riffs und viel Geschrei. Der Aufforderung, gleich anfangs einen Mosh-Pit zu starten, kommen die Fans nicht nach, sie müssen sich erst noch an den Stil gewöhnen. Apropos Stil: Der ist schwierig zu fassen. Manchmal grenzen die Beats fast schon an Techno, um im nächsten Lied an The Prodigy zu erinnern. Egal, die langsamen Headbangs in der Menge scheinen Zustimmung zu sein. So schnell sie da waren, so schnell verschwinden sie wieder. Nach nur 30 Minuten ist das Set zu Ende. -> Bilder Wargasm
Etwa so lange müssen die Fans dann nochmals warten, bevor die Truppe um Leadsänger Benjamin Kowalewicz die Bühne betritt und gleich mit dem kraftvollen Devil in a Midnight Mass startet. Bam! Das Schweizer Publikum ist dabei und geht ab. Die erste Single des zweiten Studioalbums «Billy Talent II» kennt man und es wird kräftig mitgesungen. Nach einem weiteren Lied der Platte wechseln sie in die Neuzeit und spielen I Beg to Differ (This Will Get Better) aus dem neusten Album. Trotzdem singen viele mit. Die Single von 2020 passt perfekt in eine Zeit, in der sich Negativschlagzeilen gegenseitig den Rang ablaufen. So wird das Lied auch angekündigt: für alle die im Moment etwas strugglen, «this will get better». Danach gibt es einen Schritt zurück zum gleichnamigen Lied des Albums «Afraid of Heights», um mit einem unverständlichen Kommentar über «Airconditioning» zum Ghost Shi pof Cannibal Rats zu wechseln.
Den Start macht der Gitarrist mit der stylischen Block-Friese, Ian D’Sa, mit einem kernigen Riff. Der singt zusammen mit dem weniger auffällig aussehenden Bassisten Jonathan Gallant die Backgroundvokals. Ein wichtiger Teil des Sounds von Billy Talent ist denn auch der Gegensatz zwischen dem fast schon harmonischen Hintergrundgesang und der schreienden, kreischenden Stimme von Benjamin. Der darf dann aber die Zuschauer auch zwischen den Tracks bei Laune halten und fragt sie nun: «How do you pronounce Pratteln? Bratteln? How the fuck do I say it??». Scheinbar hat er sich zumindest die Ortschaft merken können. Bei klirrenden Gitarrentönen wiederholt er das Wort noch ein paar Mal, sagt dann zweimal «Passport» ohne weiter zu erläutern. Von dem klirrenden Tönen geht es dann über einen Schlagzeugbeat, bei dem mitgeklatscht wird, direkt zum Schrei «What you see is». Zurückgeschrien wird «what you get». Also volle Punktzahl für die Zuschauer beim Line & Sinker. Nun scheinen aber technische Schwierigkeiten aufzutreten, zuerst sind Roadies bei Ian und hantieren am Mikrofon, dann bei Jonathan, bei dem sie das Mikrofon gleich austauschen.

Die Schweiz sei so fortgeschritten und zukunftsorientiert, aber «airconditioning … you guys don’t like it, you like it hot and sweaty». Sie kommen ja aus Kanada, sie mögen es etwas kühler. Aber! «Tonight we will be hot and fucking dirty with you!» zu lautem Gröhlen und stimmen River below an. Nach diesem lustigen Skit dann ein nachdenkliches Stück. Nothing to Lose künden sie mit einer Ansage an: Heute bedeutet es fast mehr als vor 20 Jahren. «Just remember to go easy on yourself, to go easy on the people in the world. And if there’s somebody out there that is struggling and needs help, please reach out! Because we love you and we want you here on this planet!». Die Message kommt an und der Applaus zeigt die Zustimmung. Die ersten Crowdsurfer passen zwar nicht ganz ins Bild, die weissen Engelsflügel auf dem Bühnendisplay dafür um so mehr. Auf das ebenso ruhigere Surrender folgt Rusted From the Rain, bei dem sogar der Staff der Bar die Atmosphäre mit dem Handy aufsaugen. Die besinnliche Stimmung bleibt weiter aufrecht, als die Band in der Mitte von Try Honesty eine Pause einlegen und sich fürs zahlreiche Kommen bedanken. Sie sind nun 30 Jahre unterwegs und wissen, dass wir alle viel um die Ohren haben und die Welt «absolutely fucked» ist. Darum danken sie uns von ganzem Herzen, dass wir Zeit aus unserem stressigen Alltag herausgenommen haben und mit ihnen abhängen. «It means the world to us!» Nach diesem «chill out» kommt nun das «ramp up» und Benjamin fragt in die Runde, wer das zweite Album «Billy Talent II» hat. «Remember records? Remember those things, that people would buy and listen to?». So kündet er sein Lieblingslied von dem Album an: Pins and Needles. Während erneut etwas mit dem Mikrofon des Gitarristen nicht stimmt, gibt es wieder einen Kommentar des Sängers über einen Passport. Nun erklärt es auch, was es damit auf sich hat. Der Drum-Tech hat heute seinen Pass verloren. Und Benjamin findet es lustig, ihn damit aufzuziehen. Wir sehen den armen Wicht auf der Seite der Bühne nicht, aber wer den Schaden hat, braucht sich um den Spott nicht kümmern.
Langsam wird die Hitze unerträglich. Ich stehe zum Glück bei einem Ausgang, der sich verdankenswerterweise leicht öffnen lässt. Draussen ist die Luft angenehm, es rieselt leichter Regen und der Durchzug durch die Öffnung ist ein Segen. Auf der Bühne muss die Hitze unerträglich sein. Nach Saint Veronika meldet der Sänger «are you hot enough? Do you think, we can get hotter? Let’s fucking go!». Mit den beiden eher neueren Liedern Reckless Paradise und Surprise Surprise starten sie Devil on my Shoulder zum Endspurt. Die Bühne wird in Rot eingetaucht und, man kennt es, mitgesungen. Beim etwas skurrilen Viking Death March stellt Benjamin seine Mitstreiter vor, um gleich vom Publikum Red Flag vorgesungen zu kriegen. Die grössten Hits spart man sich für den Schluss auf und dann gleich im Doppelpack. Den Abschluss macht Fallen Leaves, zu Gegröhle, Mitsingen und Geklatsche schliessen Billy Talent mit einem einfachen «thank you».
Nach der Hitze und der Energie im vollen Z7 ist die Abkühlung in der frischen Abendluft eine willkommene Abwechslung. Ganz weg ist sie aber noch nicht und hält auf dem Heimweg warm, T-Shirt-Wetter bei 10 Grad im Juni eben.
Eventdatum: 11.06.2024
Fotograf: Nils Blattner / szenemagazin.ch
Location: Z7, Pratteln
Veranstalter: Z7
Zuschauerzahl: unbekannt
Billy Talent
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1273-kochende-hitze-im-z7#sigProId6e8638c87e
Wargasm
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1273-kochende-hitze-im-z7#sigProId6f15a7c24e
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Nils Blattner
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