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Marco Mengoni: Musik, die vom Ohr durch den Körper wandert

Marco Mengoni: Musik, die vom Ohr durch den Körper wandert Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Seine Stücke reichen von Balladen über Lieder, die Lust zum Tanzen wecken, Sommerfeeling pur und melancholische Songs. Der 36-jährige Wahlmailänder lässt uns in eine Welle von Emotionen eintauchen. Und das erreicht er mit seiner Musik und den optischen Elementen.

Mit 14 begann er, Gesangsunterricht zu nehmen, arbeitete einige Jahre als Tontechniker und Sound-Assistent. Sieben Jahre später gewann er mit Dove si vola die dritte Staffel von X Factor Italia. Die Single schoss auf Platz 1 der italienischen Downloadcharts und Titelsong seiner ersten EP. 2010 nahm er erstmals am Sanremo-Festival teil und erreichte mit Cremini ancora den dritten Platz.

Als erster Italiener gewann Marco Mengoni 2010 den MTV Europe Music Award als «Best European Act». 2023 war ein erfolgreiches Jahr für Mengoni, als er nach 2013 zum zweiten Mal das Sanremo-Festival gewann und erneut Italien am Eurovision Song Contest antrat. Mit Due Vite erreichte er den 4. Platz. Zudem gewann er damit den Marcel Bezençon Award für die beste Komposition. Das zehnte Album «Materia (Prisma)» von 2023 ist der Abschluss der Trilogie, die von seiner persönlichen Entwicklung, Selbstreflexion und Facetten seiner Identität handelt.

 

Musik trifft auf Tanz und Ausdruck

Bevor es losgeht, stehen wir noch seitlich zur Bühne. Aus dem Backstagebereich kommt jemand und fragt uns auf englisch, ob wir aus Zürich seien. Wir nicken und er fährt fort, er müsse wissen, was «Good evening, Zurich!» auf deutsch heisse, weil Marco sein Publikum so begrüssen wolle. Einige sagen es auf schweizerdeutsch und er winkt ab – das könne er nicht wiederholen. Wir sagen es nochmal in hochdeutsch und er übt. Das typisch zürcherische Halskratzen für das «ch» bekommt er nicht ganz hin und sagt deshalb «Zürikk». Damit ist er happy und verschwindet wieder hinter den Kulissen. Die Fotografin neben mir, Patrizia, meint auf einmal: «Wenn er jetzt auf die Bühne kommt und einfach ‘Buonasera Zurigo’ sagt, ich schwöre!», aber wir hätten dann Insiderwissen. Und was soll ich sagen, er hat uns später auf deutsch begrüsst und die Halle tobt.

Es spielt keine Rolle, welchen Song er spielt: vom Ohr wandert die Musik automatisch durch den Körper. Manchmal lässt er einem die Augen schliessen, ein Lächeln auf dem Gesicht erscheint und man wiegt sich leicht hin und her. Andere sorgen für breites Grinsen, Erinnerungen an Strandurlaube kommen auf, erreichen die Hüften und Beine für ein Tänzchen. Andere erreichen die Füsse und animieren zum Mitwippen. Aber er bedient nicht nur das Gehör, auch visuell bietet die Show viel.

 

Eine Reise mit Botschaften und Erkenntnissen

Sein Set ist in verschiedene Kapitel unterteilt, die jeweils mit einem Titel und zugehörigem gesprochenem Intro beginnen. Die Botschaften sind tiefgründig und ich hätte sie mir zu gerne nochmal irgendwo angehört – finde aber nichts im Internet. Zuallererst tauchen von unserer Seite her Gestalten in weissen Gewanden auf, die rund um die T-Stage gehen. Das ist auch der Grund, weshalb wir noch nicht in den Graben durften. Schlussendlich sind sie auf der T-Stage angelangt und für mich fühlt es sich einen Moment an wie eine Modenschau. Dann kommt Marco Mengoni mit wallendem Mantel auf die Bühne und wir dürfen von vorne rechts vier Songs fotografieren.

Ich habe ehrlich gesagt schon lange kein Konzert mehr gesehen, wo die ganze mögliche Breite der Stage ausgenutzt wurde und trotzdem nicht überladen wirkt. Links und rechts stehen die Musiker und jeweils zwei Vocalists. Die Tänzer sind ebenfalls ein wichtiger Teil und zeigen nicht nur ihr tänzerisches Können. Mittig sind Elemente platziert, die wie die Spitze eines felsigen Gebiets aussehen. Am Boden wabert Nebel, der das Ganze noch realistischer wirken lässt. Dahinter eine LED-Wand mit wechselnden Motiven, manchmal auch Livebilder von der Show.

Am Ende jedes Kapitels verschwindet Mengoni von der Bühne und wechselt sein Outfit. Von schwarzer Hose mit Glitzerjacke, zu Waschbrettbauch-Korsett, über Glitzeroberteil zu Highwaist-Jeans und Jacke mit übergrossen Ärmeln ist alles dabei. Auch die Vocalists und Tänzer wechseln immer mal wieder ihre Garderobe. Dies soll vermutlich auch den Prozessabschnitt verdeutlichen, wenn er quasi in eine neue Haut schlüpft.

 

Überraschungen inklusive

Die T-Stage ist mit einem kleveren Hydrauliksystem ausgerüstet. Denn auf einmal wird sie wie eine Rampe hochgefahren und schlussendlich horizontal gestellt. Als erstes fragt er, wie viele Italiener hier seien und ich würde sagen, ausser mir waren das vermutlich noch maximal drei weitere Zuschauer, die nicht aufgestreckt haben. Auf die Frage, wie viele Zürcher hier seien, sind deutlich weniger Hände in die Luft geflogen. Scheint so, als wären einige durch die halbe Schweiz gereist, um ihn live zu sehen. Danach sucht er jemanden im Publikum, der für ihn übersetzen könnte, entschliesst sich dann aber, auf englisch loszulegen. Das stösst bei seinen Fans aber nicht auf Wohlwollen und die Rufe «in italiano!» werden immer lauter. Er schwenkt um auf seine Muttersprache und redet gut 5 Minuten mit uns respektive zu uns. Unter anderem bedankt er sich auch, dass so viele heute hier seien, obschon seine letzte Platte vor 2 Jahren rausgekommen ist.

Der Stage wird um 90 Grad parallel zur Bühne gedreht. Vier Tänzer kommen auch auf diese Plattform und alle inklusive Marco sichern sich mit einem Seil. Denn jetzt wird nicht nur getanzt, der Steg dreht sich auch dabei. Gerade als ich dachte, das wäre eventuell noch ein cooles Video, werden Konfettikanonen gezündet und taucht alles in weissen Flitter ein. Schade, Schokolade, das habe ich verpasst.  Eventuell habe ich den Aufruf überhört, aber zum Starlight-Cover stehen auf einmal alle auf. Marco kündigt den letzten Song des Abends an, als er sich beim Verlassen des Stegs noch ein Spielchen mit dem Lichttechniker erlaubt. Er geht einige Male schnell aus dem Lichtkegel und kommentiert das entsprechend – ob Teil der Show oder nicht, es war witzig. Dann dreht er sich zu uns um und sagt ein simples «Buona notte!», bevor er loslegt.

Aber wer jetzt denkt, dass er danach vor dem Encore von der Bühne geht und sich bitten lässt… der irrt. Ok, technisch gesehen verlässt er die Bühne. Denn jetzt ist es Zeit, sich seinen Fans zu widmen! Er liest nicht nur mehr oder weniger jedes grössere Plakat in seiner näheren Umgebung. Nein, damit ist es nicht getan. Marco geht sogar vom Steg runter, um Selfies zu machen und den ein oder anderen Wunsch zu erfüllen, die auf den Plakaten standen. Als er zu einer jungen Frau geht, kreischt diese erst Mal vor Begeisterung los – und Marco kreischt mit. Auf ihrem Zettel steht «Darf morgen aus privaten Gründen zu Hause bleiben» und sie bittet ihn um eine Unterschrift. Macht er natürlich und beide kreischen nochmal etwas um die Wette. Nach sicher 10 Minuten begibt er sich wieder auf die T-Stage, aber davor küsst er noch eine ältere Dame durch einen transparenten Rahmen, den sie mitgebracht hat – sie sei verheiratet. Zum Abschluss kommt nochmal richtig Partystimmung auf, denn Io ti aspetto ist so ein richtiger Clubbing-Song. Es hält keinen mehr auf den Sitzen, es wird ausgelassen getanzt und Mengoni wird am Ende lautstark verabschiedet. Nach Zürich stehen noch weitere Arena-Termine auf dem Programm, die Tour endet am 10. Dezember 2025 in Madrid.

 

 

Eventdatum: 24.11.2025

Fotos:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Hallenstadion, Winterthur

Veranstalter: Live Nation

Zuschauerzahl: unbekannt

 

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert