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Das Phantom der Oper - Die Originalproduktion von Sasson/Sautter

Das Phantom der Oper  - Die Originalproduktion von Sasson/Sautter Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Die Bühnenfassung «Das Phantom der Oper» von Deborah Sasson und Jochen Sautter basiert nicht nur auf dem Roman Le Fantôme de l’Opéra von Gaston Leroux aus dem Jahr 1910. Sie zollt der Grundlage auch viel Respekt und verleiht der Geschichte Authentizität, musikalisch und optisch.

Zugegeben: Bei «Das Phantom der Oper» denken die meisten zuerst an «die andere Version» von Andrew Lloyd Webber und beginnen direkt, das eingängige Duett zwischen Phantom und Christine zu summen. Das ist auch etwas der Tatsache geschuldet, dass dessen Version durch Präsenz seit den späten 80er-Jahren auf Musicalbühnen sowie Film‑ und Tonträgerproduktionen profitiert. Allerdings basiert die Produktion von Deborah Sasson und Jochen Sautter nicht nur lose auf der literarischen Vorlage. Sie zollt dem Werk – damals noch als Feuilleton in der französischen Zeitung Le Matin – hohen Respekt.

Erzählt wird die Geschichte des entstellten Phantoms, das im Untergrund der Pariser Oper lebt und das Geschehen hinter den Kulissen beeinflusst. Er entwickelt eine Obsession für die junge Sängerin Christine, die er im Verborgenen ausbildet. Das Beziehungsdreieck zwischen dem Phantom, Christine und ihrem Jugendfreund Raoul bildet den Kern der Geschichte. Die Handlung folgt dem 1910 publizierten Buch weitgehend. Das Stück ist nicht nur dramatisch, es enthält auch Wortwitz, das die Geschichte auflockert und dem Publikum den ein oder anderen Lacher entlockt. Die Weiterentwicklungen seit 2010 beschränken sich weitgehend auf Arrangements, Choreographie, Bühnenbild und Technik. Dabei fliessen für die Adaptionen auch Rückmeldungen des Publikums mit ein: was funktioniert, was nicht? Wer vor ein paar Jahren die Vorführung gesehen hat, besucht nicht dieselbe Vorstellung. Im Idealfall folgt am Ende die Aussage, es sei noch besser gewesen als letztes Mal.

Musikalisch verfolgt die Sasson/Sautter-Version einen eigenständigen Ansatz. Die Komposition setzt stärker auf opernhafte Elemente als viele andere Musicaladaptionen. Klassische Strukturen, dramatische Arien und orchestrale Passagen spielen eine zentrale Rolle. Die Arrangements wurden im Laufe der Jahre modernisiert, ohne den klassischen Charakter zu verlieren. Arrangements wurden unter anderem von britischen Musikern überarbeitet, um es an zeitgenössische Hörgewohnheiten anzupassen. Ziel ist es, die Nähe zur Epoche und zur Atmosphäre der Pariser Oper stärker zu betonen als in populärmusikalisch geprägten Fassungen. Dadurch bewegt sich die Produktion bewusst im Spannungsfeld zwischen Oper und Musical. Dieser Ansatz trifft in der Schweiz auf ein Publikum, das traditionell eine hohe Affinität zu klassischer Musik und Opernkultur aufweist.

 

Unerwartetes Meet & Greet mit spannenden Einblicken

Als wir in der Pause ein Gespräch mit Deborah Sasson, Jochen Sautter und Uwe Kröger führen dürfen, bekommen wir spannende Einblicke rund um das Musical und die Darsteller aus «Das Phantom der Oper».

Deborah Sasson prägt die Inszenierung in mehrfacher Hinsicht. Sie komponierte nicht nur die Musik und arbeitete an den Lyrics mit, sondern verkörpert auch die Rolle der Christine Daaé. Ihre künstlerische Laufbahn als international tätige Sopranistin mit Erfahrung in Oper, Crossover und Musical spiegelt sich deutlich im musikalischen Charakter der Produktion wider. Im Buch werden klassische Opern erwähnt, die damals in Paris aufgeführt wurden. Im Musical sind deshalb nicht nur Kompositionen von Sasson/Sautter enthalten, es sind auch Arien von Puccini, aus Faust und ein Duett aus La Traviata eingebunden. In den Arien glänzen die Sopranistinnen Deborah Sasson und Ann Jennings herausragend und als Zuhörer wird einem wieder bewusst: das ist so viel mehr als ein klassisches Musical.

«Wir versuchen, so viel wie möglich aus dem Buch im Musical zu integrieren – aber wir haben dafür nur 2 Stunden zur Verfügung» - Deborah Sasson & Jochen Sautter

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

Jochen Sautter ist ebenfalls ein Künstler mit vielen Talenten. Unter anderem nutzt er seine Ausbildungen als Tänzer, in Gesang und Schauspiel für Choreographie und Regieführung. Aus seiner Feder stammen zudem die Handlung und Liedtexte des Musicals. Auch er ist nicht nur hinter den Kulissen im Einsatz, sondern steht als Graf Raoul de Chagny auf der Bühne. Durch diese Doppelfunktion von Autor und Darsteller erhält die Produktion eine stark personalisierte Handschrift, die sich von anonymen Grossproduktionen unterscheidet.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

Uwe Krögers Stimme könnte dem ein oder anderen auch ausserhalb dieses Musicals bekannt vorkommen. Einerseits trat er auch in Webbers Version erst als Perser und später als Phantom auf, ist die Synchronstimme aus der Verfilmung von 2004 und wirkte in zahlreichen Musicals mit. Während des Gesprächs erzählt er uns, was ihn beim Charakterstudium und der Rolleninterpretation beeinflusst hat, die Eric in dieser Version schlussendlich ausmacht. Seine Maske ist zwar gruselig, aber im Gegensatz zu den Verfilmungen im 20. Jahrhundert wurde uns Damen kein Riechsalz gereicht.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Die Verbindung von Elementen aus Oper und Musical

Ein zentrales Merkmal der Inszenierung ist ihr visuelles Konzept. Das Bühnenbild kombiniert klassische Kulissenelemente mit grossflächigen 3D-Projektionen. Entwurf und Konstruktion stammen unter anderem von einem Bühnenbildner der Metropolitan Opera in New York, was den hohen technischen und ästhetischen Anspruch der Produktion unterstreicht. Das hat im Tourneebetrieb einen relativ hohen technischen Aufwand zur Folge.

Die interaktiven Videoanimationen enthalten Effekte, die den Zuschauer optisch von einem Ort zum anderen führen. Das Bild rollt beispielsweise nach oben, wenn wir in die Katakomben abtauchen. Geht es wieder in die Oper, bewegt sich die Projektion in die andere Richtung. Der Aufbau mit weissem Tuch im Hintergrund auf das Räume projiziert werden, vor dem Elemente und Darsteller hinter dem schwarzen Netzvorhang agieren, verbindet alles und bringt Tiefe ins Bild. Ergänzt mit Lichtführung bietet das den perfekten Rahmen für die musikalische Darbietung.

 

Etablierte Tourneeproduktion in der Schweiz

Seit ihrer Premiere ist die Produktion als Tourneeformat konzipiert und zählt zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Musicaltourneen. Die kontinuierliche Präsenz im Spielplan unterscheidet die Produktion von klassischen Long-Run-Formaten, die an einen festen Aufführungsort gebunden sind. Pro Jahr wird das Musical rund 80 Mal aufgeführt. Die Schweiz ist seit Jahren ein fester Bestandteil des Tourneeplans. Tourmanager Dieter Tings verrät uns, dass er derzeit schon die Tournee für 2029 plant.

Das Musical gastierte wiederholt in Städten wie Zürich, Basel, Bern, Luzern, St. Gallen und weiteren regionalen Spielorten. Damit richtet sich die Produktion nicht nur an urbane Musicalzentren, sondern bewusst auch an ein breiteres Publikum ausserhalb der grossen Metropolen. Die anhaltende Nachfrage bestätigt sich unter anderem mit der Auszeichnung von 2023 mit der «Goldenen Sonne» als bestes Musical.

 

Mein Fazit

Für diese Produktion ist das Theater 11 zu klein dimensioniert. Vom Ambiente her wirkt es zwar wie eine verkleinerte Oper, reicht für die technischen und räumlichen Anforderungen der Inszenierung aber nicht aus. Das Kongresshaus bietet zwar ausreichend Kapazität mit etwas mehr als 1100 Plätzen auf Parkett und Balkon, wirkt dagegen aber eher wie ein Gemeindesaal mit Bühne. Für mich persönlich wäre eine Aufführung in der angrenzenden Tonhalle reizvoller gewesen, da deren optische Wirkung und architektonische Gestaltung der Inszenierung einen eindrücklichen Rahmen verleihen würde. Im Gegensatz zu den Besuchern der Tonhalle war hier aber auch nicht elegante Abendgarderobe vorherrschend. Das Ambiente ist schlussendlich höchstens relevant, solange das Licht im Saal an ist. Nachher liegt der Fokus hoffentlich auf dem Geschehen auf der Bühne.

Fand ich die Originalversion Sasson/Sutter jetzt besser als die von Andrew Lloyd Webber? Ja und nein. Einen Vergleich zu ziehen, finde ich aber nicht angebracht. Die Geschichte wird unterschiedlich erzählt, musikalisch verfolgen beide andere Ansätze. Während Webbers Musical stark auf eingängige Pop-Balladen setzt, rückt diese Version den klassischen Gesang und die dramatische Wirkung der Musik in den Vordergrund. Damit richten sie sich gezielt an ein Publikum, das Musical und Oper nicht als Gegensätze versteht, sondern als miteinander verwobene Formen des Musiktheaters.

Auf der aktuellen Tour stehen in der Schweiz noch weitere Termine an – ob Zürich 2027/28 ein weiteres Mal in den Genuss des Musicals kommt? Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Schweiz auch auf dem nächsten Tourneeplan aufgeführt ist.

 

 

Eventdatum: 24.01.2026

Fotos:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Kongresshaus, Zürich

Veranstalter: act entertainment ag

Zuschauerzahl: unbekannt

 

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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