Sam Fenders Texte gehen unter die Haut
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Ein Wechselbald der Gefühle. Von still und nachdenklich bis lauthals kundtun, was ihn bewegt. Sam Fender nimmt uns auf eine ganz persönliche Reise und lässt uns in seine Vergangenheit blicken.
Sam Fender wurde ganz klassisch bei Gigs in seiner Region entdeckt. Seine beiden Studioalben erreichten in den UK beide Male Platz 1. Seine bisher erfolgreichste Single war That Sound, die aber nicht auf der Setlist der aktuellen Tour steht.
Der 28-jährige Engländer scheint in seinem Leben schon viel Gewalt, Verzweiflung und Ausweglosigkeit gesehen zu haben. In vielen seiner Texte spiegelt sich das wider. Seine Songs sind keine Gute-Laune-Musik. Sie regt zum Nachdenken an. Es geht sogar so weit, dass jemand deswegen nicht Selbstmord begangen hatte und Hilfe bekam. Der Titel «Dead Boys» handelt von der unerklärlich hohen Selbstmordrate bei Männern unter 45ig. Sam sprach in einer Radiosendung über diesen Song, den er nach dem Tod eines Freundes verfasste. Das hörte ein Mann im Auto, der vorhatte, sich umzubringen. Stundenlang sei er weinend im Wagen gesessen, bevor er nach Hause fuhr und sich alles von der Seele redete. Sam erfuhr später von dieser Geschichte und traf sich mit ihm. Nach diesem Gespräch war für Sam klar, egal wohin ihn seine Karriere noch bringen würde, auch wenn er nie wieder ein Album verkaufen würde: dies ist das beste, das ihm jemals passieren würde.
Mir stellt sich automatisch die Frage, ob all seine Lieder autobiografisch sind und welche Rolle Sam darin spielt, aktiv oder als stiller Beobachter. Eine willkommene Abwechslung zur seichten Unterhaltung, die auch ihren Platz hat. Zwischendurch muss man auch mal abschalten und herunterfahren können, ohne düstere Gedanken oder die ganze Welt zu hinterfragen. In solchen Momenten ist seine Musik definitiv die falsche Wahl.
Generell ist es nicht möglich, ihn einem Genre zuzuweisen. Zumindest einem einzelnen. Die Playlist enthält sanfte Songs, Pop-Rock und auch ein paar lautere Titel, die entsprechend in tiefrotes Licht getaucht werden. Ungewöhnlich dabei sind der Saxophonspieler und Trompeter, die in beinahe allen Songs mitspielen. Man merkt generell, das ist nicht einfach ein Frontmann mit Band. Woran? Alle – und wirklich alle – stehen im Licht und werden zwischendurch auch mit einem Spot ins Zentrum gerückt. Nach dem härteren Song «Howdon Aldi Death Queen» inklusive Pyro-Effekten meint er: Yeah, we are f*ing Rammstein. Es ist die Mischung aus den leisen, nachdenklichen Liedern und den lauten Titeln, bei denen er Dampf ablässt. Er redet nicht viel mit dem Publikum (wir sind ja auch da, um seine Musik zu hören) und wenn, dann wird eine Runde geflucht. Macht ihn nicht weniger sympathisch, er ist einfach authentisch und redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Er verrät uns zum Beispiel, dass ihm empfohlen wurde, auf TikTok aktiv zu werden und er sich mit damals 26 Jahren viel zu alt fühlte für diese Plattform. Ich weiss, was er meint – weinen und lachen auf der Plattform: okay. Aber Reels von sich selber hochladen? Eher nicht. Nebst den Insights in seinen Songtexten zeigt er uns auch ganz private Bilder in seinen Visuals. Über die Leinwand flimmern Fotos aus seiner Kindheit, während «Spit Of You», der von seinem Vater handelt.
Es sind Künstler wie Sam Fender, bei denen ich die Lieder ganz anders erlebe. Sie haben eine Tiefe und Authentizität, die ihre Message ganz anders transportiert. Ich werde nachdenklich, fühle mich etwas hilflos. Wenn ich könnte, würde ich einmal mehr meinen Zauberstab schwingen und die Welt ändern. Allerdings hätten wir dann keine Lieder wie die von Sam Fender und nur noch Happy-Songs. Vielleicht schwinge ich einfach etwas weniger heftig. Nach anderthalb Stunden ist die Show zu Ende, sein letzter Song ist «Hypersonic Missiles». Mein Konzert-Hattrick diese Woche endet in einem breiten Lächeln, als ich die Halle 622 verlasse.
Eventdatum: 03.05.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Halle 622, Zürich
Veranstalter: Just Because
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/814-sam-fenders-texte-gehen-unter-die-haut#sigProId03b071d452
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