Intimes Konzert von Brian Fallon & The Howling Weather
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Es herrscht Privatkonzertstimmung im Komplex. Der Saal ist nur zur Hälfte geöffnet, was optisch zu einem volleren Raum führt. Alle stehen heute vor dem Mischpult. Keine Säulen im Sichtfeld. Selbst wer die Brille daheim vergessen hat, wird kein Problem haben, das Geschehen auf der Bühne scharf verfolgen zu können.
Im Komplex 457 in Zürich wird das Publikum gleich von zwei Supporting Acts eingestimmt. Der New Yorker Jesse Malin eröffnet den Abend. Ähnlich wie Fallon startete er zuerst in verschiedenen Bands und entschied sich bei der Jahrtausendwende für eine Solokarriere. Sein letztes Album brachte er sogar auf Vinyl heraus. Nicht, weil eine grosse Platte mehr Eindruck mache - weil es besser klingt, sagt Jesse. Den Song „Broken Radio“ widmet er seinem kürzlich verstorbenen Freund Howie.

Einer der wenigen stillen Momente von Chris Farren (Bild: Michelle Brügger / szenemagazin.ch)
Nach 30 Minuten überlässt er Chris Farren die Bühne. Es zeichnet sich langsam ein Muster ab: In Bands gestartet und schlussendlich eine Solokarriere angestrebt. Der US-Amerikaner hat dermassen viel Energie, dass der Duracell-Hase daneben wie eine Schlaftablette aussieht. Während einer Stunde hüpft und wirbelt auf der Bühne herum. Im Hintergrund flimmern seine Visuals über ein weisses Laken. Vor seinem letzten Song blendet er eine Zusammenfassung ein, was wir gelernt haben: Er hat einen guten Job gemacht, er scheint ganz cool zu sein, wir haben es geliebt und wir lieben ihn. Brian Fallon twitterte letzte Woche, er müsse wohl Chris Farren als Support aus dem Programm kicken - es sei zu schwer, nach dessen Auftritt zu übernehmen. Ich kann ihn verstehen.
I have to stop playing shows with @chrisfarren bcuz it’s 2 hard 2 go on after his set every night.
— Brian Fallon (@thebrianfallon) May 5, 2022
Seit mittlerweile 7 Jahren wandert Brian Fallon auf Solopfaden. Zuvor war er als Frontmann der Gaslight Anthems unterwegs und schlug vorwiegen rockigere Töne an. Dieselbe Stimme, anderes Genre. In seinem Repertoire findet sich Punk, Country, Folks und Indie. Lieder, zu denen man nach getaner Arbeit auf dem Sofa sitzt und der Fuss automatisch anfängt, im Takt zu wippen. Auf seiner Tour begleitet ihn die Band “The Howling Weather”. Vom Klavierspieler sehe ich im Pit allerdings maximal seine lockige Frisur, später immerhin seinen Kopf. Brian scherzt immer wieder herum, sein Humor eher trocken, aber das Publikum scheint ebenfalls Sarkasmus zu sprechen. Er erzählt uns, er hätte Game of Thrones nochmal von vorne anzusehen begonnen. Er hatte es viel düsterer und weniger nackt in Erinnerung. Und es käme keine einzige Waffe darin vor. Amerikaner und Nacktheit sei ja eine Geschichte für sich. Gebt jedem eine Waffe, aber Gott bewahre nackte Menschen im Fernsehen.
Fallon meint dann, man müsse sich nicht wundern über ein Land, in dem Aerosmith eine der erfolgreichsten Bands sei. Da könne man nichts Gutes erwarten. Als Beispiel nimmt er das Musikvideo “Cryin’”, in dem das Bungee-Seil an Alicia Silverstones Bauchnabel-Piercing befestigt ost. Das hätte ihr eher das Piercing rausgerissen. Aber sowas verkaufe man den Amerikanern als echt. Das sei Blödsinn. Er wisse das, schliesslich habe er es versucht. Brian Fallon spricht einen Zuschauer an, der einen Dinosaurier auf seinem Shirt hat. Er liebe es und das sei kein Scherz. Meint dann, er selbst trage ein Shirt von Bono (U2) und hätte erst später am Tag erfahren, dass selbiger heute Geburtstag habe. Aber das interessiere eigentlich niemanden. Er muss sich keine Sorgen machen, von Chris Farren überschattet zu werden. Wir geniessen diese Einlagen, aber natürlich kommt auch seine Musik gut an.
Es war ein intimes Konzert auf allen Ebenen. Brian Fallon hat uns so viel von sich erzählt, als würden wir mit ihm zusammen ein wenig plaudern und dazu Musik machen. Und wie bei Gästen bei sich zu Hause üblich, hat er sich nicht 2x verabschiedet, sondern seine Zugaben direkt an das Set angehängt, bevor er von der Bühne ging. Nach über 90 Minuten gehen die Lichter im Saal an und alle treten gutgelaunt den Heimweg an.
Eventdatum: 10.05.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Komplex 457, Zürich
Veranstalter: Mainland Music
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/817-intimes-konzert-von-brian-fallon#sigProIde7844a3207
Schreibe einen Kommentar
Bitte achten Sie darauf, alle Felder mit einem Stern (*) auszufüllen. HTML-Code ist nicht erlaubt.