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Sunrise Avenue sagen "Thank You For Everything"

Sunrise Avenue sagen "Thank You For Everything" Michelle Brügger / szenemagazin.ch

 Es ist schon einen Moment her, seit ich Sunrise Avenue das erste Mal live gesehen habe. Am Konzert im Zürcher Hallenstadion wird es für mich aber definitiv das letzte Mal sein. Ausser sie machen es wie andere Stars und gehen für eine Dekade jährlich auf Abschiedstournee.

Ein paar Worte zur Geschichte von Sunrise Avenue

Ihre letzte Single «Thank You For Everything» gaben sie heraus, als sie die Bandauflösung bekanntgaben und für 2020 eine Abschiedstournee planten. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. In Zürich werden sie gleich zwei Abende hintereinander auftreten. Persönlich habe ich sie drei Mal live erlebt, das letzte Mal war 2014. Ich bin gespannt, wie emotional ihr Abschiedskonzert wird und welcher der insgesamt vier Auftritte mein Favorit im Herzen sein wird.

Laut Wikipedia wurde Sunrise Avenue, die Band rund um Samu Haber, vor 20 Jahren gegründet. Doch dies war nicht der Beginn seiner musikalischen Karriere und genaugenommen auch nicht der Anfang von Sunrise Avenue. Bereits 10 Jahre davor gründete der Finne mit Jan Hohenthal «Sunrise». Zunächst traten sie zu zweit auf, dann wurde die Band nach und nach mit vier weiteren Mitgliedern erweitert. Da ihr Name nicht so einzigartig ist wie gedacht, änderten sie ihn 2002 in Sunrise Avenue. Wenig später verliess Jan Hohenthal die Band, um sich auf seine Solokarriere zu konzentrieren. Schlussendlich wurde es zum Quintett und war nicht nur Frontmann mit Band.

Erst 2006 gaben Sunrise Avenue ihr Debütalbum heraus, das mit «Fairytale Gone Bad» ihre erfolgreichste Top 10-Single enthält. Zwar nicht in ihrer Heimat (9 Wochen), aber in Deutschland (70 Wochen) und der Schweiz (64 Wochen). In diesem Jahr war Avenue das erste Mal in Zürich an einer Energy Night im Hallenstadion – sie scheint ihm besonders in Erinnerung geblieben, denn er erwähnt diesen Auftritt am heutigen Abend. Zudem scheint Samu Haber die Zeitrechnung auch erst ab 2006 zu beginnen: er redet immer von 16 Jahren Bandgeschichte.

Zu Hause war ihnen weder mit einem der 5 Alben noch mit einer Single-Auskopplung ein Platz eins vergönnt. Für «On the Way to Wonderland» und «Out of Style» reichte es aber immerhin für Platz zwei. Das Erstlingswerk hielt sich imposante 51 Wochen in den finnischen Charts, das in Deutschland und Finnland mit Platin und in Österreich und der Schweiz mit Gold ausgezeichnet wurde. Auch «Out of Style» von 2011 enthielt einen Top 10-Hit, der sich aber im deutschsprachigen Raum länger in den Charts hielt als in Finnland: «Hollywood Hills» ist eine der drei Auskopplungen des Albums. Dieser Song wählen Sunrise Avenue als allerletzten Titel für ihre Setlist.

 

Abschiedskonzert Nummer 1 in Zürich – der zweite Streich folgt sogleich

Gleich zwei Mal verabschieden sie sich in Zürich. Am ersten Abend sind 11'500 Personen im Hallenstadion, die jede Minute feiern. Am folgenden Abend spielen Sunrise Avenue dann vor ausverkauftem Haus. Wenn das Verkehrsaufkommen rund ums Stadion heute schon leichter Horror ist, bin ich froh, am Folgetag mit 4'500 Personen mehr nicht vor Ort zu sein. Trotzdem ist bei den beiden Eingängen kein grosses Gedränge, die Kontrollen scheinen flüssig und speditiv zu verlaufen. Im Gegensatz zum Simple Minds-Konzert haben die Konzertgänger deutlich weniger grosse Taschen und Rucksäcke dabei. Damals bekam ich beim Abgeben der Fotoausrüstung die Nr. 500, heute wird es die Nr. 322 sein.

Auf dem Weg zur Konzerthalle höre ich, wie sich Fans unterhalten. Eine junge Frau meinte: «Man geht ja nicht unvorbereitet an ein Konzert. Ich habe all ihre Alben gehört. Und so viele Songs nicht gekannt». Wir werden wie immer beim Portiereingang abgeholt und gelangen über die Katakomben zum Fotograben. Und der ist heute imposant! Eine riesige T-Stage ragt mehrere Meter in den Publikumsbereich. Links und rechts von der Stage ist der Golden Circle angesiedelt. Ich wandere einmal um die ganze Stage herum und beginne beim ersten Song am linken Bühnenrand. Auch wenn wir einige Fotografen sind, stehen wir uns heute definitiv nicht auf den Füssen – dafür ist der Pit viel zu grosszügig angelegt. Das Konzert beginnt, Sunrise Avenue betreten die Bühne. Mir fällt sofort auf, dass Samu Haber eine Jeansjacke trägt, auf der «23.05.2022 Zürich» steht. Wow! Das ist ja mal cool.

Das Konzert eröffnet er mit «Thank You For Everything» und mir wird bewusst, dass dies meine letzte Gelegenheit sein wird, Bilder von Sunrise Avenue zu schiessen. Drei Songs lang darf ich fotografieren und mich frei im Pit bewegen. Danach muss ich die Ausrüstung draussen abgeben und dann wieder zurück in die Halle, um den Rest des Konzerts zu schauen. Bislang hat er die lange Stage noch nicht benutzt und ich frage mich, wann er wohl ganz nach vorne gehen wird. Erst nach 4 Songs wird diese eingeweiht und Samu Haber begrüsst die Zuschauer. Er hätte lange zwei Jahre auf diesen Abend warten müssen. Er freue sich so sehr, wieder in Zürich zu sein.

«Zurich, I’ve waited 2 long years to be here» - Samu Haber

 

Von den Rängen aus habe ich einen wunderbaren Blick über das gesamte Stadion. Zu «Afterglow» schwenkt das Publikum die Arme im Takt hin und her und nebst den Handylichtern sieht man auch vereinzelt farbige Leuchtstäbe in der Menge. Raul Ruutu, Bassist, spielt das Intro zu «Forever Yours» vorne auf der Stage. Die gitarrenlastige Nummer ist zwar langsam, aber etwas düster. Bis jetzt hatte ich vergessen, meine Ohrstöpsel zu montieren. Im Outro dieses Songs wird Samu Haber nur von Osmo Ikonen am Keyboard begleitet.

Wie gross der Frontmann wirklich ist, fällt erst auf, als er neben dem Bassisten steht. Mit seinen 1.93m gehört er aber definitiv zu den grösseren Menschen, während Raul Ruuto mit seinen 1.71m in Skandinavien auf der anderen Seite der Skala zu liegen kommt. Durchschnittlich sind die Finnländer 180.6cm gross, in der Schweiz sind die Männer nur 178.7cm gross. Gut für mich, mit meinen 161.5cm zähle ich laut Freunden zur Kategorie «Minion».

 

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Lichtermeer zu Home (Handbild: Michelle Brügger)

Song Nummer 10 ist «Home» und das Hallenstadion wird in ein wahres Lichtermeer verwandelt. Einer der vielen Momente, die mir ein verträumtes Lächeln aufs Gesicht zaubern. Manchmal ist da aber auch ein fettes Grinsen. Zum Beispiel wenn Samu Haber zwischen den Songs etwas erzählt. Oder wenn gleichzeitig zu viele Zwischenrufe aus dem Publikum kommen und er es deshalb nicht versteht. Noch besser: wenn er den Song abbricht und das Publikum im Golden Circle fragt, was sie dazwischenschreien würden. Sie haben «Zwei, drei, vier» gerufen – dann macht es Klick bei Haber. Ah, das war ja deutsch, nicht englisch. Alles klar. Weiter geht’s.

«I can’t understand when everybody talks at the same time. It’s like being with my sister» - Samu Haber

 

Auf den Tribünen herrscht reges Treiben. Immer wieder verlassen Leute den Saal, um Getränkenachschub zu besorgen. Trotzdem fällt mir auf: drei junge Damen scheinen beim sage und schreibe 14. Song erst den Weg ins Hallenstation gefunden zu haben und lassen sich ihren Platz zeigen. Zwei Drittel des Konzerts haben sie schon verpasst – und sie haben wirklich etwas verpasst.

Dass heute Abend eventuell nicht alle hier sind, beschäftigt auch Samu Haber. Er meinte: «Ihr habt die Tickets vermutlich so vor 2.5 Jahren gekauft. Ich habe meinen Tourmanager wiederholt gefragt, ob er sicher ist, dass auch jemand ans Konzert kommt. Er antwortete nur, natürlich werden sie kommen – sie haben ja Tickets gekauft. Haber fürchtet aber, dass einige ihre Tickets verloren oder verlegt haben könnten. Nun… wenn ich so in die Runde schauen, wären das tragische Einzelfälle.

Je mehr die Zeit voranschreitet, umso bewusster wird mir, dass ich Sunrise Avenue zum letzten Mal live erleben werde. Aber ich bin noch nicht bereit, um Tschüss zu sagen. Ich muss wohl einen Therapeuten in Finnland aufsuchen. Die sollen dort ja gut sein laut Samu Haber. Sie hätten so viele Songs, die sich mit Themen zu Loslassen, Brücken abbrechen, sich verabschieden und dem Ende beschäftigten. Er sei manchmal auch etwas sensibel und reden täte gut, meint er. Dass ihm der Auftritt nicht leichtfällt, sieht man ihm an. Aber das zeigt mir, wie sehr er liebt, was er gerade tut. Und wie sehr es ihm fehlen wird. Das. Der Auftritt. Die Energie und Emotionen auf der Bühne. Aber sie hören ja nicht deswegen auf, sondern weil das ganze Drumrum zu viel wird. Das ständige Reisen, aus dem Koffer leben, weit weg von zu Hause.

«We have so many songs saying goodbye, burning bridges or this is the end. But we have good therapists in Finland. And also, there’s nothing wrong in using one” – Samu Haber

 

Und dann ist es soweit – Sunrise Avenue verlassen die Bühne vor ihren Zugaben. Zuerst kommt nur Osmo Ikonen zurück und spielt ein wunderbares und langes Solo. Dann folgt das Intro zu «Fairytale Gone Bad» in einer langsamen Version. Die zweite Zugabe ist «Wonderland», bei der sich scheinbar noch niemand zum Ausgang begibt – aber auf den Rängen steht alles. Als dann als letzter Song «Hollywood Hills» angestimmt wird, ist das Publikum nochmal zu 100% am Start und singt aus voller Kehle mit. Und es scheint, als wolle weder die Band noch sonst jemand gehen, denn die letzte Strophe wird immer und immer wieder angestimmt. Mal schnell, mal sanft, mal leise.

Danke, danke, danke für diesen Abschied. Samu Haber, Raul Ruuto, Sami Osala, Riku Rajamaa, Osmo Ikonen – ihr habt uns allen ein riesen Geschenk gemacht! Und so wie es aussieht, werden ein paar der heutigen Zuschauer auch morgen nochmal hier sein. Jedenfalls haben einige ihre Hände in die Höhe gestreckt, als er danach gefragt hat.

Ich konnte es nicht lassen und habe ein paar Leute gefragt, die am zweiten Abend mit dabei waren. Die Meinungen sind geteilt, aber es waren auch einige im Hallenstadion, die den Abend ähnlich wie ich empfunden haben. Aber am Ende scheint es noch emotionaler geworden zu sein als am ersten Abend. Samu verschenkt nicht nur seine Jeansjacke sondern auch die Gitarre und bricht in Tränen aus, während die Fans im Golden Circle die Herzchen schwenken.

Wir werden euch auch vermissen. Und wer weiss… Samu Haber meinte ja, man würde sich vielleicht bei anderer Gelegenheit wiedersehen. Beim Snowboarden zum Beispiel. Wenn sie die Wartezeit am Skilift oder der Gondel mit einem Minikonzert überbrücken, würde ich sicher nicht nein sagen.

  

 

 

Eventdatum: 23.05.2022

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Hallenstadion, Zürich

Veranstalter: Gadget abc Entertainment Group AG

Zuschauerzahl: 11'500

 

 

Publiziert in Konzert

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