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Stress bringt den Zauberpark zum Schwitzen

Stress bringt den Zauberpark zum Schwitzen Reto Turotti / szenemagazin.ch

Heute ist mal Outdoor angesagt. Freue mich schon mit meiner Kollegin einen Glühwein zu Trinken. Wir gehen zum Zauberpark am Flughafen Zürich. Bin gespannt, was mich da erwartet. Wir sind wegen unserem Lieblingskünstler Stress da. Es hat auch Lichtinstallationen, wie mir Marcel gerade geschrieben hat. Nicht gerade mein Ding, aber doch gespannt, wie es aussehen mag.

Am Infopoint angekommen habe ich ein bisschen mit den Leuten geredet. Diese Veranstaltung gibt es jetzt das zweite Jahr. Nächstes Jahr ist schon in Planung und die Bühne wird grösser. Nun machen wir uns auf den Weg. Es gibt einen Rundgang mit den verschiedenen Lichtinstallationen. Es kommen uns viele Familien mit Kindern entgegen, weil das Kinderkonzert von Silberbüx fertig ist.

Die fünfte Lichtinstallation ist «Spiders» von Groupe LAPS aus Frankreich, die mit verschiedenen Künstlern, Designern, Videographen und Sound-Designern zusammenarbeiten. Und wie ich Spinnen hasse. Zuerst sah ich nur eine, aber da war der ganze Wald voll mit diesen leuchtenden Dingern, die wie beim Film «Arac Attack» auf einen loswollen. Ich dachte nur: «Hilfe, einfach nur weg da». Genau das wollten die Designer auch bezwecken. Die menschliche Wahrnehmung, die wir haben: Sie ziehen uns an, sind abstossend, regen unsere Fantasie an und greifen unsere Ängste auf.

 

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Das sechste Lichtobjekt ist «Mondsucht» von Nominal, ein Kollektiv aus Film, Urban Art und installativer Kunst. Daran beteiligt war aus den Churer Kreativen Anne Sommer, Jen Ries, Manuel Sieber, Fabian Florin. Fantastisch, wie der Vollmond über das ganze Gelände hinter der Showbühne leuchtet. Wir waren fasziniert, ich fühlte mich mit der Musik in einem Zeitalter versetzt, wo es noch Hexen gab und ihre Kräuter beim Feuer in der Vollmondnacht brauen. «Über allem steh ich, derselbe Mond. Manchmal laut, manchmal stumm. Immer und immer wieder. Ich kenne Mauer, die Feinde, die Gründe, die Fahnen, die Toten, und ich dreh mich und dreh mich, und immer wieder dieselben Lieder». Ein wunderschönes Gedicht, das dazu geschrieben wurde.

Stress: ein Mann der stark sein wollte, aber an seinem Schmerz zerbrach!

Stress, mit richtigen Namen Andres Andrekson, ist mit 12 Jahren mit seiner Schwester und Mutter von Estland in die Schweiz gekommen. Sie wohnten im kleinen Dorf La Plaine in der Nähe von Genf. Seine Kindheit ist mit Gewalt, Krieg und vielen schlimmen Sachen überschattet. Daher war der Zusammenhalt mit Mutter und Schwester sehr stark. Darüber erzählt er in seinem neuen Buch auf 179 Seiten. Es sind sehr spannende Geschichten darin enthalten. Aber auch viel Trauriges, das man zuerst verarbeiten muss, bevor man weiterliest. Stress war in Frankreich und Deutschland schon eher bekannt als in der Schweiz. Das kommt daher, dass seine erste Hip-Hop Gruppe Double Pact die Songs in Paris im Studio aufnahm. Sie hatten mit Freundeskreis und Massive Töne zusammengearbeitet. 2002 traf er auf den Lausanner Rapper Person, um ein paar Songs aufzunehmen. Er nannte Stress immer Billy Bear und sich selbst Beef 2000. So entstand dann der Name für das erste Solo-Album. Leider war es nicht so erfolgreich wie erhofft. Mit Xavier Naidoo hat er den Song Tu me manques aufgenommen, der dann landesweit den Durchbruch erzielte.

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Er war zu eingespannt mit seinem Studien-Abschluss und auf vielen anderen Ebenen. Sein Traum war, weiter Musik zu machen. Er hatte ein Jahr lang hart gearbeitet und Geld auf die Seite gelegt, um dann das zweite Album aufzunehmen. Seine freien Minuten, Stunden verbrachte er mit Songschreiben. Dann das Album «25.07.03», das Scheidedatum der gescheiterten Ehe. Die zweite Single Libéré mit der wundervollen Sängerin Karolyn hob ab. Sie bedeutete den Durchbruch für das Projekt Stress und Karolyn ist fester Bestandteil seiner Band. Ich liebe ihre Stimme und Power. Das Album erreicht Goldstatus und zieht Billy Bear auch gleich mit. So begann seine Solo-Karriere.

Mit dem Album «Renaissance» erreichte er sofort Platin-Status. Kein Wunder! Die Songs sind voller Schmerz, Gedanken und Themen, die alle etwas angehen. Ich verstehe nicht viel französisch, aber mein Herz versteht es. Für eine Werbekampagne von Coop über globale Erwärmung produzierte er den Song und Clip On n’a qu’une terre. 2008 zahlt sich das beim Swiss Music Award gleich mit 3 Steinen aus. Mit Noah Veraguth und Bastian Baker verbrachte er einen Sommer in seinem Haus, um Songs aufzunehmen. So entstand ein Hammer-Album «Noël’s Room», das 2012 veröffentlicht wurde. Die Single Elle verkaufte sich 80’000 Mal in der Schweiz. Er war 2014 bei «The Voice of Switzerland», ich fand aber, er war zu sehr mit seiner eigenen Welt beschäftigt. Ich dachte mir, was stimmt mit diesem Mann nicht? Nach seinem Album «Stress» war dann Funkstille, bis 5 Jahre später die Single mit JP Cooper God Knows herauskam. Sie war für mich wieder der Ohrwurm schlechthin, und Stress sieht auch wieder gut aus. Auch mit Stefanie Heinzmann wurde ein Song aus der tiefsten Seele geschrieben: Just Like I Love you. Als er dann bei Sing Mein Song Schweiz zugesagt hatte, war für mich klar, dass ich das schauen musste. Für mich war diese Folge heftig, endlich ein Mann, der über seine Depressionen spricht. Er sagte, sein Rucksack war voll. Er hätte die ganze Zeit seinen Selbstmord geplant. Seine Therapie-Sitzung kann man übrigens bei YouTube ansehen. Für ihn ist es wichtig, als Mann in der Öffentlichkeit eine Meinung zu haben und sich für Gutes einzusetzen so ist er auch Botschafter für das Rote Kreuz Schweiz.

Schnell mussten wir die Jacke aufreissen und Handschuhe, Kappen ausziehen

Nach einem kleinem Soundcheck auf der Bühne wird der Vorhang bis zum Konzertbeginn zugezogen. Zuerst wird eine Lichtprojektion mit einer Fee gezeigt, die den Zauberpark mit Feenstaub verzaubert. Und schon geht der Vorhang auf und Stress begrüsst uns, alle Hände gehen nach oben. Und alle waren im Modus mitzumachen, denn es war sehr kalt und Bewegung ist genau das, was wir brauchen. Ob wir alle ein bisschen springen mögen? Dur dur d’être Billy wird angestimmt und er hat alle in seinem Bann. Wir reissen die Jacken auf, Handschuhe und Kappe verschwinden in den Taschen. Es geht weiter mit Rester Soi-Même. Hilfe, ich bin keine 20 Jahre mehr, wo nimmt dieser Mann diese Energie her? Ich liebe das so an ihm, dass macht ihn super sympathisch. Seine Sängerin Karolyn bekommt die Bühne für sich und performt ihren Song Bang Bang für uns. Der Refrain war natürlich leicht mitzusingen.

Wie schon an seinem Konzert im Kaufleuten, redet Stress über den einen Mann, der die Welt in Atem hält. Über die vielen Menschen, die ihr Land verlassen und alles zurücklassen mussten, nur weil ein Mann nicht genug hat. Wir sollen unsere positive Energie zu den Ukrainern schicken, wir sollen schreien und stampfen, sodass Putin uns in Moskau hören kann. Nun, ich will dieses Wort jetzt nicht verwenden, das er verwendet hat, aber Recht hat er. Bei Bloc de l’Est wurde nun alle Wut und Trauer rausgelassen, die Friedensfahnen werden dazu geschwenkt. Und wir sind schweissnass, nichts mehr spürbar von der Kälte und auch Stress ist es nun warm.

Nun ist es Zeit, ein bisschen runterzukommen und Karolyn und er setzen sich mit zwei Stühlen ins Publikum und singen für uns Avenue und Libéré. Zurück auf der Bühne hat er von seiner wunderbaren Zeit mit den Leuten von Sing mein Song erzählt. Leider musste er einen Mundart-Titel singen, was ihm sehr schwergefallen sei und er dieses Lied für die nächsten 10 Jahre auf der Bühne performen muss. Das gab eine Lachrunde, weil wir wussten, was kommt: der Song Angelina von Dabu Fantastic. Endlich ist Moshpit-Zeit, Stress wählt jemanden aus, der auf sein Zeichen den Kreis machen muss. Und alle springen darin wild umher. Ich liebe dieses Gefühl. Einfach alles loslassen und Spass haben. Und wieder werden dazu die Fahnen gehisst. Er erzählt eine Geschichte, die ihm mehrmals mit Ex-Freundinnen passiert ist. Er sei am Autofahren, sie streiten sich, sie wollte aussteigen, aber er hält nicht an. Eine ist dann aber doch aus dem fahrenden Auto gestiegen und an der Tür hängengeblieben. Er hätte so gelacht und sie fand das natürlich nicht lustig. Darauf hätte er diesen Song geschrieben: Beautiful Nightmare.

Stress meinte, jeder Mensch brauche ein Licht. Haltet sie hoch und seid für jemanden dieses Licht, nehmt euch in den Arm und gebt eure Liebe weiter, Just Like I Love you. Wie ich dieses Lied liebe, wir sind Arm in Arm, die Lichter in der Luft und lauschen zufrieden dem Song. Keine Ahnung was er gemacht hat, seine Hose war hinten kaputt. Ich dachte, er macht einen Witz, aber als er uns seinen Hintern zeigt, ist da einen riesen Riss drin. Zum Glück hat er lange Unterhosen an -  es sieht zumindest so aus. Mit Bye und ein letztes Mal alles geben, war auch schon das Ende in Sicht. Hach, wieso muss alles immer so schnell vorbei sein? Zum Glück sehe ich ihn bald wieder.

Wir gehen nochmal auf den Rundgang zu diesen verschiedenen Lichtinstallationen. Die Essensstände sind endlich leer und wir gehen noch Burger und Fondue-Pommes holen. Wer hat denn das erfunden, das war echt lecker. Ich habe etwas läuten hören, dass Reto am Konzert von Steiner&Madleina etwas Neues ausprobieren wird. Aber für heute ist Schluss, danach treten wir unsere Heimreise an.

 

 

Eventdatum: 30.11.2022

Fotograf:  Reto Turotti / szenemagazin.ch

Location:  Zauberpark, Kloten

Veranstalter:  NOA No Ordinary Art

Zuschauerzahl:  unbekannt

 

   

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Reto Turotti
Publiziert in Konzert