Martin Tillman auf Tour mit Superhuman
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Die Tour musste seit 2020 immer wieder verschoben werden. Die Premiere im Theater 11 ist sozusagen vor der eigenen Haustüre, denn Martin ist Zürcher. Ich darf an der Generalprobe von «Superhuman» mit dabei sein, bevor noch am gleichen Abend die Weltpremiere über die Bühne geht.
Blicke hinter die Kulissen sind für mich immer extra speziell. Ich werde vom Co-Produzenten Giorgio Denzler am Hintereingang abgeholt und bin direkt im dunklen Backstage-Bereich, wo unzählige Transportboxen stehen. Dem Licht am Ende des Raums folgend latsche ich beinahe auf die Bühne. Wäre um die Zeit noch kein grosses Ding gewesen, aber doch etwas peinlich. Zum Glück werde ich gerade noch davon abgehalten und über eine kleine Treppe zum seitlichen Eingang des Saals geleitet. Dort sitzt bereits eine Handvoll Menschen und während ich noch überlege, wo ich mich platzieren soll, geht es auch schon los.
Der Komponist Hans Zimmer ist vielen ein Begriff. Martin Tillman auch? Der Schweizer ist ebenfalls Komponist und einer der meistgehörten Cellospieler der Welt. Er hat an über 100 Soundtracks mitgewirkt. Von Pirates of the Caribbean zu Hannibal über die The Dark Night-Trilogie zu The Da Vinci Code und Blackhawk Down: Sein Genre geht also eher in die düstere Richtung. In einem Youtube-Video erzählt Martin Tillman, er habe nicht gewusst, wie man fröhliche Songs schreibt. Aber er wollte die Art modernisieren, wie man in Konzerthallen spielt. Er möchte positive Gefühle und Freude in die Welt tragen. Denn seine Partnerin Eva war an MS erkrankt und die Songs sollten Leichtigkeit in ihrer beider Leben bringen. Das daraus resultierende Album «Superhuman» widmet er deshalb auch der Liebe seines Lebens. Es ist eine Ode an ihre Stärke und den Lebenswillen, den sie bis zu ihrem Tod vor 4 Jahren zeigte. Seine Show spiegelt das wider. Das Ziel ist, mehr als nur Musik zu geniessen. Man soll sie erleben. Sie trägt den Namen «Superhuman», nicht zu verwechseln mit der lettischen Rockband SuperHuman!
Auf der Bühne ist Martin Tillman mit seinem Elektro-Cello und einem Keyboard geflankt von einer Rockband. Diese ist setzt sich zusammen aus Juliàn Olivares (Gitarre), Marc Halbheer (Drums), Giotis Kiourtzoglou (Bass) und William V. Malpede an den Keys und seines Zeichens Music Director der Show. Hinter William ist die eine Perkussionistin Alba Alegre Caicedo am Werk. In der leicht erhöhten Reihe sitzen 10 Cellisten (Jürg Kesselring und Mitglieder von CHAARTS), in ihrer Mitte Dee Lewis Clay am Mikrophon. Das alles in eine zur Musik passende Lichtshow getaucht. Die Reise beginnt, sanft und leicht. Aber sie hat von Anfang an etwas von diesen packenden Soundtracks, die in Filmen die Emotionen verstärken. Gedanklich bin ich grad auf offener See, spüre den Wind im Haar und geniesse die unendliche Weite. Ein unvergleichliches Freiheitsgefühl. Zwischendurch erinnere ich mich an die Fahrt nach Las Vegas, wo streckenweise nichts als offene Ebene und eine scheinbar endlose Strasse zu sehen ist, die optisch in den Himmel führt. Ich bin nicht die Einzige, die in Gedanken ganz woanders ist. Martin Tillmans Gesichtsausdruck zeigt deutlich, wie er zwischendurch ganz und gar in der Musik aufgeht.

Ich wechsle immer mal wieder den Platz, husche ein paar Reihen hoch und runter, fotografiere von links und rechts. Kann mich nicht entscheiden, ob ich ins Bild heranzoomen und einzelne Musiker ablichten soll oder das ganze Spektakel. Denn die Lichtshow ist eindeutig ein wichtiger Bestandteil und geht in Nahaufnahmen beinahe verloren. Manchmal schliesse ich kurz die Augen, bewege mich sanft im Takt. Dann wippe ich wieder recht intensiv von Kopf bis Fuss und erinnere mich an die Zeiten im Oxa, wo ich mich von der Musik leiten liess. Superhuman ist so ein Titel, wo ich gar nicht anders kann, als mitzutanzen. Selbst wenn ich in einem der Sessel im Theater 11 sitze und fotografiere. Aber wirklich still stehe oder sitze ich eh nie an Konzerten. Dann muss meine Kamera halt mit meinem Takt mithalten. Musik erleben, hat er gesagt. Das schafft er mit Leichtigkeit, auch ohne begleitenden Film oder Videoprojektionen auf der Bühne. Hier wird mit Musik und Licht etwas geschaffen, das in jedem einzelnen Kopf zu einer eigenen Geschichte wird.
Generalproben sind meist sehr nah an der eigentlichen Vorstellung. Als Kurt Aeschbacher auf die Bühne kommt, überspringen sie aber das Interview mit Martin Tilmann. Auch das Vorstellen der einzelnen Musiker entfällt. Dafür bekomme ich mit, wie noch letzte Unklarheiten beseitigt werden, Mikrofone und Monitore der Künstler angepasst werden oder wie die Techniker hinter mir Informationen austauschen. Am Ende folgt eine 15-minütige Pause, bevor sie einzelne Passagen nochmals angehen. Der erste Song ist dabei zeitgleich nochmals ein Soundcheck, bei dem Christoph Stahel auf der Bühne hin- und hergeht, stehenbleibt und seinen Blick schweifen lässt, den nicht benötigten Mikroständer von Martin Tillman entfernt. Während der Generalprobe applaudiere ich gedanklich nach jedem Song, denn auch der wird für die Premiere aufgespart. Zwischendurch klatschen zwar ein paar sehr verhalten, aber in meinem Kopf höre ich rauschenden Beifall aus dem Saal. Und die Verbeugung am Ende der Vorstellung wird ohne Zweifel mit Standing Ovations goutiert.
Ist «Superhuman» sehenswert? Absolut! Ist seine Show wirklich so anders und neu? Nun… Eingangs hatte ich gesagt, dass vielen Hans Zimmer ein Begriff sein wird. Auch er ist mit seiner Musik in grossen Hallen mit Orchester unterwegs. Ich war letzten Frühling an seiner Show im Hallenstadion. Im Gegensatz zu Hans Zimmer arbeitet Martin Tillman aber nicht mit Projektionen. So konzentriert man sich noch mehr auf die Musik selbst. Und schafft eigene Bilder im Kopf. Ach, was sag ich: seinen ganz persönlichen Film. Unter uns: die Akustik im Theater 11 ist tausend Mal besser als im Hallenstadion. Das ist ein weiterer Pluspunkt. Vielleicht war es auch ein Fehler von mir, die Show am Abend nicht nochmal zu geniessen. Ohne Kamera, denn die war nur an der Generalprobe erlaubt. Und das ist gut so, denn selbst wenn meine im Silent Mode geräuschlos auslösen kann, wäre der ein oder andere Besucher eventuell abgelenkt. Und ich will niemandes Reise durch Martin Tillmans Musikwelt stören.
Eventdatum: 05.05.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Theater 11, Zürich
Veranstalter: FBM Entertainment, musical.ch
Zuschauerzahl: Generalprobe ohne offizielle Zuschauer
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1068-martin-tillman-auf-tour-mit-superhuman#sigProId5e59d0a590
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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