Dramatik. Humor. Ausgezeichnete Musik. Das ist Hans Zimmer!
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Mit Hans Zimmer auf Tournee gehen? SOFORT. Mal abgesehen von der immer wieder packenden Musik ist der sympathische 64-Jährige voller Schalk. Einen normalen Arbeitstag stelle mir humorvoll und trotzdem diszipliniert vor. Auf eine spielerische Art.
Die letzten Besucher huschen auf ihre Plätze, während auf dem LED-Schirm das Publikum zu sehen ist. Vermutlich haben einige das stille Statement nicht bemerkt, das über diese Livebilder gelegt wurde: oben blau, unten gelb – die ukrainische Flagge.
Das Licht wird gedimmt, die Show beginnt mit «House Atreides» aus dem preisgekrönten Film Dune. Zwei Musiker im warmen Scheinwerferlicht, deren Töne im Hintergrund visuell dargestellt werden. Mit einem Paukenschlag fährt die Projektionswand hoch, gleissendes Licht bei jedem Schlag. Nach und nach wird das ganze Orchester sichtbar. Hans Zimmer ist ein Meister der Inszenierung: Visualisierungen, Licht und selbstverständlich packende, dramatische Musik. Dazwischen immer mal wieder kurze Geschichten – nicht über sich, über sein Ensemble. Und das mit so viel Humor, dass man sich wünschte, Teil dieser Familie zu sein.
A propos Humor… nach dem ersten Song versucht sich ein junger Herr unbemerkt auf seinen Platz in der ersten Reihe zu schleichen. Das entgeht Hans Zimmer nicht und er spricht ihn direkt darauf an: «Zu spät gekommen, hm?» und fragt, ob’s am Verkehr lag, am Schnee, den die Schweizer nicht kennen. Und hängt an: «Soll ich nochmal von vorne anfangen?» Das Gelächter im Saal kann man sich vermutlich vorstellen.

Zimmer trägt einen blauen Blazer und gelbe Hosen. Erneut ein Zeichen, das keiner Worte bedarf und sicherlich nicht jedem aufgefallen ist. Ob sie es realisierten, als er anspricht, sie hätten acht Mitglieder seines Ensembles aus Odessa rausgebracht? 858 Tage sei es her, als er das letzte Mal hier war. Zuerst Corona und dann dieser unsägliche Krieg, führt er aus. Eigentlich bestünde sein ganzes Orchester aus Flüchtlingen. Er habe sie nicht gesucht, meint er, sie hätten ihn gefunden. Auch wenn er das gar nicht gewollt habe, hängt er mit einem Augenzwinkern an. Es ist übrigens das gleiche Orchester, mit dem er die Filmmusik für «Dune» aufgenommen habe. Wir würden sicherlich verstehen, warum er mit ihnen auf Tour gehe.
Er stellt uns Guthrie Govan vor, der virtuos Gitarre spielt. Laut Hans Zimmer seit 2 Tagen, er sei halt ein Wunderkind. Habe ich schon erwähnt, wie viel Schalk dieser Mann im Nacken hat? Er erwähnt auch die «Medal of Honor von McDonalds», die am Gurt einer seiner Gitarre angebracht ist. Diese Medaille sein ein Reminder dafür, dass egal wie schlecht die Musik sei, die Zimmer komponiere und von Guthrie gespielt werden müsse, es sei alles immer noch besser als Burger braten in McDonalds.
Und da ist Tina Guo aus China, deren Eltern ohne sie in die USA ausgewandert seien, als sie 2 Jahre alt war und deshalb bei der Grossmutter aufgewachsen sei. Ob das stimmt oder wieder ein Scherz war? Laut Wikipedia ist sie im Alter von 5 Jahren mit der Familie nach Amerika gezogen. Ihre Eltern sind beides Orchestermusiker und haben Tina täglich zu 6-8 Stunden Musikunterricht auf Geige und Cello gezwungen.
Loire Cotler springt am heutigen Abend für Lisa Gerrard ein, die vor zwei Tagen an Covid erkrankte. Er verrät uns, Loire verstehe kein Wort Deutsch, und manchmal sei das auch ganz gut so. Dafür werde er nachher wohl wieder Schelte kassieren, meint er. Zimmer plaudert aus dem Nähkästchen, dass die Songs für die ausgezeichnete Filmmusik «Dune» covidbedingt nicht in einem Studio aufgenommen wurden. Jeder war bei sich zu Hause – und Loire sei in ihrem Kleiderschrank in Brooklyn gesessen, umgeben von ihren Mänteln. Der Akkustik wegen. Hat noch jemand ausser mir gerade ein Bild vor Augen und grinst vor sich hin?
And the Oscar goes to…
Die erste Oscar-Nominierung in der Kategorie «Beste Filmmusik» erhielt Hans Zimmer 1989 für Rain Man. Das Theme zu diesem Song begleitete mich Mitte der Neunziger auf meiner Reise durch die USA und verstärkte das Gefühl von Freiheit auf den scheinbar unendlichen Weiten in Richtung Las Vegas. 1995 gewann er seinen ersten Oscar für «Der König der Löwen», dem 9 weitere Nominierungen und der diesjährige Oscar für «Dune» folgten.
Ja, er ist schon länger im Business. Genauso wie sein Akkordeonspieler, mit dem er seit 1978 Musik macht. Am ältesten ist aber eindeutig Rusanda Panfilis Violine – die ist unglaubliche 410 Jahre alt. Hans Zimmer selbst ist 64ig und er habe gemerkt, das Leben sei doch nicht so lange, wie man manchmal denke. Es sei wichtig, seine spielerische Seite wiederzuentdecken – vor allem als Deutscher – und Freude am Leben zu haben. Freude an dem, was man tut. Das kann ich blind unterschreiben: wer seine Leidenschaft zum Beruf machen kann, hat viel gewonnen.
Der talentierte Komponist geniesst es auf der Bühne, spielt Gitarre und auf dem Klavier – manchmal beides beinahe gleichzeitig. Einige Songs werden schneller erkannt als andere. Das Medley von Jack Sparrow braucht jedenfalls nicht lange, bis man «wohoo»-Rufe aus den Rängen hört. Nach diesen Klängen geht es für 25 Minuten in die Pause. Die Projektionswand wird heruntergelassen, auf dem ein Chalet im Wald zu sehen ist. Und ich höre Vogelgezwitscher. Hoffentlich ab Band und nicht tatsächlich von einem echten Tier, das sich ins Hallenstadion verirrt hat.

Nach der Pause geht es genauso reizvoll für Augen und Ohren weiter. Als zweites wird “Discombobulate” aus Sherlock Holmes angestimmt. Die Musik habe er in Meiringen bei den Wasserfällen komponiert, ohne um Erlaubnis zu fragen. Manchmal sei es einfacher, nachträglich um Verzeihung zu bitten. Die Musik sei nicht sehr schweizerisch, meint er. «Ich bitte um Verzeihung. Aber ich habe euch auch verziehen, dass ich in der Schweiz aus der Schule geworfen wurde. Und du warst zu spät!”, sagt Zimmer und zeigt auf den jungen Mann in der ersten Reihe. «Man sollte nicht weiss tragen, wenn man zu spät kommen will».
Wie schon erwähnt wird die Musik immer sehr effektvoll untermalt. Nicht nur mit Licht und Projektionen. Bei einem der Songs performt die Luftakrobatin Nina Treiber im Takt, die man von den seitlichen Plätzen aber vermutlich weniger eindrucksvoll beobachten kann wie die Zuschauer im Mittelbereich. Zum Medley aus «Circle of Life» schliesst sich Lebo M an und auch hier wird man unweigerlich in eine andere Sphäre entführt. Ähnlich wie beim einen Violinenstück, bei dem Rusandas Spiel von – so Zimmer – mit Gesang begleitet wird, der nicht von dieser Welt sei.
Beim James Bond-Medley scheinen die meisten etwas länger zu brauchen, um es als selbiges zu erkennen. Es beginnt eigentlich mit dem unverkennbaren und lauten Takt mit Bläsern und Trommeln. Danach wird es wieder dunkel im Saal, dann die zwei ersten Takte. Dunkel. Wieder nur ein Takt. Dunkel. Zwei Takte. Dunkel. Beim dritten Durchgang wird dann das offensichtlich noch grosse Rätsel für den Saal gelöst, als die Gitarrenspieler in der Bühnenmitte mit einstimmen.
Die Setlist ist nicht in jeder Stadt gleich. Er spiele manchmal etwas, von dem er denke, es würde uns gefallen. Und dann spiele er etwas, das ihm gefalle. Er setzt sich verkehrt auf einen Stuhl, schaut ins Publikum und bittet darum, das Licht in den Saal zu schwenken. Er wolle in die Gesichter schauen. Ja, das seien wirklich Schweizer, meint er. Und viele würden zuweilen vergessen, wie viel die Schweizer über Musik wissen. Ich runzle für einen Moment die Stirn. Was er wohl damit meinte? Er wechselt ans Klavier, das Schweinwerferlicht auf ihn gerichtet. Als letzten Song des Abends wählte er für sich – aber doch auch für uns – «Time» aus Inception.
Mit diesen sanften Klängen geht ein gelungener Abend mit vielen unglaublich schönen Momenten zu Ende. Da verwundert auch die Standing Ovation nicht, die Hans Zimmer und dem ganzen Orchester erbracht wird.
Eventdatum: 02.04.2022
Fotograf: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: Act Entertainment
Setlist: setlist.fm
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/777-hans-zimmer#sigProIdd7de6f18b0
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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