Die Baloise Session startet mit Sprechgesang
Nils Blattner / szenemagazin.ch
Steff la Cheffe bringt dem Setting entsprechende Lieder und die Fantastischen Vier machen sich über den Champagner lustig. Hip Hop meets Boutique.
Bei deutschem Rap führt nichts an den Fantastischen Vier vorbei. Die Stuttgarter sind nun seit über dreissig Jahren mit ihrem Mix aus ernster Poesie und spassigem Sprechgesang erfolgreich. Sie schaffen es immer wieder, neue Ohrwürmer rauszuhauen und haben damit bereits 1992 mit Die da gestartet. Nach einer lange verschobenen «Für immer 30 Jahre Live Tour» im 2022 haben die vier gleich noch eine Art Best-Of in Form der Liechenstein Tapes nachgeliefert. Ist die Band etwa nach all dieser Zeit müde geworden und bereitet sie sich auf die Pensionierung vor?
Dagegen ist Steff la Cheffe fast ein Teenager. Zwar ist Steff seit Jahren in der Schweiz als Rapperin etabliert, doch in ihrem Geburtsjahr waren Smudo und And.Ypsilon bereits unter dem Namen «Terminal Team» unterwegs. Trotzdem muss sich die Bernerin nicht verstecken. Als einziges Konzert in diesem Jahr spielt sie in der speziellen und heimeligen Atmosphäre der Baloise Session vor sitzendem Publikum.

Das Licht wird langsam dunkler, die zahlreichen VIP-Gäste kommen in Herdenformation mit Cüpli an die vorderen Tische und Steff betritt mit ihren beiden Musikern die Bühne. Sie startet auch ohne grosse Umschweife mit dem ersten langsamen Stück, um mit der Zeit schneller und rhythmischer zu werden. Fliessend geht es mit Holunder weiter und mit der Beatbox-Einlage zeigt Steff ihre kantigere Seite. Als Intro fürs nächste Lied Härzregion gibt sie ein Zitat über die Liebe zum Besten. Danach ist der Bereich vor der Bühne fürs Publikum frei und Steff fordert es auf, beim nächsten Lied mitzusingen. Sie stimmt ihr bekanntestes Ha ke Ahnig an, da stehen die Chancen für Textsicherheit hoch. Das Spezielle an einer Baloise Session ist sicherlich, dass jetzt eine Dame im langen roten Abendkleid nach vorne stürmt. Fürs Mitsingen gibt es dann sogleich Komplimente «schön gsungä, Basu»!
Nach dieser kurzen Party-Einlage folgen gleich wieder «fini» Lieder. Steff ist sich nicht sicher, ob die Fans vor der Bühne es aushalten und startet mit Boumhuus und gleich danach in Gheimnis. Beim letzteren wechselt Chrigel Bosshard am Schlagzeug auf Besen und gibt dem Lied einen Slow-Jazz Touch. Wir sollen uns dazu vorstellen, etwas zu verstecken, also «chly im dritte UG, e bitz verbotte». Nach dem Lied sinniert sie dann «s’isch schön, d’Melancholie z’zelebriere, aber irgendwenn isch de guet!» Mit dem schnelleren und kantigen Gschleipf, welches an Latin-Rhythmen erinnert, kriegt sie das Publikum zum Mitklatschen. Gleich darauf erzählt sie über das Erwachsenwerden. Das nächste Lied sei nicht mehr so kinderfreundlich oder sie müsse in der heutigen Zeit eine «Triggerwarnung» abgeben. Sie «zahle Folgeschäde, vo däm Schoggiläbe», statt festen wird nun gefastet und statt Gras gibt es nun Brunch oder Detox.
Dabei hat Ben Noti seine akustische Gitarre bereits durch eine der elektrischen Überzeugung ausgetauscht und es tönt mehr nach Rock als nach Hip Hop. Die Gitarre wird auch fürs nächste Lied nicht ausgewechselt und mit Patina schliessen sie das Set ab. Nach einer kurzen Sprinteinlage, einmal weg und gleich wieder zurück, erzählt Steff gleich nochmals vom Älterwerden. Sie gibt ein Zitat über Falten wider, angeblich von der ältesten Frau der Welt: «I ha nur ei Faute und uf dere hock ig!» Als Encore spielen sie eine Hommage an den letztjährig verstobenen Endo Anaconda von Stiller Has, den sie vor seinen Tod noch kennenlernen durfte. Sie und Ben Noti hätten ihn mit der Ballade Fäderliecht abholen können. Sie ernten dafür eine verdiente Standing Ovation.
Auf die eher seriöse Show von Steff folgt nach einer kurzen Pause, bei der Cüpli und Häppchen nachbestellt werden, das krasse Gegenteil. Nachdem And.Ypsilon und die Band ihre Plätze eingenommen haben, kommen die restlichen Fantastischen Vier ebenfalls auf die Bühne. Smudo bringt eine Dose Helium und Michi Beck ein Megaphon mit. Ein Rap mit Helium-Stimme ist doch schon eine ganz andere Gangart des Hip Hops und mit viel «Yeah» zeigen die Fantas von Anfang eine verrückte Party-Stimmung. Die Fans, ein Grossteil davon Damen jeden Alters, sind so fest aufgeheizt, dass sie für Danke vor die Bühne stürmen. Das etwas ruhigere und melodischere Lied wechselt flüssig in die aggressiven Rhythmen von Tunnel.

Nun startet Smudo mit Einfach sein die etwas ältere Kollaboration mit Grönemeyer. Der ist nicht im Hause, so bleibt vorerst Smudo der Star der Show. Bei Smudo in Zukunft teilt er uns mit, dass wir Schweizer ja gar nicht so sind, wie man über uns lästert. Scheinbar sollen wir langsam sein, aber das stimmt nicht! Smudo ist es auf jeden Fall nicht, sein Sprechgesang wird schneller und schneller. Neben der Rap-Geschwindigkeit haben die Vier noch andere Fähigkeiten. Die Übergänge der unterschiedlichen Songs fliessen nur so vor sich hin. «Schuld» daran hat mit Sicherheit And.Ypsilon. Und die Band tut ihr Übriges daran, dass die Lieder richtig vollmundig tönen.
Michi Beck eröffnet uns seinen Style: karierte Picknickdecken, so als Picknicker eben. Aber was ihn doch schon wundert, ist etwas am Setting der Baloise Session. Wie können Leute hinter Champagner-Flaschen so richtig abgehen? Der Frage gehen sie dann noch ein paar Mal nach. Zuerst versuchen sie aber, mit dem nächsten Party-Lied die Meute von den Hockern zu reissen. Das geht so weit, dass Thomas D auf der Bühne herumspringt und die Fans animiert, die Hände hochzureissen.
Nach dieser kurzen Anstrengung sitzen die drei Rapper vorne hin und rufen süffisant nach der Bedienung, das gehöre ja zum Ambiente. Es wird ruhiger und Wellen-Töne sind zu hören, ein gemütlicher Tag am Meer eben. Mit einem tollen E-Piano-Solo wird es dann kurz jazzig, um in einer Kakophonie zu enden. Die Bandmitglieder kriegen nun etwas Liebe und werden bei tosendem Applaus einzeln vorgestellt. Aber mittlerweile sind die Flaschen und Gläser viel zu leer. Wir sollen Mehr Nehmen. Dieses eher monotone Lied mag das Publikum nicht so richtig begeistern. Es folgt das Lieblingslied von Thomas D, welches er dann auch alleine vortragen darf: Smudo und Michi Beck kriegen eine kurze Pause. Zu Geigentönen und Gott ist mein Zeuge wippt rund die Hälfte im Raum von links nach rechts und wieder zurück. Bei der anderen Hälfte springt der Funke nicht so richtig über. Die Emotionen bei Thomas D sind absolut sichtbar, der Bass brummt und überschlägt sich fast und einige wenige sind so fest gerührt, dass sie mit den Händen in der Luft Herzen bilden.
Nach diesem Stilbruch kommen Michi Beck und Smudo zurück und bringen einen alten Hit mit. Sie ist weg, viele Handys gehen nach oben und versuchen sie zu finden. Die Stimmung ist nun auf der Höhe und Michi Beck fragt die «Champagnerschwenkis», ob sie «ready to Schweine-Rock» sind! Was das genau ist, kann ich nur interpretieren. Auf jeden Fall geht die Band minutenlang mit E-Gitarren-Solos und Megaphon-Einlagen ab. Die Witze über Champagner gehen ohne Pause weiter, vor allem Michi Beck nimmt das Ambiente gerne auf die Schippe. Er möchte nun die «Korken knallen» lassen und zu 25, also eigentlich mittlerweile 34, Jahren anstossen. Mit 34 Jahren ist es natürlich auch geiler, also mit Bedienung. Nach einer kurzen Abstimmung «wer ist zum ersten Mal hier?» sollen alle weiter Champagner schlürfen. Schliesslich führe das zu guten Entscheidungen, also an ein Fanta 4 Konzert zu gehen. Zum Set-Abschluss freuen sich die vier, dass sie sich gegenseitig Troy blieben. Thomas D schnappt sich danach die Brille und sie joggen von der Bühne.
Es ist klar, dass die Show noch nicht ganz fertig ist. Spätestens als ein Roadie die Mikrofone wieder auf die Bühne stellt. Trotzdem haben die Fantas in 34 Jahren Showbiz etwas gelernt: Das Publikum muss manchmal etwas auf die Folter gespannt werden. Nach der richtigen Menge an Klatschen kommen sie Mit freundlichen Grüssen zurück! Den Sprechgesang liefern sie mit den Händen hinter dem Rücken verschränkt ab, den Refrain dann mit wildem Herumgestikulieren oder auf das Publikum zeigend. Den Hit kennen viele und so wird kräftig mitgesungen. Danach suchen sie einen Elefanten im Zimmer, oder im Raum, ist ja hier kein Zimmer, oder da, also die, aber … Zum Glück kommen die Fans zur Hilfe und schreien Die Da!?! Spätestens jetzt sind alle Dämme gebrochen. Sitzenbleiben will niemand mehr, egal ob jung oder alt. Kinder springen auf Stühlen auf und ab und Champagner steht vergessen auf den Tischen. Diesen Enthusiasmus finden die Fantas grossartig und möchten mit dem Publikum Zusammen abschliessen.
Die Fantas sind zwar 34 Jahre im Showbiz, Pensionäre sind sie aber noch lange nicht. Sie wissen immer noch zu begeistern und springen auf der Bühne herum wie junge Versionen ihrer selbst. Nach diesem geglückten Start der Baloise Session spielen sie am Sonntag gleich nochmals, um dann wieder am nächsten Album weiterzuarbeiten. Auf weitere 34 Jahre, oder so!
Eventdatum: 21.10.2023
Fotograf: Nils Blattner / szenemagazin.ch
Location: Messe Basel, Basel
Veranstalter: Session Basel AG
Zuschauerzahl: unbekannt
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1145-die-baloise-session-startet-mit-sprechgesang#sigProIda35106c990
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Nils Blattner
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