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Thirty Seconds to Mars

Thirty Seconds to Mars Michelle Brügger / szenemagazin.ch

 Rund 5000 Zuschauer feierten die Leto-Brüder im Hallenstadion. Jared Leto zieht die Show durch, obwohl er seit mehreren Tagen krank ist. Das gibt Bonuspunkte vom Publikum im Zürcher Hallenstadion.

Als Medienvertreter weiss man ja nie, ob es mit der Akkreditierung klappt. Wenn eine Band schon beinahe ein Vierteljahrhundert auf der Bucket List steht, denkt wohl jeder über einen Plan B nach. Fast hätte ich mir sicherheitshalber ein Ticket gekauft, als ich Anfang Mai auf Instagram die «Live Nation’s Concert Week» mit unglaublich günstigen Eintrittspreisen sah. Allerdings kam dann das Leben dazwischen, habe den Tab aus Versehen geschlossen und es vergessen.

Am Freitag kam die Zusage reingeflattert. Im Mail gaben sie grünes Licht zum Fotografieren. Danach begann der Satz damit, ich bekäme kein Pressticket. Wer mich kennt, weiss wie ich darauf reagiert habe. «Wie bitte? Ich verpasse die Show? Bah!» und lese den Grund dafür: ich darf die gesamte Show aus dem Graben fotografieren! Auch hier haben Kenner ein sehr klares Bild vor Augen, wie ich von leicht angesäuert in Schockzustand wechsle, gefolgt von einem ungläubigen happy dance. Die ganze Show! Nicht nur die drei üblichen Songs, alles! Aus dem Fotograben! Ja ist denn schon Weihnachten? Ich war nicht in 30 Sekunden auf dem Mars, ich war in der Zeit «to the Moon and back», vielleicht auch auf Wolke 7.

Einen Tag vor dem Konzert bin ich dort wieder abgeholt worden – es werde erst am Konzerttag entschieden, ob wir tatsächlich die ganze Zeit vom Pit aus fotografieren dürfen. Ich vermutete, dass das kein «heute habe ich keine Lust»-Entscheid würde, sondern von einem anderen Faktor abhängig gemacht wird. Am Treffpunkt erfahren wir dann, dass wir 3 Songs aus dem Graben fotografieren dürfen und danach Schluss sei. Jared Leto gehe es gesundheitlich nicht so gut, lautete die Begründung. Das ist zwar schade für uns, aber es hat auch Vorteile, wenn man die Kamera weglegen und sich aufs Konzert an sich konzentrieren und es geniessen kann.  

 

Der Countdown läuft, aber nicht bis zur Null

Es erscheint ein Countdown auf der dreieckig beleuchteten Leinwand und eine Frauenstimme beginnt von 100 an rückwärtszuzählen. Bei 30 gerät dieser ins Stocken. Normalerweise würde jetzt die Band während des Intros durch die Menge gehen, um auf die Bühne zu gelangen. Heute ist das etwas anders als sonst und sie lassen den Part aus. Sie beginnen mit Up In The Air und wir müssen aus Sicherheitsgründen abwarten, bis etwa in der Mitte des Songs die Konfettikanone abgefeuert wird. Aber das Flitterzeugs ist so lange in der Luft, dass wir trotzdem noch ein paar Bilder mit einzelnen Papierfetzen machen können. Noch mehr Spass macht es dann, als die Pyro dazukommt.

Jared trägt seinen bodenlangen Mantel mit schwarzem Hut und einer – wie könnte es anders sein – spaceartig angehauchten Brille. Darunter ein luftiges, weisses Oberteil aus Langperlen, eine schwarze Trainerhose mit langen Reissverschlüssen und Turnschuhen. Shannon trägt einen ärmellosen weissen Hoodie, der vorne mit 30STM angeschrieben ist und auf dem Rücken eine riesige 30 zeigt.

30STM setzen auf Scheinwerfer und Laser, die meistens ein Dreieck bilden, das Teil ihres Logos ist. Das hat sich im Laufe der Zeit diverse Male verändert. Das Dreieck mit einem horizontalen Strich (Symbol für «Luft») bleibt aber konstant. Aktuell führt ein vertikaler Strich aus der Dreiecksspitze und dem -boden heraus und der horizontale Strich wurde verlängert – eine Art Kreuz, das durch das Dreieck unterbrochen wird.

 

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Ein paar Facts über 30 Seconds to Mars

Lange bevor die Band gegründet wurde, habe ich Jared in verschiedenen Serien und Filmen gesehen. Thirty Seconds to Mars (kurz: 30STM) haben die Brüder Jared und Shannon Leto 1998 in Los Angeles gegründet. Jared übernimmt Gesang, Gitarre, Bass und Keyboards, schreibt einen Grossteil der Songs, während Shannon Schlagzeug und Perkussion beisteuert. Seit 2013 ist Stevie Aiello an Liveauftritten mit Bass, Keyboard und Vocals dabei.

Ihr erstes Album erschien 2002, ihren internationalen Durchbruch hatten sie 2005 mit «A Beautiful Lie» und der Singleauskopplung The Kill.  Ab da wurden sie unzählige Male nominiert für Awards und haben auch diverse davon abgeräumt. Wer mag, kann sich gerne die Liste auf Wikipedia dazu anschauen. Es verwundert dann wohl auch keinen, dass ihr zweites Album «A Beautiful Lie» mit über 3.5 Millionen Verkäufen die meisten Auszeichnungen erhalten hat – und das, obwohl es in den Charts nicht sehr gut platziert war. Die 3 nachfolgenden Studioalben zwischen 2009 und 2018 hatten deutlich bessere Rangierungen, «America» von 2018 schaffte es in Deutschland und Österreich auf Platz 1, in der Schweiz und den USA auf Platz 2, erhielt aber keine Auszeichnungen. Ihr aktuelles Album «It’s the End of the World, but It’s a Beautiful Day» konnte nicht an die vorangegangenen Erfolge anknüpfen.

In ihrem Repertoire befinden sich auch Coverversionen. Sie haben beispielsweise Björks Song Hunter von 1997 gecovert. Einer ihrer Titel, Echelon, wurde 2003 im Film «The Core» verwendet. Und Up In The Air wurde am 1. März 2013 an Bord der SpaceX CRS-2 als erste Single überhaupt ins All geschickt. Auf der ISS feierte sie am 18. März 2013 Premiere anlässlich einer Liveübertragung von der Raumstation.

 

Eine Show mit viel Pyro, Flammen und Konfetti. Und habe ich Pyro schon erwähnt?

Beim vierten Song sind wir Fotografen nicht mehr im Graben und Jared entledigt sich sowohl von der Sonnenbrille als auch vom Mantel. Er erzählt dem Publikum, er sei seit gut 6 Tagen gesundheitlich angeschlagen und kämpfe mit einer Erkältung. Der Arzt habe ihm eigentlich gesagt, er könne nicht auftreten. Aber absagen sei für ihn keine Option gewesen, so Jared.

«I had the choice to cancel the concert. Or come here and sing with a shitty voice.» -  Jared Leto

Den Song Hurricane hat Jared Leto in Berlin geschrieben, während er mit seiner Gitarre auf einer Parkbank sass. Das dazugehörige Musikvideo ist für viele Fernsehstationen zu freizügig, weshalb es unter anderem bei MTV nicht gespielt wird. Zu This Is War schiesst nochmal eine gewaltige Menge Konfetti in die Höhe. Im Anschluss verlassen alle ausser Jared die Bühne. Er spricht nochmal seine Erkältung an und dass er unsere Unterstützung brauche. Nun kommt der obligate Akustik-Teil, wo er Liederwünsche entgegennimmt. Dann unterbricht Jared, weil noch immer sehr viel Konfetti umherschwirrt. Er merkt an, dass es jedem vergönnt sein müsste, jeden Tag durch Konfettiströme hindurchgehen zu können. Und fügt an: «Das ist das beste Konfetti, das ich je gesehen habe. Es scheint nicht aufzuhören» und vergibt Kudos an den Lieferanten. Mir fällt auf, dass 3 Songs später noch immer vereinzelt Konfetti durch die Luft fliegt. Er nimmt eine Zuschauerin aufs Korn, die lautstark einen Musiktitel fordert. Dann will sie sich mit ihm unterhalten – er dreht sich weg und meint: «Ist es das, was man von einer Schweizer Frau erwarten kann? Zuerst schreit sie dich an und dann quatscht sie dich in den Schlaf?».

«Is this what you get with a Swiss wife? First she yells at you and then she talks me into sleep?» - Jared Leto

Dann deutet Jared auf seinen Pferdeschwanz und meint, er habe sich das in der Schweiz zu tragen getraut. Ein Dutt oder ein top knot sei oft geduldet, aber so wie er ihn heute trage, wäre er in Paris vermutlich verhaftet worden. Anklage: Modesünde. Bei einem der akustischen Lieder klatscht das Publikum nicht mal halbherzig mit – es sind eher gefühlt 10 Personen und nicht im Takt. Jared bricht ab und meint, wir seien die schlechtesten Klatscher aller bisherigen Konzerte. Ich habe nicht so genau mitgezählt, wie viele Lieder angestimmt wurden, aber dieser Abschnitt war relativ lang. Natürlich sollten wir in Gruppen zu einem Titel mitsingen, Yesterday, mal nur die Frauen, mal die Männer, mal links/rechts/mittig.

Zu Night of the Hunter kommen Shannon und Stevie zurück auf die Bühne. Jared vermasselt den Einsatz drei Mal und schiebt es auf den Hustensaft. Der scheint gegen Ende des Konzerts definitiv reinzuhauen, denn Jared verlässt auf einmal die Bühne und bahnt sich einen Weg quer durch die Menge – ein Security spurtet ihm nach und bleibt danach dicht hinter ihm. Nach einem Ausflug auf die Tribüne geht’s dann zurück für den letzten Song vor den Zugaben. Es wird einfach ohne Ankündigung dunkel und man sieht, wie die Musiker die Bühne verlassen.

Jared versucht, zu Stuck eine Handy-Choreo hinzubekommen, aber da waren glaube ich einige Bewegungskasper im Saal. Wir sollten ja vorhin schon einmal alle unsere Handies hervorholen. Gefühlt blieb wohl jedes 4. Handy im Hosensack und das ist Jared nicht entgangen. Was los sei, wollte er wissen. Ob wir alle Nokias hätten und uns dafür schämen würden? Er wisse ganz genau, dass die Schweiz ein «iPhone only»-Land sei. Also raus damit und Licht an bitte. Für meinen Geschmack ging das viel zu lange, bis sie dann wirklich mit dem Song loslegen. Und natürlich schossen einmal mehr Flammen in die Höhe. Als zweite Zugabe spielen sie The Kill. Das Musikvideo basiert auf Stephen Kings «The Shining». Die ältere Generation erinnert sich noch daran, dass den Nummern auf Handytastaturen Nummern und Zeichen zugeordnet waren. Die Zimmernummer 6277 ist nicht zufällig gewählt – die ergibt das Wort «Mars».

Als Schluss-Titel wählen sie Closer to the Edge und laden eine ganze Menge an Fans auf die Bühne ein. Ich mache mich langsam auf den Weg zum Ausgang, um meinen Rucksack abzuholen. Draussen auf dem Vorplatz spielt ein Musiker mit Verstärker, ein paar Leute haben sich hingesetzt, um zuzuhören. Clever, schliesslich werden jeden Augenblick ein paar Tausend Leute aus dem Hallenstadion strömen. Ich weiss nicht, wer da zu ihm kommt und mit ihm redet. Aber noch bevor die letzte Konfettikanone abgeht, hört Giovanni Bassano auf zu spielen. Ob er seine Sachen packt und wie ich im Dunkel der Nacht verschwindet? Ich habe ihn jedenfalls nicht mehr Musik machen, bis ich beim Airgate um die Ecke gehe.

 

 

Eventdatum: 22.05.2024

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Hallenstadion, Zürich

Veranstalter: Live Nation

Zuschauerzahl: ca. 5000

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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