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Herbert Grönemeyer lässt alle still werden

Herbert Grönemeyer lässt alle still werden Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Seit 15 Uhr sei das Parkhaus voll, heisst es bei der Einfahrt. Da ist etwas Geduld gefragt, bis man das Auto abstellen kann. Da ich früh genug vor Ort war, schaffe ich es aber locker bis zur Öffnung des Geländes - respektive der Räumung vor der Öffnung. Am Stars in Town bleibt der Herrenacker frei zugänglich bis 17 Uhr, bevor man die Absperrgitter platziert und alles für den Einlass um 17:30 Uhr vorbereitet wird. 

Es ist Mittwoch, dementsprechend sind die Besucher vor der Bühne noch sehr dünn gesät, als Steiner & Madlaina ihren Auftritt beginnen. Ich finds immer schade für die Künstler so früh am Abend, dass sie in der prallen Sonne auftreten müssen. Die ganzen Lichteffekte gehen dadurch verloren und die (optische) Stimmung büsst dadurch erheblich ein. Die Band gibt Vollgas auf der Mainstage, Nora Steiner wirbelt mit ihrer Gitarre herum, als könnte ihr die Hitze nichts anhaben. 

Nach einer kurzen Umbauphase wird Elif angekündigt. Ich kenne sie schon von Popstars-Zeiten her und mag ihre Musik. Obwohl der Abend ausverkauft ist, wird spätestens jetzt deutlich: die Tickets hat man sich wegen Herbert Grönemeyer gekauft. Das ist Elif wohl auch bewusst, wenn sie zwischendurch ein «für diejenigen, die neu sind» in die Runde wirft. So leid es mir für sie tut, aber der Spruch: «Elif wer? Kenn ich nicht» ist mehr als einmal gefallen. Umso verwunderter ist man dann als Fotograf, dass sie die Fotos vor Veröffentlichung absegnen lassen will. In der heutigen Zeit, wo man mit Handys für Social Media gleichwertige Bilder schiessen kann wie mit meiner Kamera, ist das ein alter Hut. Das Publikum hat nicht nur 3 Songs zur Verfügung und bekommt Elif ab Song 4 dann ohne Sonnenbrille zu sehen. Würde mich nicht wundern, wenn auf Facebook und Insta die tolleren Fotos zu sehen sein werden.

Elif, wir sind auch Künstler und wir sind darauf bedacht, so vorteilhafte Bilder wie möglich zu veröffentlichen. Wenn wir nicht entscheiden können - wie der Rest auf dem Herrenacker - welche Bilder wir zeigen möchten, ist das in etwa so, wie wenn du ab sofort die Setlist vorlegen müsstest und wir entscheiden, was du spielen darfst und was wir rausstreichen. Nachtrag: ich habe 24 Stunden nach meiner Email mit 8  Bildern Bescheid bekommen, welche der eingereichten Fotos ich verwenden darf. Im Gegensatz zum Publikum, das schon während des Auftritts posten konnte, was es will, bleiben schlussendlich 5 Bilder übrig und Fotos von Bandmitgliedern wurden rausgestrichen. Eigentlich würde ich jetzt gern ein Voting machen und euch fragen, ob die Bilder tatsächlich so daneben sind, dass man sie ablehnen muss. Ich entscheide mich aber dafür, das zu tun, was ich eigentlich schon am Mittwoch vor ihrem Auftritt gesagt habe: dann gibt's halt kein Foto von ihr. 

Abschluss des heutigen Abends macht Herbert Grönemeyer. Bei seinem Auftritt sind unsere Kletterkünste gefragt. Wir dürfen nicht in den Graben und müssen auf der Rollstuhltribüne einen Platz finden, wo wir dem Publikum nicht die Sicht nehmen, aber trotzdem mehr als ein Meer aus Köpfen fotografieren können. Am Ende sind das Pfosten, an denen sich manche festklammern, rückwärts auf einer Leiter stehend (grüezi, Suva), auf dem Geländer balancierend, halb geduckt auf der Tribüne, um dem Lichttechniker nicht im Weg zu stehen oder auf einem der Betonklötze, die den Lichtturm beschweren (aber so nimmt man den Besuchern in den Rollstühlen komplett die Sicht). Nochmals lieben Dank für euer Verständnis, dass ich 2 Songs lang dort stehen durfte! Ich komm wieder zurück auf: die erste Reihe hat Handys, die in der kleinen Auflösung fürs Internet gleichwertige oder je nach Lichtverhältnissen inzwischen sogar bessere Bilder schiessen. Wieso genau werden wir so weit nach hinten geschickt?

Als Grönemeyer die Bühne betritt, blickt er sich um und richtet das Wort an die Anwohner, die es sich an ihren Fenstern gemütlich gemacht haben: «Wir kommen nachher vorbei, um Wohnzimmerkonzerte zu geben». Alles in allem singt er mehr als er spricht, und dafür ist das Publikum ja primär da. Er macht aber jeweils eine Überleitung zum nächsten Song, die manchmal etwas holprig ist. Deutlich wird er in ungefähr der Mitte seines Sets. In Deutschland sei der Ausländeranteil inzwischen bei 25%. Die Verschiebung nach rechts gefällt ihm gar nicht. Er fordert Toleranz, Respekt und Menschlichkeit für die Menschen, die ihre Heimat gewollt oder ungewollt verlassen mussten und sein Land als neue Heimat wählen. Sein Auftritt wird vom Publikum am meisten gefeiert und bestätigt nochmals, warum der heutige Abend ausverkauft war: seinetwegen. Und wenn 6500 Zuschauer plus alle Helfer unisono verstummen, liegt das an Der Weg.

 

 

 

Eventdatum: 7. August 2024

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Schaffhausen

Veranstalter: Stars in Town

Zuschauerzahl: 6500 (ausverkauft)

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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