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Wenn 21 Piloten ins Hallenstadion fliegen

Wenn 21 Piloten ins Hallenstadion fliegen Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Dann… ja dann ist was gründlich schiefgelaufen. Denn erstens fliegen Twenty One Pilots nicht selber und zweitens ist das der Name des amerikanischen Musikduos, das im Rahmen ihrer «The Clancy World Tour» in Zürich Halt machen.

Das Konzert im Hallenstadion ist Teil ihrer Tour auf vier Kontinenten, die Mitte August 2024 in Denver begann und Mitte Mai in London endet. Die Band wurde 2009 von Tyler Joseph mit Nick Thomas und Chris Salih gegründet, die die Band 2 Jahre später verliessen und Josh Dun dazustiess. Im Februar 2019 schafften sie es das erste Mal in die Schweiz (ebenfalls ins Hallenstadion) und im Juli 2019 spielten sie am Gurtenfestival. Es ist also erst ihr dritter Auftritt auf helvetischem Boden. Die Show ist ausverkauft - und wegen der erhöhten Sicherheitskontrollen bilden sich bis kurz nach 20 Uhr noch immer Schlangen rund ums Hallenstadion. Sowas habe ich seit Jahren nicht mehr gesehen. Da werden einige ungewollt den Supporting Act Balu Brigada verpassen. Mir erzählte jemand, dass Fans teils seit Samstag vor dem Eingang campiert hätten. Das nenn ich Fanhingabe! Einmal mehr bin ich dankbar für den separaten Medien-Eingang. Nebst dem Blick in die Kamerarucksäcke werden wir mit einem portablen Metalldetektor kontrolliert, was ich persönlich noch nie so erlebt habe - ausser am Flughafen beim Sicherheitscheck. 

Twenty One Pilots sind bekannt für ihren genreübergreifenden Stil, der Elemente aus Alternative Rock, Hip-Hop, Electropop, Indie Pop und Reggae vereint – oft mit tiefgründigen, emotionalen Texten. Seit 2009 kamen 7 Studioalben heraus, wobei «Vessel» von 2013 ihr erstes gemeinsames Album war, das kommerzielle Erfolge mit sich brachte. Zwei Jahre später brachten sie ein Konzeptalbum heraus, das Selbstzweifeln und Unsicherheiten einer fiktiven Figur thematisiert. Mit «Blurryface» gelang ihnen der internationale Durchbruch. Es war zudem das erste Album in der Geschichte der USA, bei dem jeder einzelne Song mindestens Gold-Status erreichte. Titel wie Stressed Out, Ride oder Tear In My Heart wurden zu Megahits.

Aber wie fiktiv ist jetzt die Figur namens «Blurryface»? Das ist – so Tyler – ein Typ, der alle Zweifel, Ängste und Unsicherheiten von sich und anderen verkörpert. Um in dieser Persona zu agieren, färbt sich Tyler bei Liveauftritten und Videos die Hände, den Hals und Nacken schwarz. Die schwarzen Hände symbolisieren damit, dass Blurryface ihn berührt respektive kontrolliert – ganz besonders in Momenten, in denen er singt, performt oder mit dem Publikum kommuniziert. Hals und Nacken färbt er ein, um das Ersticken an inneren Konflikten darzustellen. Ein sichtbares Zeichen für den Einfluss seiner dunklen Seite. Ausserdem sagt Tyler in Interviews, die Farbe schwarz stehe für Schuldgefühle oder psychische Lasten, die man nicht loswird. Auch heute sind Tylers Arme und Nacken schwarz bemalt. Generell lässt sich sagen, dass ihre Texte sehr persönlich und tiefgründig sind. Sie reichen von mentaler Gesundheit über Angst, Identität bis zum Sinn des Lebens. Dabei arbeiten sie mit visuellen Konzepten für ihre symbolträchtigen Videos.

 

Ihre Live-Performances sind legendär

Tyler und Josh sind bekannt für eine extrem enge, fast brüderliche Verbindung. Und das merkt man bei jedem Live-Auftritt. Ihre Message ist oft: «We’re in this together» - mit sich selbst, mit der Musik, mit dem Publikum. Ihre Shows sind legendär, wenn Tyler auf das Klavier springt und mit einem Rückwärtssalto herunterkommt, Gerüste hochklettert oder mal kurz einen Ausflug ins Publikum macht. Heute ist es aber Josh, der einen Salto vom Klavier macht - leider verdeckt in dem Moment gerade die Videokamera auf Schienen meine Sicht und ich verpasse den Fotomoment. Auch er lässt seiner Energie freien Lauf und wie bei vielen Shows spielt er in Zürich die Drums auf einer Plattform, die vom Publikum hochgehalten wird.

Aber ich spoilere hier schon ein wenig. Denn bevor es losgeht, wird die Bühne von einem roten Vorhang verdeckt. Aus den Lautsprechern hört man Musik. In der ersten Reihe Fans im Outfitstyle von Josh aus Overcompensate, teils mit roten und gelben Tapes beklebt. Alle freuen sich sichtlich darauf, dass es bald losgeht. Dann wird es für eine Sekunde still, das Licht wird gedimmt – alle wissen, jetzt geht’s los. Ob der Vorhang vom erwartungsvollen Gekreische runtergefallen ist? Wer weiss. Es wird jedenfalls nicht leiser, als Tyler Joseph mit seiner unverkennbaren Sturmhaube und langen schmalen Schal um den Hals und einem beleuchteten Mikro mit Overcompensate loslegt. Gamer unter uns kennen den Titel vom Videospiel Fortnite. Aber was steht auf dem überlangen Ding? Sind es überhaupt Worte? Aber natürlich! Da steht vertikal «Clancy», horizontal Uldzu und Foren zufolge soll da auch noch irgendwo Voldsøy stehen, ein fiktiver Ort vom Album «Trench». Diese Zeichenfolgen tauchen immer wieder auf. Als Stola um Joshs Hals, als schmaler Schal an Tylor, am Mikrofonständer oder als Gitarrengurt.

Auf der riesigen Bühne ist das Drumset, Percussions und Keyboard stehen sich gegenüber und da ist noch Tylers Klavier. Der Rest wird genutzt, um herumzuwirbeln, auf dem Rücken liegend an den Saiten zu zupfen oder ein tragbares Keyboard auf den Boden zu legen und kniend in die Tasten zu hauen. Hinter ihnen eine lange Reihe aus Scheinwerfern und Lasern, die gezielt eingesetzt werden, um Drama aufzubauen oder die Energie zu steigern. Natürlich dürfen Flammenwerfer, Pyro mit Glitzerknallern und Konfetti nicht fehlen. Im hinteren Bereich sind es nicht weniger als 5 Doppelscheinwerfer auf halber Höhe und am Bühnenrand vier dreier-Scheinwerfer, die manchmal wie ein Lamellenvorhang eingesetzt werden.

Leider sehen wir bei den ersten 3 Songs nicht viel von den beiden, denn wenn nicht grade durchgängig rotes Licht verwendet wird, ist es blau und violett oder aber von einer Sekunde auf die andere gleissend hell, dass es unseren Job nicht grade einfach macht. Machbar, aber halt viel Ausschuss, der aussortiert werden muss. Später wechselt es auch immer wieder zwischen eher melancholisch-dunklem Licht und einem Traum für jeden Fotografen, aber da sind unsere Kameras längst in den Rucksäcken und draussen deponiert. Zurück in der Halle realisiere ich erst, wie voll es heute wirklich ist. Im Stehbereich scheint jeder Zentimeter ausgereizt worden zu sein. Auf den Rängen viele Fans, die lieber unten wären und deshalb mehr oder weniger die ganze Zeit über keinen Gebrauch ihrer Sitze machen. Schon gar nicht, wenn Josh und Tyler die Bühne verlassen und seitlich zu ihren B-Stages gehen. Dann kommt immer noch mehr Bewegung in die Menge, um so nah wie möglich ein Foto oder Video zu machen. Spannenderweise das Duo von Twenty One Pilots keine Band, die mehrheitlich Frauen begeistert. Beim Blick in die Runde sehe ich sehr viele Männer lauthals mitsingen, tanzen und lautstark ihre Zustimmung kundzutun. Allerdings realisiere ich dabei auch: ich vertrete heute die Alterskategorie «begleite mein erwachsenes Kind» - der Grossteil wird irgendwo zwischen 20 und 30 gewesen sein. 

Auch wenn die Tournee den Namen ihres neusten Albums «Clancy» trägt, enthält die Setlist Hits früherer Alben. Bei den Songs sind die Übergänge manchmal fliessend. Dann sind sie wiederum sehr abrupt, weil ein eher melancholischer Song einem punkangehauchten Titel wie Next Semester folgt. Doch auch hier ist ein Stilwechsel möglich, denn das Ende dieses Songs spielt Tylor mit ganz leisen Tönen auf der Ukulele. Ein Spot wird auf Josh gerichtet, der die Bühne verlässt und seitlich bis zur Mitte des Stadions geht. Ein Fistbump hier, Abklatschen da. Und auf einmal steht da ein Drumset, an dem sich Josh niederlässt. Nun ist Tylor unterwegs auf der gegenüberliegenden Seite, während sich die Fans auf den Rängen in Richtung Geländer verschieben. Die Plattformen fahren hoch und sie performen den ersten Song auf der B-Stage. Danach folgt The Line, ein Song vom Soundtrack der animierten Fernsehserie «Arcane: League of the Legends». 

 

Interaktiv - Visuelles Spektakel für die Sinne

Vor dem dritten Titel erklärt uns Tylor, welche Seite zu welchem Zeitpunkt das verteilte Licht oder das Handy hochgehalten werden soll. Links von ihm bei “Mul” (blaues Licht), frontseitig bei “Berry” (gelbes Licht), rechts von ihm bei “Street” (rotes LIcht), gefolgt von den Stehplätzen, wo das Licht in allen Farben aufblinkt. Sozusagen eine orchestrierte La-Ola-Welle aus Licht. Irgendwie ging dabei unter, dass sich Josh verdrückt hatte. In neuem Outfit und einer brennenden Fackel taucht er wieder auf bei einem der Zugänge im mittleren Rang. Es besteht zwar Rauch- und Vapeverbot im ganzen Hallenstadion, aber von einer Fackel hat niemand was gesagt - merke ich mir. Ab einem gewissen Zeitpunkt habe ich auch aufgehört zu zählen, wie oft die beiden ihre Outfits gewechselt haben. Ich glaube, das überbietet nur noch Cher. Aber das ist ein anderes Thema. 

Mein Jahrgang findet Eminem halt immer noch recht geil. Sorry. Trotzdem muss ich sagen: Tylor legt einen recht guten Rap hin, den man bei Heavydirtysoul wieder richtig abfeiert. Einmal mehr wird das volle Programm durchgezogen: Pyro mit so hohen Flammen, dass man die Hitze auf den Sitzplätzen in der 23. Reihe noch spürt, intensive und farbenfrohe Lichtshow, Laser und Trockeneis auf der Bühne. Obendrauf ein Bass, der durch den ganzen Körper fährt. Einfach ein riesen Spektakel, das vom Publikum gefeiert wird. Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr, ob Josh dann seinen Pullover auszog und ein “Züri”-Tanktop zum Vorschein kam. Er stand dann irgendwann auf und während er zum Bühnenrand ging, hat er sich das Tanktop ausgezogen. Ein paar Mal deutete er eine Wurfbewegung in alle Richtungen an, bevor es dann mittig im Stehbereich ergattert werden konnte.

Bei Ride sind dann wieder alle am Start, den Titel kenne sogar ich auswendig. Tylor kündigt uns einen Gast an, der Ride nochmal mit ihm ansingt. Und auf einmal steht da dieses junge Mädchen bei ihm - ich hoffe ich schätze sie nicht zu jung… so um die 11 Jahre rum? Er erklärt ihr, das Mic sei gereinigt, sie solle es drum nah an ihre Lippen halten. Die Antwort auf seine Frage nach ihrem Namen hören wir nicht - weil das Mic nicht offen war. Er lässt sich das von uns rückbestätigen und meint dann trocken: «Manchmal, wenn Leute für dich arbeiten, musst du sie feuern». Wir erfahren dann doch noch, dass sie Nufar heisst und zusammen mit Tylor singt sie mit voller Energie den Hook des Songs nochmal. Nicht gut, aber mit Herz und Leidenschaft.

Auf der Setlist sind vier Zugaben aufgelistet. Aber ganz ehrlich? Bei dem laschen Geklatsche wäre ich in den Tourbus gestiegen. Dafür, dass die Band den ganzen Abend über so frenetisch gefeiert wurde, ist hier das Encore zu halbherzig eingefordert worden. Bei Jumpsuit regnete es gelbes Konfetti, das fast wie Schmetterlinge umherflog. Es hatte dann schon ein wenig Situationskomik, als am Schluss des Songs jemand mit einem Laubbläser auf die Bühne kam, um das Konfetti loszuwerden.

Nach der dritten Zugabe Stressed Out stehen schon viele in den Gängen - normalerweise kommen dann die Security-Leute und scheuchen einem weg. Man müsse den Notausgang freihalten. Also wieder hinsetzen oder gehen. Heute wäre das lächerlich gewesen, weil die Zuschauer ja schon das ganze Konzert über in den Durchgängen, auf den Treppen und bei den Geländern standen. Jedenfalls gibt es für den letzten Song noch eine Überraschung. Sie hätten vor dem Konzert im Stehbereich einen roten Kreis gelegt. Ein Spot geht an und man sieht einen Kreis - der soll jetzt freigemacht werden. «Los, bewegt euch. Geht zurück. Weiter. Noch weiter. Macht Platz. Sonst können wir den letzten Song nicht spielen», meint er motivierend.

Es dauert seine Zeit, aber schlussendlich klappt es. Dann soll noch eine Moses-Aktion stattfinden, der die Menge in zwei Hälften teilt, damit das Equipment zum Kreis gerollt werden kann. Kaum sind Tylor und Josh dann auf diesen aufgebauten Bühnenteilen, schwappt die Menge zurück in die zuvor geschaffene Lücken und umfliesst die beiden Plattformen. Zu Tree wird nochmal richtig Party gemacht, bevor sich die beiden von uns verabschieden. Wer noch nicht genug hat, kann sich auf Spotify die Playlist anhören, die alle Tracks der Setlist enthält. Einige Songs, wie z. B. The Judge mit dem Cut My Lip-Snippet oder Paladin Strait / Bandito sind spezielle Live-Versionen respektive Medleys, die man so online nicht findet und deshalb als separate Studioversion drin sind.

 

 

Eventdatum: 16.04.2025

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Hallenstadion, Zürich

Veranstalter: Livenation

Zuschauerzahl: ausverkauft

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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