Jason Mraz - ein Mann und seine Gitarre(n)
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Nach vielen Jahren tritt Jason Mraz wieder in der Schweiz auf. Für einmal kann man die Musik wieder ungefiltert geniessen - laut wird heute höchstens der Applaus. Auf seiner «Still Yours»-Tour tritt Jason Mraz solo auf und wählt für seine Akustikshow eher intime Locations.
Das Volkshaus ist ausverkauft und alle warten gespannt darauf, dass Jason Mraz die Bühne betritt. Es ist schon fast andächtig still. Nachdem er uns begrüsst hat, ruft aus den vorderen Reihen eine Frau «Jason, I love you» und ein kurzes Lachen geht durch den Raum. Das Bühnenbild ist einfach gehalten. Hinter ihm ein Bogenfenster mit Baummotiv aus Buntglas. Das Einzige, das wechselt, sind Bühnenlicht und Bodenprojektionen, zwischendurch auch mal die Gitarre.
Meine Ohrstöpsel bleiben in der Tasche, das verspricht ein intimes Konzert zu werden. Abgesehen von einem Kameramann, der das ganze Konzert über filmt, ist ausser ihm, dem Mikroständer und der Gitarre ist nichts auf der Bühne. Kein Verstärker, keine Loopstation, 100% Akustik. Seine Überleitungen während der Show sind Geschichten hinter den Liedern. Die erzählt er mit viel Witz und frisch von der Leber weg. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie an jedem Konzert inhaltlich übereinstimmen, aber immer ein wenig anders daherkommen. Die Individualität jedes Auftritts spiegelt sich auch in den Setlists wider, die überall anders ist.
Musikalische Karriere & Erfolge
Jason Mraz ist ein US-amerikanischer Singer-Songwriter und zweifacher Grammy-Preisträger. Sein Stil beinhaltet Pop, Rock, Folk und Funk-/Soul-Elemente. Er besuchte die Lee-Davis High School (heute Mechanicsville High School) in Mechanicsville, Virginia. Dort war er im Chor, im Drama Club und Tei der Cheerleading-Gruppe. Nach der Schulzeit zog er nach New York City, um die American Musical and Dramatic Academy zu studieren. Nach anderthalb Jahren widmete er sich stärker dem Gitarrespielen und Songwriting, weshalb er das Studium abbrach und sich auf seine Musikkarriere konzentrierte.
Sein Debütalbum «Waiting for My Rocket to Come» erschien 2002. Der Song Remedy (I Won’t Worry) war sein Durchbruch. Zum 20-jährigen Jubiläum dieses Albums erschien eine erweiterte Version mit Live-Akustikaufnahmen. Das zweite Album «Mr. A-Z» erschien 2005 und erreichte in den USA Platz 5 der Billboard 200 Charts. Drei Jahre später schaffte es «We Sing. We Dance. We Steal Things» auf Platz 3 und wurde mehrfach mit Platin ausgezeichnet. Der Titel I’m Yours blieb 76 Wochen in den Billboard Hot 100 und wurde auf Spotify bisher über 2 Milliarden Mal abgespielt.
Er erhielt mehrere Auszeichnungen, darunter 2020 den «NAMM Music for Live Award» für sein musikalisches und philanthropisches Engagement. Denn Jason Mraz ist nicht nur Musiker, er setzt sich auch für verschiedene soziale und ökologische Anliegen ein. Seine Stiftung unterstützt inklusiven Kunstunterricht, Nahrungssicherheit und Gleichberechtigung.
Sofern meine Google-Recherchen korrekt sind, ist der 48-jährige das letzte Mal 2012 in der Schweiz aufgetreten. Seither hat er vier weitere Studio-Alben herausgebracht. Sein Aktuelles ist «Mystical Magical Rhythmical Radical Ride («MMRRR»)» von 2023. Es soll als Rückblick auf 25 Jahre professionelle Musik dienen, enthält persönliche und künstlerische Reflektionen.
Eindrücke der «Still Yours»-Tour
Bei Türöffnung ist die Schlange verdächtig kurz. Aber da es ein bestuhltes Konzert ist, gibt es keinen Grund, schon 19 Uhr vor Ort zu sein. Die bei ausverkauften Anlässen typische Warteschlange entsteht deshalb erst kurz vor Beginn, welche dann um die Ecke des Volkshaus reicht. Ob das der Grund war, dass das Konzert rund 10 Minuten später anfing?
Im Publikum sitzen mehrere Superfans, die man bei einem so stillen Anlass viel besser wahrnimmt. Bei You and I both zeigt eine Person ihr Gesangstalent und singt laut mit – wobei «laut» heut Abend relativ ist. Sie klingt gut, aber Jason scheint nicht in Duettstimmung zu sein. Auf einmal fangen die Leute an zu lachen – beim nächsten Satz weiss ich auch weshalb: er hat den Text freestyle abgeändert, damit er alleine weitermachen kann. Er singt wortwörtlich: «I changed the lyrics to mess with you. That’s what being in control looks like».
«This feels like fancy busking» - Jason Mraz
Während des ganzen Auftritts bleibt er am gleichen Ort stehen. Selbstreflektiert meint er irgendwann, das fühle sich an wie gehobene Strassenmusik. Einmal mehr lacht das Publikum. Seine Überleitungen erzählt er mit musikalischer Untermalung. Früher habe er Songs gehabt, die man zu einem Theme zusammensetzen könnte, ohne dass sich die Melodie beissen würde. Denn er habe für alle die gleichen vier Akkorde verwendet. Er belässt es aber nicht dabei und beweist es uns mit einem Medley.
Bei Lucky singt das Publikum zumindest beim Refrain hörbar mit, beim Rest scheinen sie nicht so textsicher zu sein. Aber wir haben nicht mit Jason gerechnet, denn er setzt den Volkshaus-Chor ein. Wir sollen allerdings «You» singen – und zwar zu der Person, mit der wir hier seien. Er lässt uns den Ton recht lange halten (und wir haben diese Challenge gemeistert), bis er zur tieferen Note dirigiert und das Ende des Songs signalisiert.
Während eines längeren Intros erzählt er uns von seiner Kindheit, wo er versucht habe, Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu sein. Dies gelang ihm wohl nicht so gut, als die Eltern im Begriff waren, sich scheiden zu lassen. Allerdings zählt er danach die Vorteile von zwei Haushalten auf: es gibt alles doppelt. Und wenn man mal abschleichen will, erzählt man Mama, man sei bei Papa und Papa sagt man, man sei bei Mama. Schlussendlich sei er in einem Diner gesessen und habe Lieder geschrieben. Und jetzt singe er den Song, den Mama am wenigsten möge: Love for a Child.
Es ist noch nicht mal halb zehn, aber auf einmal stehen am Ende eines Songs diverse Leute auf - und vergessen, dass es auf der Galerie Klappsitze sind. Bäm, Bäm, Bäm. Jason sagt, wir sollen alle mal tief Luft holen. Er setzt an, Bäm, Bäm. Mit einem seufzen meint er, wir sollen nochmal tief Luft holen. Der Saal atmet hörbar gleichzeitig ein. Entweder ist einfach das Timing perfekt für die Überleitung zu Have it all passend zur Störung durch das Publikum oder er hat einmal mehr improvisiert.
Nach 2 Stunden lässt er uns nochmal tief Luft holen. Dabei macht er einen Wortwitz, der nur auf Englisch funktioniert. Er zieht einen Vergleich mit einatmen (breath in) und inspirieren (inspire) versus ausatmen (breath out) und enden (expire). Und wenn uns wer frage, wie die Show gewesen sei, sollen wir einfach sagen: atemberaubend.
Eventdatum: 17.09.2025
Fotos: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Volkshaus, Zürich
Veranstalter: gadget abc entertainment group ag
Zuschauerzahl: 1000 (ausverkauft)
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1449-jason-mraz-ein-mann-und-seine-gitarre-n#sigProId57895a8dfa
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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