Ausverkaufte Show im Salzhaus mit Yann Tiersen
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Der Franzose, der sich nicht in eine Schublade stecken lässt: Yann Tiersen. Er bewegt sich zwischen Folk, Chanson, Klassik, Rock und Minimalismus. Aktuell ist er auf Europatournee, die noch bis März 2026 dauert. Am 5. November 2025 gastierte er im Salzhaus Winterthur.
Mit im Gepäck ist sein neustes Album «Rathlin from a Distance | The Liquid Hour», das er in wechselnden Besetzungen und mit Fokus auf nachhaltige Tourkonzepte aufführt. Das beschränkt sich nicht nur auf die Logistik/Transport, er strebt auch soziale und kulturelle Nachhaltigkeit an.
Auf seiner letztjährigen Tour reiste er statt mit dem Flugzeug mit seinem Segelboot Ninnog oder einem Minivan zu den Locations. Nur er und seine Hündin, ein Golden Retriever. Keine grossen Laster mit Equipment, er setzt auf Crews vor Ort. Zudem fuhr er maximal 100 km/h, um Benzinverbrauch und Umweltbelastung zu reduzieren. Am Ziel angekommen, übernachtete er bei Gastgebern, notfalls in seinem Van. Ausser in Zürich – dort hatte er keinen Platz zum Schlafen und wildes Campieren ist hier verboten. Als er das in einem Podcast erzählt hat, habe ich mich etwas fremdgeschämt.
Es wäre doch sicher machbar gewesen, dass er wenigstens irgendwo auf einem privaten Parkplatz hätte übernachten können. Schlussendlich ist er zu einem Freund gefahren, aber ich habe beim besten Willen nicht verstanden, wo der Freund wohnt. Ihm ist der Kontakt wichtig, Interaktionen und Austausch mit Menschen statt Kapitalismus und Masse. Das erklärt auch, weshalb er sich auf der Tour für eher intimere Locations entschieden hat. Dieses Mal ist er aber mit einem Nightliner unterwegs – vermutlich auch, weil als Supporting Act Alice Boyd & Rachel Kitchlew mit auf Tour sind.
Yann Tiersen… wer ist das nochmal?
Der französische Komponist wurde am 23. Juni 1970 im bretonischen Brest geboren, wo er schon früh seine Leidenschaft für Musik entdeckt. Als Kind lernt er Violine und Klavier am Konservatorium, ganz klassisch und diszipliniert, bevor er als Teenager Beethoven gegen Punk eintauscht und ungewöhnliche Gegenstände als Instrumente benutzt. In Rennes schliesst er sich verschiedenen Post-Punk- und Rockbands an, was ihn für seine spätere Experimentierfreude deutlich prägt.
In den 90er-Jahren wendet er sich wieder der Instrumentalmusik zu und veröffentlicht 1995 sein erstes Soloalbum «La Valse des Monstres», ein Jahr später folgt «Rue des Cascades. Mit «Le Phare» gelingt ihm in Frankreich 1998 der Durchbruch und erreicht Goldstatus. Damit etabliert er auch seinen unverwechselbaren Stil, der sich zwischen Folk, Chanson und Klassik bewegt. Wirklich international bekannt wurde Tiersen allerdings erst 2001, als er seine Musik für den Film Le Fabuleux Destin d’Amélie Poulain (Die fabelhafte Welt der Amélie) beisteuert und 2002 den César für die beste Filmmusik erhält. Interessanterweise wurde der Soundtrack aus bereits bestehenden Kompositionen zusammengestellt.
Wo der Klang die Melodien formt
Yann Tiersen spielt Klavier, Violine, Akkordeon und Gitarre. Manchmal greift er aber auch zu einem Spielzeugpiano, einer Schreibmaschine oder anderen ungewöhnliche Dingen, mit denen er interessante Klänge erzeugt. Er experimentiert gerne und legt sich deshalb auch nicht auf ein einziges Genre fest – und noch weniger mag er, nur auf sein Schaffen für oben erwähnten Film eingeschränkt zu werden. Seine stilistische Bandbreite wäre dafür auch schlichtweg zu gross.
Er lebt auf der knapp 16km2 grossen Insel Ouessant mit etwas mehr als 800 Einwohnern und Herkunft der kleinsten Schafrasse Europas, die denselben Namen trägt. 2015 renovierte er eine ehemalige Diskothek und baute das Haus in ein kulturelles Zentrum mit seinem Studio «L’Eskal» um. Die Insel liegt 20 Kilometer vor der Küste. Abgeschiedenheit und Natur fliessen dabei in seine Musik mit ein. Der Wind, so Tiersen in einem Interview, beeinflusst ihn und die Klanglandschaft spiegelt sich in seinen Werken wider.
Der Gig im Salzhaus
Ausverkauft im Salzhaus bedeutet 700 Zuschauer. Die Reihen waren locker, kein Gedränge, niemand rannte an die Bühne vor. Während des ganzen Konzerts konnte man sich problemlos durchs Publikum bewegen. Ein angenehmes Gefühl, nicht wie in vielen anderen Clubs.
Eröffnet wird der Abend durch Alice Boyd & Rachel Kitchlew. Alice ist Komponistin, Sound Artist und Audioproduzentin. In ihre folk-inspirierten Melodien fliessen immersive Feldaufnahmen und Ambient-Klänge mit ein. Rachel ist professionelle zeitgenössische Harfenistin und Komponistin. Sie spielen eigene Stücke und gemeinsam komponierte Melodien. Die Verschmelzung von Harfe und den Soundaufnahmen lässt uns in eine Klangwelt abtauchen, in der man automatisch entspannt. Einer der ersten Songs enthält Gesänge einer Nachtigall, die in Grossbritannien vom Aussterben bedroht ist, erzählt uns Alice. Hinzu kommen Klänge und Geräusche von ihrem nächtlichen Spaziergang durch Winterthur tags zuvor.
Anschliessend kommt Yann Tiersen auf die Bühne. Sein Set bestehe aus zwei Parts, sagt er. Zuerst spiele er Stücke am Flügel von seinem neusten Album und im zweiten Teil folge die elektronische Musik. Währenddessen wird die Bühne mit Nebel geflutet, ein Spot ist auf ihn gerichtet, ein oder zwei blaue Scheinwerfer in Richtung Publikum. Schon beim ersten Tastenanschlag ist Tiersen nur noch als Silhouette erkennbar. Er taucht sozusagen selber in seine Musik ein und lenkt die Aufmerksamkeit weg von seiner Person. Somit war es eigentlich auch egal, ob man zuvorderst oder ganz hinten stand.
Die Melodien sind sanft, minimalistisch und regen zum Träumen an. Das pure Gegenteil folgt im zweiten Part. Ob einige überrascht waren, dass Yann Tiersen zuerst ein Konzert am Flügel gibt und danach zum DJ wird? Ich habe mich direkt zurückversetzt gefühlt in die Zeit, wo House und Techno mein Weekendprogramm waren. Zwischendurch greift er für ein Stück zur Geige. Gegen Ende machte Yann Tiersen noch ein politisches Statement – einen Song hat er für Palästina geschrieben, erklärt er uns. Nach 22 Uhr lichten sich die Reihen sichtlich - vermutlich haben sie einen weiteren Heimweg, vielleicht waren sie auch keine Fans des Elektroparts, um bis zum Schluss zu bleiben. Nach 90 Minuten gibt er eine Zugabe am Flügel und verschwindet mit einem schlichten «Thank you» von der Bühne.
Und wo sind die Bilder?
Aus Rücksicht auf Yann Tiersen habe ich vom mechanischen zum elektronischen Auslöser gewechselt, der geräuschlos ist. Dabei habe ich vergessen, dass LED-Lichter (insbesondere blau) eine andere Frequenz haben können, als die Kamera und dann schwarze Balkenmuster erscheinen. Deshalb habe ich nur vier vom Supporting Act hochgeladen und eines von Yann Tiersen als Beitragsbild gewählt.
Eventdatum: 5.11.2025
Fotos: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Salzhaus, Winterthur
Veranstalter: Salzhaus
Zuschauerzahl: 700 (ausverkauft)
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1471-ausverkaufte-show-im-salzhaus-mit-yann-tiersen#sigProId09af2ee895
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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