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LEAP bringt das Salzhaus zum Tropfen

LEAP bringt das Salzhaus zum Tropfen Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Melodiöse Musik mit tiefgründigen Texten – genau mein Ding. Im Mai konnte ich wegen eines Terminkonflikts nicht an ihr Konzert, die zweite Chance habe ich mir nicht entgehen lassen. Zum guten Glück habe ich trotz der Aussentemperaturen keinen Pullover getragen.

Eröffnet wird der Abend von der Londonerin Tally Spear. Sie siedelt ihre Musik bei Punk-Einstellung und Popmusik an. In der Aufzählung fehlt mir wegen der Gitarrenriffs und treibenden Basslinien auch noch «Pop-Rock». Innerhalb der Tracks verstecken sich oftmals Passagen mit luftig-leichtem Pop, der zu düster-hartem Sound wechselt. Nebst zahlreichen Singles hat sie ihre erste EP 2020 veröffentlicht, die zweite ist für April 2026 angekündigt.

Fragt mich bitte nicht, weshalb mir «Legally Blonde» in den Sinn kommt, während ich mir den Titel Pretty anhöre. Er behandelt zwar die Stärkung des Selbst gegenüber gesellschaftlichen Erwartungen, aber ehrlich gesagt habe ich mich nicht wirklich auf den Text konzentriert. Allgemein thematisiert die 30-Jährige Fragen bezüglich Identität, Selbstwert, Unzulänglichkeiten oder Gefühle der Aussenseiterrolle.

Ihre Performance ist energiegeladen und irgendwann denke ich mir so «an wen erinnert sie mich nur?». Dann kommt mir Avril Lavigne in den Sinn, aber fand das etwas absurd – deshalb habe ich meine Begleitung gefragt, an wen sie der Sound erinnert. Und siehe da: Avril Lavigne. Wir sind nicht die einzigen, denn im Publikum kommentiert sie wer während der Pause als «geil, wie sie einen auf April Lavigne macht». Und als später Jack Scott von LEAP das auch noch aufbringt und sie Avril Lavigne 2.0 nennt, sehen das wohl alle so.

 

Kleines Workout im Salzhaus mit LEAP

Gegründet wurde die vierköpfige Londoner Band 2021 und besteht aus Jack Scott (Gesang), Adam Mason (Gitarre), Declan Brown (Bass) und Hector Cottam (Schlagzeug). Ihre erste, selbstverlegte EP «One Million Pieces» erschien am 3. Juni 2022. Ihr folgten drei weitere EPs, bevor ihr erstes Album «Entropy» am 3. Oktober 2025 released wurde. In einem Interview mit Kerrang gehen sie alle 11 Songs durch. Ihre Streams liegen für all ihre Songs bei 3,3 Millionen über alle Plattformen und die Tendenz ist steigend.

LEAP kombinieren Indie-Rock/Pop mit Einflüssen aus Emo, Post-Grunge und elektronischen Elementen. In ihren Songs thematisieren sie auch mentale Gesundheit und innere Kämpfe. Jack Scott verarbeitet beispielsweise den Suizid seines Vaters im Song Messages. Die Band arbeitet mit CALM («Campaign Against Living Miserably») zusammen, die Menschen mit psychischen Problemen unterstützt.

Bei Liveauftritten spielen sie mit geballter Punk/Grunge-Ästhetik. Rohheit im Sound, schnellere Tempi, harte Riffs, hie und da wird improvisiert. Unterstrichen wird ihr Musikstil durch entsprechende Outfits, spontane Interaktionen, intensiver Austausch mit dem Publikum, geprägt von Authentizität. Ihre Lieder sind eingängig, ich sitze mit wippenden Füssen und leichtem Kopfnicken auf dem Sofa und versuche gleichzeitig, den Bericht zu tippen. Dabei kommen Erinnerungen an den Gig im Salzhaus hoch. Die meisten Besucher sind zwischen 20 und 30 Jahre alt, aber in der vordersten Reihe stehen vier kleine Mädchen, die schon bei Tally Spears richtig mitgegangen sind. Jetzt halten sie sogar selbstgemachte Miniplakate hoch, springen und tanzen wie der Rest im Saal. Das war ein anderthalbstündiges, leichtes Workout – und wo schwitzt man salzigen Schweiss passender aus als hier?

Im Publikum sind einige Hardcorefans, die der Band seit 2 Jahren folgen. Die Musiker kennen ihre Fans und das macht sie grad nochmal sympathischer. Einer ruft irgendwann «I love you, man» und Jack reagiert natürlich mit «love you too». Doch damit ist es nicht getan, denn der andere doppelt nach «I really love you» und Jack bedankt sich. Dann ruft er nach vorne, er sei schon am Konzert im Mascotte gewesen und sie hätten sich unterhalten und er möge die Musik. Jack nutzt den Moment, als der Typ Luft holt und sagt mit einem Grinsen, es sei schön, ein persönliches Gespräch zu führen, aber es seien noch ein paar andere Leute da. Vielleicht später am Merch-Stand?

Er setzt das Set fort und fragt uns, was für ein Wort er lernen könnte, das ihn cool wirken lasse. Irgendwer ruft «FCB» und das wird mit Buhrufen goutiert. Dann fragt er eins der kleinen Mädchen in der ersten Reihe und sie meint «YB» und wieder buht es durch den Saal. Jack reagiert direkt mit: kommt schon, das ist ein kleines Mädchen!!! Aber er entscheidet dann, keins der beiden Wörter zu benutzen. Schlussendlich landen wir bei «geile Siech», bekommt aber keine Übersetzung. Der Saal setzt ein mit «Alles geili Sieche, schalalalala» und sie versuchen mitzumachen. Der nächste Song folgt, er will was sagen und jemand fängt wieder an mit dem Fangesang, der Schlagzeuger setzt mit ein. Danach schlägt Jack vor, dass wir ab jetzt abwechselnd einen LEAD-Song hören und danach wir was singen. Er hätte eine britische Version davon und stimmt Everybody der Backstreet Boys an. Da wir voll mitgehen, kommt seine etwas sarkastische Reaktion, wir würden wohl Lieder anderer Künstler besser finden. Ob wir lieber mit Karaoke fortfahren wollen? Das wird vom Publikum vehement verneint.

Irgendwann wird dann noch ein Moshpit gebildet und ich frage mich jedes Mal, wie es möglich ist, so einen grossen Kreis zu bilden, wo vorher Leute Schulter an Schulter gestanden sind. Jack und Adam machen beide zwischendurch mal Ausflüge ins Publikum, singen Fans direkt an und haben den kleinen Mädchen in der ersten Reihe sicher ein unvergessliches Konzert beschert. Für die Zugabe war es Jack dann wohl definitiv zu heiss und er hat sein Shirt ausgezogen. Ohne jetzt sexistisch zu wirken, aber den hartverdienten Waschbrettbauch muss er nicht zeigen, aber lässt sich sehen. 

Ich kann verstehen, warum die Langzeitfans so begeistert sind von LEAP. Nebst der guten Mucke ist die Band effektiv präsent, interagiert mit dem Publikum und spult nicht nur ein Programm ab. Der Spass an dem was sie tun, strömt aus jeder Pore. Und während man beim Berichtschreiben die Musik tatsächlich nur mit einem Fusswippen anhören kann, ist das bei einem Liveauftritt schlichtweg nicht möglich. Du wirst mitgerissen von der Energie und hast einen fantastischen Abend. 

 

 

Eventdatum: 19.11.2025

Fotos:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Salzhaus, Winterthur

Veranstalter: Salzhaus

Zuschauerzahl: fast ausverkauft

 

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert