Rocky Horror Show - Mitmachen erwünscht
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Dass bei einer Rocky Horror Show nicht nur Darsteller auf der Bühne, sondern auch im Publikum sitzen, wusste ich vorher nicht. Die Requisiten mit Anleitung zum Mitwirken werden im Fanbag mitgeliefert. Insofern war es für mich als Neuling ein mehrfach interessanter Abend.
Die Filmversion «The Rocky Horror Picture Show» von 1975 habe ich vor vielen Jahren im TV gesehen und konnte mich nur noch an ein paar Szenen erinnern. Dieses Mal habe ich mich aber ansonsten ganz bewusst nicht auf das Musical vorbereitet. Ich wollte es quasi «mit neuen Augen», unvoreingenommen von Kritiken anderer oder Wikipedia-Einträgen erleben. Oh Boy! Ob das die richtige Entscheidung war – ausgerechnet bei der Rocky Horror Show?
Schon als ich mit meinem Lieblingsbruder im Foyer auf den Abend anstosse, wandern unsere Blicke immer wieder umher. Strategisch geschickt positioniert, können wir aus dem grossen Fenster auf die Strasse neben dem Theater 11 schauen. Ja, dieses Musical scheint eine enorme Fanbase zu haben. Menschen in «French Maid»-Kostümen, mit Perücken, Federboas, in Strapsen und Netzstrümpfen kommen die Strasse herunter. Respekt, sich in so einem Outfit in die öffentlichen Verkehrsmittel zu setzen! Eine Dame hat sich nicht ganz so getraut wie andere und zieht sich kurzerhand ungeniert Mitten im Foyer um.
Über den Lautsprecher ertönt eine Ansage, die ich so noch nie gehört habe: «Das Werfen von Lebensmitteln ist nicht erlaubt. Das Entfachen von Feuer ist nicht erlaubt». Wo bin ich hier nur gelandet und was erwartet mich hier? Da wird doch hoffentlich keiner Tomaten dabeihaben oder ein Lagerfeuer planen? Ich frage kurzerhand eine der French Maids, die müssen es wissen.
Wer «Rocky Horror Show» noch nicht gesehen hat und keine Spoiler lesen will, dem soll gesagt sein: Macht nicht den gleichen Fehler wie ich. Im Nachhinein ist man immer schlauer. Ein Blick auf die Veranstaltungsseite oder in Wikipedia und ich hätte gewusst, dass die Zuschauer aktiv in die Aufführung eingebunden werden. «Normalerweise würde man bei einer Szene Reis werfen. Aber da dadurch Rutschgefahr für Publikum und Darsteller besteht, darf man nur Konfetti werfen», sagt sie. Konfetti. In einer Theateraufführung. Ja, das wird definitiv kein normaler Abend werden und ich grinse gespannt vor mich hin.

The Rocky Horror Show wurde 1973 in London uraufgeführt. Es spielt in den 50ern, wo die Geschlechterrollen klar verteilt und Sexualität ein Tabuthema war. Ein frischverlobtes Pärchen landet dabei in einem Schloss eines ausserirdischen Wissenschaftlers vom Planeten Transsexual aus der Galaxie Transsylvania. Dort wird im Labor der muskulöse Rocky zum Leben erweckt, den Dr. Frank für sich erschaffen hat. Doch es kommt natürlich anders, als gedacht. Nicht nur in der Handlung, auch für mich als Zuschauer warten einige Überraschungen auf mich.
Es raschelt rund um mich herum, Leute wühlen in ihren Fanbags. Links von mir hält jemand einen Flyer ins Licht. Liest er etwas gerade eine Anleitung? Schon in der ersten Szene ist das Publikum gefragt, als sich Brad und Janet verloben – es regnet Konfetti. Die eingefleischten Fans hatten sogar Konfettikanonen dabei. Auweia, heute ist die Putzequipe definitiv länger im Einsatz. Oder lassen sie es so bis zur letzten Vorstellung? Dann tritt Steffi Buchli vor den roten Vorhang. Sie ist die Erzählerin im Stück. Oder der Buhmann? Ich weiss nicht genau, warum das Publikum so reagiert und versucht, sie mit Zwischenrufen von der Bühne zu bekommen.
Ein Erzähler ist fester Bestandteil der Show und das Verhalten empfinde ich relativ respektlos. Ich komme mir gerade vor wie an einem Eishockeyspiel, wenn jemandem die Emotionen durchgehen und lauthals Beschimpfungen in Richtung Schiedsrichter gerufen werden. Steffi Buchli ist zum Glück sehr schlagfertig und bietet dem Publikum zu Beginn noch paroli. Doch die Zuschauer ziehen ihr befremdliches Verhalten bis zum Ende der Show durch, was man ihr dann doch etwas anmerkt. Fremdschämen. Auch wenn die teils deutschen, teils schweizerdeutschen Erzählungen meiner Meinung nach nicht zur ansonsten englischen Show passen und den Fluss eher unterbrechen als unterstützen. Das ist kein Grund, dermassen anstandslos zu sein. Ausser, ich habe etwas verpasst und auch das gehört zum erwarteten Verhalten seitens Zuschauer? Als Steffi Buchli hätte ich in der Pause meine Gage nachverhandelt. Da braucht’s mehr als ein dickes Fell – vorallem, wenn man noch 4 solcher Abende zu bestreiten hat.
Zwei Damen der Reihe vor mir halten sich Zeitungspapier über den Kopf. Genau wie Janet auf der Bühne, weil es dort zu regnen beginnt. Mir schwant nichts Gutes. Und siehe da: es fängt auch im Saal an zu regnen. Dass ich gerade von Zuschauern mit Wasserpistolen abgeduscht werde, erfahre ich erst am Ende der Vorstellung.

Immer wieder kramen sie in ihren Taschen, interagieren mit Requisiten oder reagieren auf bestimmte Charakternamen. Bei Dr. Scott schallt ein «Ugh» durch den Saal, bei Eddie ein «Schhhh» oder wenn Steffi Buchli die Bühne betritt, «Boooh». Trotz des expliziten Verbots, WC-Rollen zu schmeissen, haben wir zwei Zuschauer mit einem ganzen Pack reinspazieren sehen. Die sind dann bei einer Szene auch effektvoll durch den Saal gesegelt.
Die musikalische Leistung des Casts hat mich schwer beeindruckt. Die Inszenierungen, schauspielerische Darbietung, Kulisse und nicht zu vergessen die Liveband: top. Trotzdem scheine ich trotz allem keinen Zugang zu diesem Musical zu finden. Vielleicht, weil ich kein Sci-Fi- oder Fantasy-Fan bin. Vielleicht, weil die Handlung nicht sehr emotional ist. Oder der Comedy-Anteil doch einen Ticken zu klein? Ich kann es nicht einordnen. Irgendetwas fehlt mir, das in mir einen Begeisterungssturm auslösen würde.
Kann ich den Besuch des Musicals dennoch empfehlen? Wer interaktive Shows mag, darf sich das auf keinen Fall entgehen lassen – als sogenannte Jungfrau sollte man sich aber unbedingt auf den Abend vorbereiten. Der Spassfaktor ist definitiv höher, wenn man mittendrin ist und nicht nur dabei. Und wer einfach nur die unterhaltsame Geschichte geniessen will, wird mit einer exzellenten Darbietung für Augen und Ohren belohnt.
Eventdatum: 06.04.2022
Text: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Theater 11, Zürich
Veranstalter: Rent-a-Show AG
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/784-rocky-horror-show-mitmachen-erwuenscht#sigProId875d47e1cf
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