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Rockige Töne bei Cüpli und Kerzenschein

Rockige Töne bei Cüpli und Kerzenschein Nils Blattner / szenemagazin.ch

Die Tedeschi Trucks Band aus Florida verzaubern zuerst das Publikum, worauf die Berliner The BossHoss dem Saal einheizen.

 

Der Abend unter dem Titel «Roads of Rock» startet ungewöhnlich: Vor den Toren der Messe Basel herrscht Chaos in Form der Herbstmesse. Gefühlt aus allen Ritzen strömen Menschen. Marktschreier und Elektro-Beats dröhnen aus den Fahrgeschäften. Mit ein paar Schritten, natürlich über den roten Teppich, wechselt die Szenerie. Nun herrschen Cüpli, Weingläser und Gelati vor. Aber obwohl auf dem Balkon Schoko-Konfekt serviert wird und ein Klavier-Musikautomat vor sich hinklimpert, sind nicht alle Gäste im Abendkleid oder Sakko da. Leder und Jeans, manchmal auch in Form einer Kutte, sind heute ebenso chic. Den musikalischen Teil eröffnet Susan Tedeschi mit ihrer rauchigen Stimme. Sie und Ihr Mann, Derek Trucks, bilden das Front-Duo der 12-köpfigen Formation Tedeschi Trucks Band. Das tönt erst mal nach vielen Köchen, sobald sie aber loslegen, wirken sie nach noch mehr.

Zum Start geben sie zwei Lieder aus ihrem Album «Made Up Mind» zum Besten. Der Titelsong hat Big Band Charakter, gleich darauf folgt das eher bluesige Do I Look Worried. Doch die Band hat dieses Jahr gleich vier neue Konzept-Alben mit total 24 neuen Liedern publiziert. Und nun ist es Zeit, diesen Alben, welche der «I Am The Moon»-Tour den Namen geben, zu huldigen: Egal ob Konzept oder nicht, Yes We Will tönt nach Blues und kommt beim Publikum an. Die ersten Fans strömen zur Bühne, doch das Gros bleibt bei ihren Getränken am Tisch.

Nun geben sich verschiedene Bandmitglieder das Mikrofon gegenseitig weiter und Susan macht erst Pause. Eines haben die Lieder aber gemeinsam: Sie starten eher ruhig, werden immer voluminöser und bieten den Musikern eine Bühne für ihr Können. Und können tun sie! Die Solos überzeugen und der Gesang passt. Aber dann verlässt Susan die Bühne und es folgt ein Stilbruch, den ich nur als organisiertes Chaos betiteln kann: Pasaquan. Welche Teile davon geübt und welche interpretiert sind ist schwer zu unterscheiden. In dem ganzen Chaos wechseln sich die Musiker mit Solos ab. Herausgestochen sind das Saxophon-Solo, welches tosenden Applaus erntete, und der Keyboarder, welcher die Bontempi-Einstellung der 70er gefunden hatte.

Nach diesem Mix aus Jazz, Improvisation und allgemeinem Chaos holt uns Susan mit ihrem Blues-Titel Just Won’t Burn wieder voll ab. Das Lied stammt noch aus ihrer Solo-Zeit und erlaubt ihr auch das Gitarren-Können zu zeigen. Auf ihrer Gitarre prangern denn auch Unterschriften von Blues-Grössen wie B.B. King. Und das zu Recht. Das Abschluss-Lied startet bluesig-gemütlich, wird dann immer energischer. Mit Midnight In Harlem ernten sich Tedeschi Trucks Band verdient eine standing ovation. Nach dem theatralischen Abschied kommen sie für ein Encore zurück und liefern eine Explosion. Zum Schluss bebt die Bühne nochmals bei 180 Beats pro Sekunde. Die beiden Schlagzeuger sind synchron und unheimlich schnell. Dazu geben sich die Posaune und Trompete ein Duell.

Der erste Teil des Abends war gefüllt mit Darbietungen der unglaublich hochkarätigen Musiker. Und weckt Lust auf mehr. In der Pause werden Cüpli und Häppli geholt. Alternativ auch Bier und Glace, ein Minimum an Rock muss schon sein. Wo Susan eher zurückhaltend war, regieren nun Hüte und Tequila. Die Berliner The BossHoss sind da, laut und «in your face». Die Rampensäue starten mit dem eher poppigen Black Is Beautiful, um danach den Hüten alle Ehre zu machen: Das Country-Stück Wait For Me folgt. Nach dem Lied Do It, die Motorrad-Kutten passen hier perfekt, heisst es Bühne frei fürs Publikum. Deutlich mehr Leute stürmen vor die Bühne als vorher, gefühlt sind nur noch ältere Semester und Cüpli-Schlürfer auf den Plätzen. Mit dem Country-Cover von Hey Ya sind The BossHoss berühmt geworden. Der Bekanntheitsgrad hilft denn auch und die ganze Halle singt mit.  -> Bilder Tedeschi Trucks Band

 

Baloise Session Tedeschi Trucks Band 29.10.2022 Nils Blattner 015

 

Nun wird der grösste Unterschied der beiden Bands klar: Tedeschi Trucks Band redet wenig und musiziert umso mehr, The BossHoss redet, animiert und bezieht das Publikum mit ein. So witzelt «Hoss Power» Vollmer über den Namen der Baloise Session: «ich mag französisch… und die Sprache ist auch geil».

Bei I Keep On Dancing gibt es dann auch eine klare Ansage: «wir machen nur weiter, wenn alle stehen, aber wirklich alle». Ganz alle haben es nicht geschafft, die meisten sind aber voll dabei und tanzen mit. Gleich weiter geht es dann beim Singen: Keyboarder und Schlagzeuger wechseln auf einfachere Instrumente ganz vorne auf der Bühne und es wird persönlich. Beim Personal Song gibt es den Klassiker «Und jetzt nur die Männer/Mädels» oder «Und jetzt nur du! Besser kann man es nicht machen!». Naja, die paar Krächzer ernten zumindest ein paar Lacher. Böse gemeint war es ja nicht.

Doch danach spielen The BossHoss den einzigen schwachen Song des Abends: Little Help. Der Song ist bei «The Voice Kids Germany 2019» entstanden und mag das Publikum nicht richtig zu überzeugen. Das ändert sich aber sofort mit Jolene. Das Lied kennt jeder, entsprechend viele singen den Dolly Parton Hit mit. Ein neuer Song hat es auch in die Setlist geschafft. Das Abgeh-Lied Dance The Boogie wird mit Pyro unterstützt. Das Album dazu erscheint 2023 und entgegen dem Motto «Fans wollen nur alte Songs» können die Berliner das Publikum animieren.

Den regulären Abschluss machen dann noch Dos Bros und Don’t Gemme That. Also absolute Kassenschlager. Das macht sich dann auch beim Abgang («war geil mit euch») bemerkbar: Das Publikum klatscht immer lauter und ruft die Band energisch zurück für eine Zugabe. Bei Stallion Batallion mimen die drei Bläser dann Luchadores, aber wirklich passend wird es beim Schlusslied Word Up. «Boss Burns» Völker hilft den Damen der Schöpfung auf die Bühne und die tanzen oder wippen energisch mit. Gerade die drei Bläser haben eine Lady in Red gefunden, mit der sie synchron von rechts nach links wippen können. Zum Abschluss erhält jedes Bandmitglied ein Solo, teilweise gespielt durch die Beine einer der Damen oder mit feuchter Unterstützung in Form von Bier, welches en masse auf die Trommel geschüttet wird.

Nach dem musikalisch opulenten Start der Tedeschi Trucks Band lockert The BossHoss mit ihrer legeren Art den Abend auf. Etwas mehr Geplauder bei der ersten und etwas weniger bei der zweiten hätte nicht geschadet. Aber: Beide Bands überzeugen auf ihre Art und tragen zum gelungenen Event bei.

 

 

Eventdatum: 29.10.2022

Fotograf:  Nils Blattner / szenemagazin.ch

Location:  Event Halle Messe Basel, Basel

Veranstalter:  Session Basel AG

Zuschauerzahl:  unbekannt

 

The BossHoss

   

 

Tedeschi Trucks Band

   

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Nils Blattner
Publiziert in Konzert

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