Schön wars, Schaffhausen
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Für mich geht heute Abend die Zeit am Stars in Town zu Ende. Die Auftritte von Phenomden & The Scrucialists, SDP und Sido fanden vor ausverkauftem Areal statt, das Sido zuprostete.
Heute leider keine Fotos von der Talentstage
Asche über mein Haupt! Ich gehöre sonst ja zur Kategorie «Nicht nur der Hauptact zählt» und habe so schon manchen Künstler für mich entdeckt. Aber heute war der Wurm drin. Dass ich Happy for Real verpassen würde, war klar. Aber dass ich heute keine einzige Band auf der Talenstage sehen würde, war nicht geplant. Für die Zürcher Sängerin Lily Claire war es mir zu riskant, für 2 Songs auf den Fronwagplatz zu pilgern und danach nicht mehr rechtzeitig für Phenomden reinzukommen. Bei Chelan dachte ich, er spiele eine halbe Stunde früher und war dann - bei etwas einsetzendem Regen - nur Zeuge des Soundchecks. Weitere 15 Minuten rumstehen und die Kamera nass werden lassen war es mir dann aber nicht Wert. Die Bernerin Soukey begann ihr Set, als sich SDP verabschiedet, aber auch hier… 15 Minuten später war Besammlung für Sido. Ja, grundsätzlich hätte ich für die Aargauerin Sensu Zeit gehabt, schlussendlich habe ich aber den Slot verpasst, weil ich Sido zu lange zugehört habe.
Phenomden & The Scrucialists
Heute hatte ich den Mediencorner ganz alleine für mich. Ausser mir waren nur die lokale Zeitung, Fotografen des Festivals und Kollegen des SRF mit ihren eigenen Aufenthaltsbereiche. Erst dachte ich, Phenomden & The Scrucialists treten eventuell zu früh auf und es trudeln später noch bekannte/unbekannte Gesichter ein. Und das an einem Abend, an dem ich Notebook und Handyladekabel zu Hause gelassen hatte. Blöd gelaufen, würde ich sagen.
Schon auf dem Weg zum Fotograben liegt ein Geruch in der Luft, den man wohl mit Reggae in Verbindung bringen kann. Es nieselt noch leicht und ich vertraue dem Regenradar nicht so ganz. Aber lieber die Kameras schön eingepackt haben, als ohne Regenschütze im Wolkenbruch stehen.
Der Zürcher Mundart-Reggaekünstler malt nicht nur Geschichten mit Musik. Er ist auch Comiczeichner und erhielt von Suisse Image den Nachwuchspreis für seinen Film Birdy und wurde von PISAF mit dem Jurypreis ausgezeichnet.
Zwischen 2004 und 2023 hat nicht weniger als 32 Singles veröffentlicht. Im Gegensatz dazu muss man sich als Fan aber jeweils lange auf ein Album gedulden. Nach seinem vierten Album «Eiland» dauerte es 10 Jahre, bis 2021 «Streunendi Hünd» released wurde. An seinem ersten Album von 2005 arbeiteten The Ganglords und The Scrucialists mit, die heute mit ihm auf der Bühne stehen.
Der Herrenacker ist schon sehr gut gefüllt und die Menge surft auf seinen Vibes. Man sieht Phenomden an, wie viel Spass er an seinem Auftritt hat. So wie wir Fotografen, als wir gefühlt 2 Songs zu lange im Graben verweilen, weil er die Lieder ineinanderfliessen lässt.

SDP
Das Berliner Duo hat SDP (Stonedeafproduction) 1999 gegründet. 2002 veröffentlichten sie ein Demo namens «Angriff aus Berlin», dessen Intro von You FM für die Sendung Nightline übernommen wurde. Es dauerte 11 Jahre, bis sie 2010 mit Ne Leiche den Durchbruch schafften. Im Video wirkte kein geringerer als Sido mit. Das Konzept schien sich zu bewähren und sie gaben weitere Alben mit Gastauftritten bekannter Musiker heraus. Seit 2015 haben ihre Alben feste Plätze in den obersten zwei Plätzen. Ihr zehntes Album «Ein gutes schlechtes Vorbild» kam Juni 2022 heraus und war in Deutschland auf Platz eins und sie räumten bei der 1Live Krone in der Kategorie «Bester Live-Act» eine Auszeichnung ab.
Als wir uns zum Fotograben begeben, werden gerade riesige Wasserbälle und Flamingos aufgepumpt. Einen Moment lang sah es so aus, als müssten wir da irgendwie drüberklettern, aber zu unserem Glück (Pech für die Umstehenden für die entgangenen Lacher) liess sich dann eine Absperrung verschieben.
Bevor das Konzert startet, werden per Lautsprecher Regeln durchgegeben, mit denen man sich mit dem Ticketkauf einverstanden erklärt hatte. Eine Zuwiderhandlung sei strafbar. Nun… vier Regeln kann man sich merken, richtig? Falsch. Als ich mir die später notieren wollte, kamen mir nur noch Nr. 1, 2 und 4 in den Sinn. Ich habe einige Leute angequatscht, ob sie noch alle 4 Reglen wüssten. Pustekuchen. Dann suchte ich Youtube-Videos, auf denen sie das eventuell sagen. War nix. Also habe ich auf gut Glück einfach mal die Band auf Instagram angeschrieben. Man weiss ja nie, vielleicht bekomm ich ja eine Antwort - nicht wie von Schweizer Bands, wo nach 13 Monaten noch «ungelesen» steht.
Aber selbstverständlich habe ich Antwort von SDP bekommen - und das innerhalb von 10 Minuten. Deshalb kann ich sie euch jetzt auch verraten und für jedes andere Konzert auch ans Herz legen:
- Gespräche einstellen
- Mitsingen, und zwar so laut und schräg wie möglich
- Die Handflächen aneinanderschlagen. Nach jedem Song!
- Hydriert bleiben
Bei Liveauftritten haben sie immer eine vierköpfige Band mit dabei. Diese kam als erstes auf die Bühne, bevor Vincent Stein und Dag-Alexis Kopplin mit viel Elan und guter Laune folgten. Ich bin später erstaunt, dass ich nicht nur verwackelte Fotos im Kasten habe, denn bei der Energie und ihrem Sound wippt nicht nur mein Fuss. Ab Song zwei kamen dann die Wasserbälle und Flamingos mit ins Spiel, die immer wieder zurück zur Bühne geworfen wurden - da hat man automatisch auch mal die Kamera hängen lassen und die Dinger wieder in Richtung Publikum bugsiert. Ich habe mich innerlich kurz gefragt, wann ich das letzte Mal so ein fettes Grinsen auf dem Gesicht hatte. Einer der Bälle landete dann noch im Flamingo-Ring - anscheinend etwas, das vorher noch nie dagewesen sei. Wir glaubens mal, ne? Nach einer Weile wurde dann eine weitere Regel aufgestellt: wenn die Gummidinger weiterhin im Graben landen, werden sie eingezogen. Das hat so semimässig funktioniert, aber hey… ausser der Security hatte glaube ich jeder seinen Spass.
Den Rest des Konzerts habe ich mir von ganz hinten angeschaut und lauthals mitgesungen. Bei Texten wie Unikat treffen sie zudem einen Nerv bei mir. Ich mein… schau dir die Jungs an. Ein sogenanntes «Gesamtpaket». Die sind nicht so oberflächlich, wie man wohl voreingenommen annehmen könnte. Und witzig sind sie auch noch - nicht nur mit ihren Regeln, auch bei den Lyrics. Bei Ne Leiche gehe ich an lauter Menschen vorbei, die den Text in- und auswendig kennen und wie ich - schon wieder - ein fettes Grinsen im Gesicht haben. Yup, wenn die das nächste Mal in der Gegend auftreten, bin ich definitiv wieder am Start.

Sido
Sido… was bedeutet das eigentlich? Früher hat er wohl mal gesagt, das stehe für «Scheisse in dein Ohr» und später «super-intelligentes Drogenopfer», aber ob das einfach eine Antwort auf eine schon zu oft gestellte Frage eines Journalisten war, weiss ich nicht.
In seinen Anfängen 1997 trat er als MC bei Open-Mic-Sessions im Royal Bunker in Berlin auf. Zusammen mit B-Tight gründete er das Rap-Duo Royal TS, dessen Name die Kellerkneipe, B-Tight und Sido beinhaltet. 2003 gab Sido den Weihnachtssong heraus und trug ab da seine verchromte Totenkopfmaske mit erkennbaren Formen eines Mikrophons an Konzerten. Sein erstes Album «Maske» zu nennen, war da naheliegend. Dieses kam 2004 heraus und schoss auf Platz 3 in Deutschland, das kurz nach der Single-Auskopplung Mein Block von Sido veröffentlicht wurde. Seither hat er über 5.8 Millionen Tonträger verkauft und diverse Auszeichnungen abgeräumt.
Dass der Künstler Alkohol und Drogen nicht abgeneigt ist, ist bekannt und kein Geheimnis. Als er für «Joko & Klaas - Das Duell um die Welt» ausgerechnet nach Jamaika fliegen und nüchtern bleiben soll, habe ich mich kaputtgelacht. Während der Pandemie ist der Drogenkonsum nach der Trennung von seiner Frau aus dem Ruder gelaufen. Wäre er 2022 nicht von Freunden und seiner Ex zu einem stationären Entzug gedrängt worden, hätte er das nicht überlebt, sagte er. Ihm sei in der Zeit auch klar geworden, dass er «wieder öfter Paul sein möchte». Das neuste Album «Paul» von Dezember 2022 ist im deutschsprachigen Raum ausnahmslos auf Platz eins gestiegen.
Harte Drogen konsumiert er keine mehr, aber das Kiffen gibt er nicht auf. Im Gegenteil, er gründete diesen Sommer ein Start-Up für den Verkauf von medizinischem Cannabis. Bei ihm fördere es die Kreativität, bringe ihn auf ein ruhiges Level - ohne Kiffen wäre er viel zu aufgedreht, so Sido. Als der Vorhang am Stars in Town fällt, sitzt er denn auch in einer riesigen Rauchwolke auf der Bühne.
Der Fischerhut ist weit ins Gesicht gezogen, bis zum Rand der Sonnenbrille auf seiner Nase. Eigentlich wären bei Fuffies zwei Konfettikanonen zum Einsatz gekommen. Jedenfalls wurden wir davor gewarnt, beim zweiten Song nicht davorzustehen. Auch auf der Setlist war ein entsprechender Vermerk. Aber scheinbar gab es ein technisches Problem, den die Kanonen wurden dann unbenutzt wieder abgedeckt. Als dann Löwenzahn beginnt, bin ich zwar irritiert, weil keine Kanonen zum Einsatz kamen, aber ich war mir sicher, dass das bereits der vierte Song war. Irgendwie waren wir wohl alle so dermassen im Flow, dass wir schlussendlich erst nach dem 6. Song aus dem Graben gebeten wurden.
Apropos Graben: in der ersten Reihe waren sehr viele Kids an dem Abend. Ein Security ging die ganze Reihe entlang und instruierte die Eltern. Sie sollten als eine Art Schutzschild hinter den Kindern stehen, falls die Menge nach vorne drücken würde. Und wenn sich ein Kind nicht mehr wohlfühlt und sich winken meldet respektive ein Elternteil sich meldet, würde es herausgefischt. Treffpunkt sei dann rechts von der Bühne, um sie einzusammeln. Ich bin viel an Konzerten, aber das ist das erste Mal, dass ich sowas mitbekommen habe. Finde ich sinnvoll und klasse gemacht von der Sicherheitsorganisation. Ob dann schlussendlich eins der Kids rausgezogen werden musste, habe ich nicht mitbekommen. Aber wenn, dann lief das Dank der Instruktion für alle stressfrei ab.
Meinereiner hat sich wieder vor die Häusermauer hinter den Verpflegungszelten begeben und habe von dort aus freie Sicht auf die Bühne genossen. Die Flammen bei einzelnen Songs und seine Interaktionen mit dem Publikum machten den Abend recht kurzweilig. Sein Protest beispielsweise, als er «Prost, Leute» sagt und keiner reagiert. Er interveniert und meint, wenn er Prost sage, sollen alle «Prost, Sido» rufen. Also erhebt er sein Glas ein zweites Mal und tatsächlich hört man ein gewaltiges «Prost, Sido» in Richtung Bühne.
Wer beim Auftritt eine Art déjà-vu resp. «lief das nicht schon?» dachte, der liegt richtig. SDP hatten Die Nacht von Freitag auf Montag bereits gespielt. Doch das war auch Sidos erste Zugaben, für die SDP nochmal auf die Bühne kamen. Das war mein letzter Abend am diesjährigen Stars in Town. Dachte ich, bis ich angeboten bekam, nächste Woche nochmal Schaffhauser Luft schnuppern zu dürfen. Es ist also ein wenig wie bei Konzerten, wo die Künstler die Bühne vor der Zugabe verlassen und dann nochmal auf der Bildfläche erscheinen. Also dann… bis nächste Woche für meine beiden Zugaben am Donnerstag und Samstag!

Eventdatum: 04.08.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Stars in Town, Schaffhausen
Veranstalter: Stars in Town
Zuschauerzahl: ausverkauft
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1108-schoen-wars-schaffhausen#sigProIda8e82575df
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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