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God is an Astronaut

God is an Astronaut Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Vier Jahre mussten sich die Fans gedulden, bis God is an Astronaut wieder im Plaza auftreten. Für einmal hören wir keine schiefen Töne aus dem Publikum, wir könnten höchstens mitsummen. Ob sie so aktiver zuhören oder noch mehr gequatscht wird im Saal?

Obwohl sie – zugegeben vor langer Zeit – eine ausverkaufte Europatournee spielten und vor grösserem Publikum performten, treten sie auch dieses Mal wieder im intimen Rahmen des Plaza Zürichs auf. Vor ihrem Konzert habe ich mich auf Spotify quer durch ihre bisher veröffentlichten Alben gehört und mich mehr als einmal gefragt, wie ich ursprünglich auf diese Band gestossen bin. Ich weiss es schlichtweg nicht mehr. Habe ich vielleicht einen ihrer Tracks im Radio gehört? Wurde er in einem Film verwendet und wenn ja, in welchem? Google lässt mich hängen, auch in meinem Soundhound-Verlauf finde ich keinen Treffer.

Die irischen Kinsella-Brüder Torsten und Niels spielten seit 1994 in den verschiedensten Bands und lancierten 2002 gemeinsam das Album «The End of the Beginning». Eigentlich sollte der Name auch Programm sein, denn sie dachten, das sei der Abschluss ihrer musikalischen Karriere. Wie Niels in einem Interview verriet, wollten sie mit einer Veröffentlichung enden, auf die sie stolz sind. Doch es kam alles anders. God is an Astronaut wurde gegründet, zu der Drummer Lloyd Hanney 2003 dazustiess und einige Jahre später mit Jamie Dean an den Keys/Synthesizer und Gitarre erweitert wurde. Für den Namen haben sie sich bei einem Film aus den 90ern bedient: God is an Astronaut ist eine Zeile aus dem Horrorstreifen «Nightbreed».

Ihr erstes Album «The End of the Beginning» erschien 2002, das aktuelle Album «The Beginning of the End» wurde 2022 veröffentlicht. Ob das ein Hinweis darauf ist, dass sie langsam daran denken, neue Wege zu beschreiten und die Band sich auflöst? Ich würde das nach dem heutigen Gig verneinen. Die vier haben nicht vor, aufzuhören. Dass sie aber nicht zum Mainstream zählen, zeigt sich unter anderem an ihren Chartplatzierungen. Von ihren 11 Alben schaffte es in ihrem Heimatland bisher nur «All Is Violent, All Is Bright» von 2005 für eine einzige Woche in die Charts. In Deutschland wurde «Epitaph» und «Ghost Tapes #10» für eine Woche in der Top100 gelistet.

Dass sie wirklich keine Musik für die Massen spielen, könnte man schon beim Einlass denken: sechs Minuten vor Türöffnung stehen gerade mal 10 Leute am Eingang. Aber schon mancher Künstler trat im Plaza auf, bevor sie die grossen Konzerte im Hallenstadion spielten. Zum Beispiel Ghost oder Lewis Capaldi. Das letzte Mal war ich 2018 hier, als Lewis Capaldi hier sein einziges Schweizer Konzert spielte und für uns Schweizer offenbar noch ein Geheimtipp war. Es war damals ausverkauft und mehr als voll. Ich bin mal gespannt, wie intim der heutige Abend wirklich wird.

 

Barrens – eine Gegend in den USA, Mehrzahl von Metall oder eine Band?

Letzteres natürlich, aber wie sie zum Namen kamen? Das schwedische Trio Barrens tritt als Supporting Act auf. Sie haben 2020 ihr erstes Album «Penumbra» herausgegeben. Dass sie deswegen  neu im Business sein sollen, täuscht. Johan G. Winther und Kenneth Jansson waren Teil von Scraps of Tape, die seit 20 Jahren besteht. Drummer Markku Hildén stiess 2018 dazu. Mal unter uns: die touren seit 2 Dekaden, sehen aber nicht alt genug aus, um schon so lange unterwegs zu sein. Genau das gleiche werde ich bei God is an Astronaut nochmal denken. Allerdings spricht Johan nach ihrem Auftritt ein Zuschauer auf eine Komponente des Pedaltrains an. Ja, er sei damit schon seit 15 Jahren unterwegs, aber vermutlich habe er inzwischen schon jeden Knopf einmal ausgetauscht. Mich beschleicht das Gefühl, dass instrumentale Musik ein Jungbrunnen ist.

Barrens spielen ebenfalls instrumentale Musik. Ehrlich gesagt ist es auf der Bühne dunkel wie in einer Kuh und ich weiss nicht, ob ich brauchbares Bildmaterial bekommen werde. Passend zum gedimmten Licht stimmen sie einen sanften, melodiösen Song an. Das Energielevel fällt drastisch in den Wohlfühlbereich, wo man die Augen schliessen möchte und in eine andere Welt gelockt wird. Doch das ändert sich schon beim nächsten Track – wer vorhin eingenickt war, ist jetzt wach. Holy Moly! Jetzt geht die Post ab – schnelle, laute Beats beschallen uns und es kommt Bewegung ins Publikum. Nach dem zweiten Titel begrüsst uns Johan und bittet um etwas mehr Frontlicht, damit man ihn sehen würde. Zu früh gefreut, denn das Licht ging wieder aus, als er fertiggesprochen hatte. Nun ja, Silhouettenbilder haben manchmal auch ihren Reiz.

Ihr 40-minütigs Set ist ein dauernder Wechsel zwischen energiegeladener Melodie, die jeden Augenblick wieder in eine Cooldown-Phase wechseln kann. In der ersten Reihe sehe ich immer wieder einige mit geschlossenen Augen, die sich dem Musikgenuss voll und ganz hingeben. Und wer an ihrer Musik Gefallen gefunden hat, kann sich freuen. Johan erzählt uns, dass sie nach der Tour ins Studio gehen, um ihr zweites Album aufzunehmen. Darauf wird auch ihr dritter Song sein, den sie uns schon mal als Vorgeschmack präsentieren.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

God is an Astronaut

Die Songs von God is an Astronaut tragen schillernde Namen, die Geschichte dazu muss sich aber jeder selber ausdenken – auch ihr Repertoire besteht aus instrumentaler Musik. Wobei, ganz stimmt das so nicht. Zu einigen Titeln, vor allem in der Anfangszeit, haben sie Videos gedreht – eine musikalische Story ohne Worte. Sie spielen, was sie fühlen und beziehen dabei auch ihre Erlebnisse mit ein. Das Mikrofon benutzen sie nur, um mit uns zu plaudern. Gesungen wird nicht. Aber bei einem der Titel haucht Torsten sanfte Töne ins Mike, die man ohne visuelle Unterstützung eventuell als Instrument wahrnehmen würde.

Eingangs habe ich die Frage in den Raum gestellt, ob die Zuschauer deshalb aktiver zuhören oder ob sie – wie so oft – über ihr letztes Date quasseln oder die nächste Party planen. Freunde… da wurde nicht gequatscht und mir ist das erst sehr spät aufgefallen. Weil ich selber auch voll in der Musik drin war. Nicht so extrem wie eine junge Frau in der ersten Reihe, die im Vergleich zum Rest im Saal auf einem anderen Planeten abfeierte. Aber heute ist es eines dieser Konzerte, bei denen man voll und ganz in die Musik eintaucht und einfach nur zuhören und geniessen will.

Jamie Dean übernimmt anfänglich die Kommunikation mit dem Publikum und verspricht uns, sie würden 100% ihrer Energie geben. Das haben sie definitiv erfüllt. Der Titel Seance Room wird speziell angekündigt. Der sei heute speziell, die beste Version überhaupt, mit speziellen Riffs von Niels. Und hängt grinsend an, er solle sich deshalb nicht unter Druck gesetzt fühlen. Während sie mit ihren Instrumenten Geschichten erzählen, könnten die Gitarre und Bass der Kinsellas ihre eigenen Stories erzählen. «Well used» würde man das in Englisch nennen. «Abgenutzt» tönt auf Deutsch aber nicht so positiv, wie ich das meine. Man sieht, dass sie Musik mit Herzblut machen und die Musik leben, die Instrumente haben wohl schon viel erlebt.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Während Torsten keinen einzigen Tropfen auf der Stirn hat, Niels sich durchwegs hinter seinen Haaren versteckt, aber leichten Glanz auf den Armen hat, zerfliesst Jamie beinahe. Er bewegt sich aber auch am meisten von den dreien. Und Lloyd arbeitet natürlich an den Drums wie so oft am körperintensivsten, wenn er seine Salven wie Dauerfeuer auf unsere Ohren abfeuert. Und ja, dann vibriert der ganze Boden. Kaum hab ich meine Schweiss-Studie fertig, sagt Jamie tatsächlich, er schwitze so dermassen. Ob jemand ein Tuch oder ein Kleidungsstück habe, um sein Gesicht abzuwischen? In der ersten Reihe überlegt eine junge Frau, ob sie ihr Shirt ausziehen will. Jamie registriert das und meint direkt: «No, please, don’t take off your clothes!». Ihre Begleitung reicht ihm dann einen Hoodie, den er dankbar annimmt und während dem restlichen Auftritt immer wieder hingestreckt bekommt.

Bei forever lost beginnt Jamie am Keyboard alleine. Im Hintergrund sehe ich, wie Lloyd schwer atmet, tief Luft holt und die willkommene Pause geniesst. In etwa der Hälfte setzen Niels und Torsten sanft mit ein, wenig später auch Lloyd.  From Dusk to the Beyond ist von 2002. Sie haben aber angefangen, ihr erstes Album in einer Live-Version zu interpretieren. Der Song habe sich in den 20 Jahren immer weiterentwickelt. Ausserdem gebe er ihnen viel Energie. Jamie springt denn auch ins Publikum und performt einen Teil in der Menge. Und ja, die Venue scheint ausverkauft zu sein!

Als der Zeitpunkt für die Zugabe kommt, meint Jay, die Band sei seit je her gespalten deswegen. Soll man von der Bühne gehen und warten, obwohl ja jeder weiss, man komme zurück? Oder soll man sich das sparen und hier bleiben. Aber runtergehen und unter grossem Applaus zurückkommen, sei halt mehr Rock’n’Roll und sei auch ein tolles Gefühl. Deshalb hätten sie sich für einen Kompromiss entschieden: sie verstecken sich jetzt hinter den Amplifier und wir müssten so tun, als würden wir sie nicht sehen und alles geben. So richtig schauspielern halt. Und alles vergessen, was gerade gesagt wurde. Es müsse überzeugend sein. Und wir müssten überrascht wirken, dass sie zurückkämen. Gesagt, getan. Sie ducken sich hinter die Verstärker und das Publikum klatscht, pfeift und animiert sie, hervorzukommen. Ich grinse vor mich hin, während ich mitklatsche. Und tatsächlich: sie geben überraschenderweise noch Zugaben! Hätten wir nicht gedacht. Jamie springt für den allerletzten Song nochmal ins Publikum, einer der Zuschauer schrummt über die Saiten und dann ist ihr Auftritt leider zu Ende. Ich hätte ihnen noch viel länger zuhören können. Nein, ich weiss noch immer nicht, wie ich auf God is an Astronaut gekommen bin. Aber froh, sie nicht verpasst zu haben.

 

 

Eventdatum: 06.09.2022

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Plaza Klub, Zürich

Veranstalter: Mainland Music & Plaza

 

  

Publiziert in Konzert

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