Jacob Banks im Kaufleuten
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Sonntagabend, die Schlange reicht bis ans Ende der Strasse. Jacob Banks spielt heute im ausverkauften Kaufleuten und haucht dem Saal Soul ein.
Vor und hinter mir wird die Wartezeit mit Gesprächen überbrückt. Doch wie im Kauf gewohnt, geht der Einlass speditiv voran. Und 10 Minuten nach Türöffnung geht jemand der Kolonne entlang und fragt, wer Tickets hat oder auf der Liste steht. Mein Stichwort, ich kann an der wartenden Menge vorbeigehen. Aber wer ist Jacob Banks eigentlich?
Er ist seit gut 3 Jahren auf meiner Playlist, als ich Unknown im Radio hörte. Radio? Genau. Wenn ich mit dem Auto unterwegs bin, läuft die Musik nicht ab meinem Handy. So entdecke ich immer wieder Künstler, die ich bisher nicht kannte. Der Soul- und R&B-Musiker ist in Nigeria geboren und später in Birmingham aufgewachsen. 2012 gewann er den lokalen Gesangswettbewerb MOBO UnSung und den Adidas «Are you in»-Musical-Wettbewerb. Ab da begann seine professionelle Musikkarriere. Bis 2018 veröffentlichte er jedoch nur Singles und EPs, sein erstes Album «Village» kam November 2018 raus und schoss auf Spotify auf Platz 1 in der Kategorie «New and upcoming Albums». Einige seiner Songs wurden in Spielen wie Dirt 4, FIFA 15, Need for Speed: Payback, Fifa 19 verwendet und wurden in diversen TV-Serien wie beispielsweise Suits, Power Book 2, Power, Redemption, Lucifer, Black Lightning, The Resident oder im Film The Equalizer 2 gespielt und Baptize Me – eine Kollaboration mit X Ambassadors – ist auf dem Soundtrack zu Game of Thrones zu hören.
Den Auftakt macht heute Abend aber erst Mal SRF 3 Best Talent vom April 2002: Chelan aus Nyon. Seine Musik ist eine Mischung aus Jazz, Soul und Hip-Hop mit Einflüssen von Tom Misch, Loyle Carner, Zanksi, Jordan Rakei und weiteren Künstlern. Er schreibt die Musik, die er auf seiner Playlist gerne hören würde. Im Grunde komponiert er also für sich selbst und lässt uns daran teilhaben. Heute Abend wird er von zwei Musikern an Drums und Keys begleitet. Für den letzten Song - seinen Lieblingssong -hätte er eigentlich Rapper an der Seite. Drum sei er für einen Song halt einer. Der Text ist in französisch und ich versteh kein einziges Wort. Nicht der Sprache wegen, eher wegen der Aussprache. Aber es klingt gut und kommt beim Publikum an.

Voll, voller, kein Duchkommen mehr?
Das Kaufleuten ist jetzt brechend voll. Konnte ich vorher noch locker durch die Menge gehen, ist jetzt fast kein Durchkommen mehr. Ob ich es nochmal zur Galerie und auf die andere Seite schaffe, ist eher fraglich - dieses Mal zumal noch mit Rucksack. Ich werde es rausfinden, sobald die ersten 3 Songs von Jacob Banks vorbei sind. Wenn ich Glück habe, bahnen mir wie grad vorher andere Leute einen Weg durch die Menge und ich kann hinterhergehen. Aber zuerst muss ich es wieder nach vorne zur Bühne schaffen. Ich überlege gerade, ob ich die drei Songs einfach am linken Bühnenrand verbleiben soll, als eine Fotografin via Bühne in die erste Reihe im Saal klettert und sich neben einen anderen Fotografen stellt.
Kurz nach halb neun geht das Licht aus, die Musik aus den Boxen ist das Intro zum ersten Song von Jacob Banks. Drummer und Gitarrist/Keyboarder nehmen ihre Plätze ein und Jacob erscheint im Scheinwerferlicht. Abwechslungsreiches Licht: check. Abwechslungsreich genug, um 3 Songs aus der gleichen Perspektive zu fotografieren? Nicht wirklich. Ich schnappe mir also meinen Rucksack und bahne mir einen Weg durch die zweite Reihe, fotografiere von der Mitte aus und wechsle auf die rechte Bühnenseite. Dann werde ich wagemutig, verschiebe mich seitlich nach hinten bis auf die Höhe des Mischpults, um mich dann quer durch die ganze Menge zum Balkon-Eingang zu drängeln und gefühlt 500 Mal «Entschuldigung» sage. Aber ich schaffe es und kann oben auf dem Balkon noch Fotos von oben schiessen. Und frage mich beim Blick auf die Zuschauermenge, wie zum Henker ich da durchgekommen bin. Nachdem ich mir den Kopf an einem der Scheinwerfer gestossen habe - keine Angst, der ist trotz meines harten Schädels nicht kaputtgegangen - packe ich meine Sachen weg und konzentriere mich voll auf die Musik.

Seine Stimme ist warm und klar. Die meisten Titel eignen sich prima, um sie mit jemandem auf einem Bärenfell vor einem Cheminée zu geniessen. Aber es sind auch schnellere Nummern dabei, die zum Tanzen einladen würden – wäre denn dafür genug Raum vorhanden. Bei den ruhigeren Songs schwingen die meisten Körper immerhin sanft im Takt der Musik. Manchmal fühle ich mich auch in der Zeit zurückversetzt, irgendwo in die 70er-Jahre. Der abwechslungsreiche Mix in seinem Set gefällt mir sehr. Mein Lieblingssong ist und bleibt Unknown (to you) und ergreift mich emotional.
Er spricht nicht viel mit den Anwesenden, platziert aber hier und da eine kurze Botschaft wie: «Seid freundlich und hilfsbereit anderen gegenüber». Jacob Banks verzichtet darauf, die Bühne zu verlassen und für ein Encore zurückzukehren und spielt ohne Unterbrechung. Bei Parade bittet er um Applaus für seine Band und danach wird als letzten Song Chainsmoking angestimmt, der nochmal das ganze Kaufleuten mobilisiert. Bei den letzten Tönen verlasse ich das Gebäude und höre noch auf der anderen Strassenseite, wie das Publikum klatscht und in gebührend verabschiedet.
Eventdatum: 06.11.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Kaufleuten, Zürich
Veranstalter: Just Because
Zuschauerzahl: ausverkauft
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/949-jacob-banks#sigProId79510a3c1b
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