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Milow im Kaufleuten

Milow im Kaufleuten Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Kaufleuten, am Mittwochabend während der WM - aber die Schweiz hat kein Spiel, es scheint voll zu werden. Aus irgendeinem Grund ist heute die Schlange auch nur in eine Richtung. Und endet im Parkhaus Talacker.

Das ist nicht das einzige Mal, wo ich heute die Stirn runzle. Die Türöffnung war falsch auf der Homepage und wir stehen deshalb eine halbe Stunde im Regen. Auf der Höhe des Parkhauses biegt die Kolonne dann in dessen Einfahrt ein. Nicht, um Schutz vor dem Regen zu suchen, denn ab da wäre es bis zum Ende der Strasse überdacht.

Ein älteres Paar steht davon unbeeindruckt einfach im entstandenen Winkel an und ignoriert die wartende Menge, die um die Kurve reicht. Sie werden darauf aufmerksam gemacht, dass das Ende weiter hinten sei. Als Antwort gab es ein Schulterzucken und ein knappes „Ja“, aber sie bleiben stehen. Mir entwischt ein lautes “Wow”.  Weiter hinten folgen darauf ebenfalls laute Kommentare, dass sie ihr Verhalten auch nicht toll fänden. Jemand weiter hinten aus der Schlange kommt nach vorne und fragt, ob sie - wie alle anderen - auch fürs Konzert anstehen würden. Er sei etwas unsicher geworden. Das bewegt dann auch das Ehepaar, sich ans Ende zu verschieben, weil es ihnen wohl doch unangenehm wurde. Einmal mehr stelle ich fest, wie egoistisch unsere Gesellschaft in den letzten 2.5 Jahren  geworden ist. 

Als dann um 19 Uhr die Türen geöffnet werden, gehe ich wie sonst auch Richtung Eingang, wo man die Gästeliste bisher immer gesondert einlässt. Ausser heute Abend natürlich. Ich müsse auch hinten anstehen. Ich versuch’s mit “ich bin von den Medien und fotografiere heute Abend”. Er zögert einen Moment, lässt mich dann aber rein. Und ich fühle mich in dem Moment wie ein egoistischer Vordrängler. Aber ich fühl mich lieber jetzt so, als dass ich mich nachher mit dem ganzen Fotorucksack an den Bühnenrand durchschieben muss.

 

Milows letzter Auftritt in der Schweiz liegt 3 Jahre zurück

Der 41-jährige Belgier wuchs in Haacht auf. Er traute sich relativ spät ins Rampenlicht und nahm 2004 am Musikwettbewerb «Humo’s Rock Rally» teil und erreichte das Finale. Dort präsentierte er den Song You Don’t Know, der später international bekannt werden würde.  Wie so viele andere Musiker gewann er den Wettbewerb nicht, wurde später aber mit diesem Lied international erfolgreich. 2006 veröffentlichte er sein erstes Album «The Bigger Picture». Das erreichte jedoch nur Platz 10 der Charts und der Verkauf zog erst mit der Single-Auskopplung von You Don’t Know an. Sein zweites Album «Coming of Age» schoss nach 2 Wochen auf Platz eins der flämischen Charts. Die Single Ayo Technology ergatterte Platz 1 der Single-Charts in Belgien, Schweden, Spanien und der Schweiz. Es dauerte jedoch noch einmal drei Jahre, bis auch eines seiner in den internationalen Charts erschien. Der Song You and Me (In My Pocket) verkaufte sich über 150'000 Mal. Ich persönlich finde den Text bis heute seeeeeehr creepy. Habt ihr euch den mal genau angesehen und übersetzt? Wenn nicht, findet ihr ihn auf songtexte.com. Sein aktuelles Album «Nice to Meet You» ist deutlich weniger erfolgreich als die letzten drei davor. Das ist insofern erstaunlich, als dass die Titel eher unbeschwerten Charakter haben und die Botschaft lautet, etwas Positives aus schwierigen Zeiten zu machen. Auf Setlists früherer Konzerte war die erste Hälfte mehrheitlich vom neuen Album. Ich bin gespannt, was er heute im Gepäck hat.

Das Kaufleuten ist klein, aber fein. Bis auf den nicht vorhandenen Bühnengraben, wo ich mir heute wieder wie ein soziales Frottiertuch einen Weg durch die Menge bahnen muss. Davor graut mir immer. Weil heute seitlich bei den Bühnenaufgängen Konfettikanonen positioniert sind, wird mir die Sicht ziemlich verstellt. Es bleibt mir also nicht viel anderes übrig, als mich in die 3. Reihe des Publikums zu stellen. Das wird lustig, wenn ich dann die Kamera hochnehme und sich das Objekt neben den Nasenflügeln der Leute in der vorderen Reihe vorschiebt. Sie finden das “klickklickklick” auf Ohrenhöhe sicher auch toll. Der Konzertbeginn ist dann natürlich auch um 30 Minuten nach hinten verschoben und es startet (wie gewöhnlich) um 20 Uhr. Milow hat keinen Opener, er bestreitet den ganzen Abend zusammen mit seiner Band. Er begrüsst uns und freut sich, nach 3 Jahren wieder auf dieser Bühne im Kaufleuten zu stehen. Sein deutsch sei nicht das Beste und er würde vermutlich 11 Minuten pro Wort benötigen, drum spreche er lieber in Englisch mit uns. Leider ist der erste Song mit rotem Licht und so viel Nebel, dass ich vermutlich vom ersten Titel «Nice To Meet You» praktisch keine Fotos haben werde. Zwischen den Songs erzählt er uns immer mal wieder etwas. Dass die letzten 2 Jahre nicht so toll waren und zu Beginn noch weniger Gigs abgesagt wurden.

Er habe viele Tiefs, aber auch ein paar Hochs erlebt und die Zeit genutzt, sein neustes Album zu produzieren. Der Titel Lost Boys sei eine Art Hommage an all die Menschen, die viel zu früh von uns gegangen sind. Und er hängt an, dass dieses Lied im Nachhinein noch mehr an Bedeutung gewonnen habe, als sein langjähriger Drummer, Oscar Kraal Ende 2020 verstorben sei. Er verlor den Kampf gegen den Bauchspeicheldrüsenkrebs und sei ungefähr im gleichen Alter wie sein Vater gestorben. Milow stellt seine Band vor. Der Schlagzeuger Mario ist das erste Mal dabei und das ist gleichzeitig die Überleitung zum nächsten Titel Oscar, den er für seinen ehemaligen Schlagzeuger schrieb, als er noch lebte. Oscar war damals schon schwer krank und kam ins Studio, um eine spezielle Version aufzunehmen. Uns wird dieser Song als Akkustikversion präsentiert, Milow und Tom Vanstiphout sind mit ihren Gitarren alleine auf der Bühne.

Nein, der heutige Abend ist definitiv nicht «Schema F» wie bei anderen Künstlern, die jeden Abend dieselbe Setlist spielen und ihren einstudierten Dialog abspulen. Bei Nobody Needs You Like I Do übernehmen Gitarrist Tom und Vocalist Nina Benet einen Gesangspart und performen diesen unplugged. Ich habe deshalb einen Moment gebraucht, um zu realisieren, dass das kein separater Song ist. Aber als Milow, Drums und Keys wieder einsetzen, dämmert es mir. Milow kündigt an, es sei Licht am Ende des Tunnels zu sehen, die schweren Songs seien nun vorbei. Und stimmt den Titel ASAP an, bei dem das Publikum zum Mitsingen aufgefordert wird. Danach folgt der Song, der bei mir noch hochgezogene Augenbrauen provoziert: You and Me (In My Pocket). Ja, den habe ich eingangs schon erwähnt. Und? Liedtext in der Zwischenzeit gegoogelt? Er gibt uns weitere Einsichten in sein Privatleben.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

Milow ist Vater zweier Kinder. Die Tochter ist 7 Jahre alt, der Sohn 5. Er hat sich oft gefragt, weshalb es ihm so schwerfällt, die Beziehung zu seinen Kindern in Liedern zu verarbeiten. Er verrät uns, dass er beim zweiten Kind zuerst Bedenken hatte. Ein Mädchen sei einfach, da könne er dann zum entsetzlichen Vater werden, wenn sie anfange mit Dates. Aber bei einem Jungen habe er unweigerlich an seine eigene Beziehung zu seinem Vater denken müssen, die nicht immer einfach gewesen sei. Und gerade als sich das endlich gebessert habe, sei sein Vater mit 53 Jahren verstorben. Sein Lied Michael Jordan thematisiert dies ein wenig. Dann sorgt Milow für diverse Lacher.  Er fragt das Publikum, wer 2009 bei seinem Auftritt in der Hafenkneipe dabei gewesen sei. Eine Hand hebt sich, was Milow kommentiert mit: “Ok, wir zwei waren da und ich kann euch sagen, es war episch!”. Er erzählt uns von der Erfahrung, als Newcomer für die Music Industry Awards nominiert worden zu sein - obwohl er zu dem Zeitpunkt schon 12 Jahre im Musikgeschäft war. Es seien auch andere Künstler nominiert gewesen, die wir vermutlich nicht mehr kennen würden. Manche seien halt nicht so erfolgreich im Business und würden von der Bildfläche verschwinden. Ob uns der Name «Kings of Leon» eventuell etwas sage? Schallendes Gelächter im Saal. Und dann habe er noch mit einer jungen Dame gesprochen, mit der er später auch ein paar Projekte realisiert habe. Ob uns «Lady Gaga» allenfalls ein Begriff sei? 

Tom wechselt ans Keyboard und Milow kommentiert das mit: “Das ist nicht so sein Lieblingsinstrument, aber er hat uns etwas vorbereitet”. Ein Stimmverzerrer greift, und es scheint bei vielen recht lange zu dauern, bis sie Ayo Technology erkennen. Den letzten Song seines Sets hat er für seine Tochter geschrieben: Howling at the Moon. Und ganz der sympathische Kerl, der er ist, passt er den Songtext an und singt “... Zurich is not so far”. Auf einmal knallen dann auch noch die Konfettikanonen und sie verlassen die Bühne. Natürlich kehren sie für eine Zugabe zurück. Respektive drei. Born in the Eighties und Until the Sun Comes Up wird uns wiederum in einer Akkustikversion geboten, bei der nur Milow, Tom und Nina auf der Bühne sind. Milow greift das Thema Schweizerdeutsch nochmal auf und fragt uns, warum immer alle das eine Wort benutzen würden, wenn es um “versuch das mal auszusprechen” gehe. Alle wissen, es geht ums Chuchichästli und Milow gibt sich alle Mühe. Wir sind aber mit einem Chuchuchästli auch zufrieden. Es lässt ihn aber nicht los und fragt uns, was in Schweizer Küchen abgehe, dass das das wichtigste Wort sei, das man lernen soll. Es solle ihm mal jemand erklären, was es damit auf sich habe. In Belgien hätten sie nicht mal Küchenkästen, fügt er noch an. Als allerletzten Titel stimmen die drei You Don’t Know an und in ungefähr der Mitte des Songs setzen der Bassist und der Drummer mit ein. Ein letztes Mal bringt er uns zum Lachen, als er eingebaut: «... you don’t know anything about me, Chuchuchästli». Was für ein Schluss! Sie verabschieden sich mit einer Verbeugung und verschwinden auf der bereits abgedunkelten Bühne, bevor im Saal das Licht angeht. 

 

 

 

Eventdatum: 23.11.2022

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Kaufleuten, Zürich

Veranstalter:  Kaufleuten

Zuschauerzahl:  unbekannt

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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