So war Kontra K in The Hall
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Der Rapper Kontra K aus Berlin geniesst sein grösstes Konzert seit 2 Jahren. Auf den zweiten Blick ist er der Typ „Harte Schale, weicher Kern“ und sagt, was er denkt. Gradlinig, ohne Schnörkel. Seine Fans feiern ihn dafür.
Max Diehn bekam den Übernamen Kontra K, weil er wohl öfter mal widerspricht. Er vertritt seine Meinung, auch wenn sie nicht immer populär ist. Schubladendenken ist nicht seins, deshalb spielt es für ihn auch keine Rolle, was für eine Nationalität jemand hat. Im Gegenteil, ihm gehen die Vorurteile gegen den Strich, die manche anderen gegenüber aufgrund ihrer Herkunft haben. Wie die meisten, die die gleiche Sportart ausüben wie ein Elternteil, hat auch Kontra K die Liebe zum Kickboxen von seinem Vater übernommen. Max Diehn ist letztes Jahr zum dritten Mal Vater geworden. Er hält sein Privatleben bewusst bedeckt. Seine beiden Söhne und die Tochter sollen später selber entscheiden, ob sie sich der Öffentlichkeit präsentieren wollen oder nicht.
Es ist absolut legitim, die zwei Bereiche zu trennen, auch wenn Fans nicht nur den Künstler, sondern auch den Privatmann kennenlernen möchten. Und genau da liegt der Unterschied zwischen Promis und Normalos: Wir erzählen unseren Arbeitskollegen ja auch nicht alles, was zu Hause abgeht. Aber von Personen im Rampenlicht erwartet man das quasi. Natürlich bin ich auch neugierig. Aber eher, weil mich interessiert, ob die privaten Erlebnisse und Werte einen Einfluss auf seine Musik haben. Und so mancher würde wohl das Schubladendenken bezüglich Rappern oder Kampfsportlern revidieren, würde er sich die Mühe machen, näher hinzusehen. Denn Max Diehn ist nicht nur eine angenehm anzuschauende Fassade ohne Inhalt, was ein in Klischées Denkender annehmen würde. Kein Gangsta from da hood. Da steckt ein tiefgründiger Mensch mit grossem Herzen in einem kunstvoll verzierten Körper und toller Stimme, die er für seine Musik und Botschaften nutzt.
Der Berliner ernährt sich mehrheitlich vegan - und das aus Überzeugung, aus Liebe zum Tier. Da erstaunt es auch nicht, dass er sich 2017 für ein von der Mutter verstossenes Katzenbaby namens Elsa einsetzt hat. Nein, nicht die Version, die Otto Normalverbraucher bei sich auf dem Schoss sitzen haben. Ein Tigerbaby, das am Ende in einen privaten Zoo vermittelt werden konnte. Und weil er in der Zeit eine Bindung zur grossen Samtpfote aufgebaut hatte, war er die ersten beiden Jahre auch regelmässig vor Ort, um bei der Pflege mitzuhelfen und Elsa zu besuchen. Aus dem kuscheligen Tiger wurde eine grosse Wildkatze, bei der man nicht mehr einfach wie zu Beginn ziemlich unbedarft ins Gehege kann. Anfang 2020 war Kontra K in Australien, um die Berufstierrettung während der andauernden Buschbrände bei der Erstversorgung zu unterstützen.
Sein Debütalbum «Dobermann» erscheint 2010 unter seinem eigenen Label. Aber erst das dritte Album «12 Runden» schafft es in die deutschen Charts. Album 4 kommt bis auf Platz 2 der deutschen Charts und wird mit Platin ausgezeichnet - alle nachfolgenden Alben sind ausnahmslos auf Platz 1 der heimischen Hitparade. Bei den Singles sieht das etwas anders aus. Man könnte die Top-10-Platzierungen fast an zwei Händen abzählen. Sein erfolgreichster Titel ist Tiefschwarz, für die es Gold gab. Kein Wortspiel beabsichtigt, aber direkt darauf folgt die im Juli veröffentlichte Single Follow mit Platz 3 und Gold. Mit Abstand am meisten Auszeichnungen gab es für Erfolg ist kein Glück, der als Download und Stream verfügbar war.
Das grösste Konzert der letzten 2 Jahre
The Hall ist voll. Voller Menschen, die bei jedem Song mitgehen. Stand ich während den ersten Songs noch mit Kamera im Bühnengraben, habe ich anschliessend die Show oben vom Balkon mitverfolgt. Eindrücklich, wenn man einen Saal voller Menschen sieht, die ihre Arme im Takt hin- und herbewegen. Ich lehne mich vielleicht etwas weit aus dem Fenster, aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass am heutigen Abend praktisch niemand am Konzert war, der einfach nur mitgeschleift wurde und Kontra K nicht kannte. Dafür haben viel zu viele textsicher mitgesungen und gewusst, wann ihre Einsätze gefragt sind.
Die Stimmung ist unbeschreiblich. Die Energie im Raum ist so dermassen positiv, da hat sicher keiner überlegt, ob man sich eventuell schon davonstehlen soll, um zu Hause noch die Waschmaschine anzuwerfen. Manche sind sogar so extrem happy und winken dermassen wild, dass Max denkt, etwas stimme nicht. «Geht es dir gut? Brauchst du Hilfe? Ist das jetzt ein Notfall oder nicht? Mein Dolmetscher für Gebärdensprache ist grad nicht da. Aber ich sehe, dein Mann hat dich im Griff». Sagt es und setzt sein Konzert fort. Wenn allerdings signalisiert wird, dass jemand Hilfe braucht, dann reagiert er direkt und avisiert auch seine Leute, einzugreifen. Ganz am Ende des Konzerts waren die dann sogar schneller zur Stelle.
Max spricht das Publikum immer wieder an, bezieht es in seine Lieder mit ein. Manchmal singt er eine Strophe an, die dann die Menge beendet. Zwischendurch baut er ein paar Übergänge für den nächsten Song ein. Er fragt zum Beispiel in die Runde, ob jemand Whisky dabei habe. Er bräuchte einen Schluck. Alternativ greift er dann zum «Apfelsaft» und jedem ist klar, dass das zwar ein Saft ist, aber wohl eher aus Gerste. Er stimmt den Song Gib mir kein’ Grund an.
Max spricht kurz seinen Vaters an, und wie froh er ist, dass es seinen Kids gut geht. Der Song Nur für dich handelt denn auch von seiner Familie. Auf der Videoleinwand sehen wir unser eigenes Lichtermeer aus Bühnensicht. Am Ende des Songs bedankt er sich mit einem schlichten Faustschlag auf sein Herz, was grad nochmal eine Welle des Applauses auslöst. Man solle nichts für selbstverständlich nehmen. Das würden ihm Abende wie diese einmal mehr zeigen.
Ich gebe es zu: ich hatte gehofft, Kontra K’s Bühnenoutfit wäre die ganze Zeit oben ohne und ich hätte seine Tattoos zu Beginn fotografieren können. Er entledigt sich seines Oberteils aber erst gut in der Hälfte des Konzerts, was im Saal einen kurzen Kreischanfall auslöst. Leute… ich sag nicht, dass er nicht gut gebaut ist und man gern hinschaut. Aber warum kreischen die meisten Frauen deswegen unkontrolliert los? Vermutlich war das auch nur eine optische Überleitung zu Kampfgeist V. Ein weiterer Schluck Apfelsaft ist angesagt. Und kommentiert das damit, man solle keinen Alkohol trinken: «Nehmt euch ein Beispiel an mir, wie man es nicht macht.»

Bei Tiefschwarz ist wieder der ganze Saal am Start. Im Anschluss wird er aufgefordert, seinen Becher auf Ex zu leeren. Max frei Schnauze: «Biste bescheuert? Dann kipp ich um!», setzt dann aber an und trinkt aus. Er bereut es direkt und meint auch einen weiteren Song später, das sei eine schlechte Idee gewesen. Wie heisst es so schön: Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit. Nein, natürlich ist er nicht betrunken. Aber was er als nächstes sagt, hat so viel Tiefe und spricht mir aus dem Herzen: «Finde den einen Menschen, den du nüchtern immer noch genauso geil findest, als du besoffen warst.».
Nach Adrenalin lässt er sich kurz über The Hall aus. Die sei so dermassen gedämmt, Musik müsse doch bumsen! Er sei darüber aufgeklärt worden, dass hier auch Klassikkonzerte stattfinden. Aber er mache halt keine Klassik. Und im Übrigen fände er es toll, wie viele ihn in der Schweiz feiern würden. Den nächsten Titel widmet er dem LKA (Landeskriminalamt): «Hier steht Maximilian Dahn. Ich habe drei Kinder und ich bin keine Nummer und kein Algorithmus». Diese eine Melodie ist zugleich der letzte Song aus seinem Set. Er kündigt dann etwas umschwenglich an, dass wir alle wüssten, was jetzt käme. Dass er kurz von der Bühne gehen würde, wir ordentlich Krach machen sollen und er dann für die Zugaben zurückkomme.
Und das Publikum gibt wirklich alles. Es wird gejohlt, geklatscht, gepfiffen, auf den Tribünen wird getrampelt. Es ertönen unglaublich laute Zugaberufe, die dann in ein rhythmisches Klatschen übergehen. Hatte er nicht gesagt, er gehe kurz von der Bühne? Da lässt sich jemand aber wirklich bitten! Es wird nochmal eine Runde laute Zugabe-Rufe angestimmt, bevor Kontra K wieder vor uns steht. Vor der zweiten Zugabe wirft er ein, es sei etwas gelogen, wenn er sage, Erfolg sei kein Glück. Es sei nämlich ein grosses Glück, so eine Fanbase zu haben. Und er fügt an, die letzten 2 Jahre seien nicht so toll gewesen. Nicht nur wegen Corona. Und es werde noch schlimmer, da seien scheiss Mächte am Werk. Aber wenn viele Menschen positiv eingestellt seien, könne man etwas verändern.
Nach dem letzten Titel Wölfe steht er mit seiner Band am Bühnenrand, formt mit seinen Händen das Herzsymbol und steht für sicher 2 Minuten einfach so still da. Dann geht er an die Seite und verneigt sich vor der Band. Doch bevor er von der Bühne geht, gibt er uns nochmal eine Botschaft mit. Morgen könnte alles vorbei sein. Man weiss das nie. YOLO sei nicht das, was er in erster Linie meine, aber es gehe in die Richtung. Wichtig sei, was man hinterlasse, wenn man gehe. Alles, was bleibt, ist Energie.
Und er schliesst mit den Worten: «Euer Herz ist kein Algorithmus, der Typ, der neben euch steht, ist kein Algorithmus, die Welt ist kein Algorithmus. Es ist echt. Wir sind echte Menschen, das ist echte Liebe, das sind echte Gefühle. F*ckt auf euer Handy, wir sind echt, wir sind keine Nummern, wir haben Namen, wir haben Gefühle und wir haben ein Herz.»
Eventdatum: 28.11.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: The Hall, Dübendorf
Veranstalter: Live Nation
Zuschauerzahl: ca 5000
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/970-so-war-kontra-k-in-the-hall#sigProIde6a87008e7
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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