Eingepackt und eingelullt am Konzert von Amistat
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Dritter Streich von Amistat in der Schweiz. Meine Ziele heute: Spass haben und trocken bleiben. Das haben auch die Besucher im Zauberpark. Das Publikum zeigt sich unbeeindruckt vom Wetter und ist entsprechend vorbereitet. Und dem Beifall nach zu urteilen, ist auch beim Ziel «Spass» ein Haken zu setzen.
Natürlich musste ich die Pommes probieren, die Marcel gestern erwähnte. Wir sind im Zauberpark und drum konnte ich es nicht lassen, mein Ohr etwas näher an die Tüte zu halten. Und tatsächlich... ich höre die Pommes schreien «Hilfe, wir ersaufen». Aber gerade das Käsevolumen auf den Kartoffelstängeln macht den Yummi-Faktor aus. Und wenn wir so weitermachen und Conny morgen am Stress-Konzert auch die Fonduepommes verputzt, habt ihr bis zum Ende der Konzertreihe von nichts anderem gehört. Aber wir sind ja auch keine Food-Kritiker, sondern Musikjournalisten.
Lichtkunst im Zauberpark: «Faceless» von Radu Ignat
Licht und Schatten sind die Werkzeuge eines jeden Fotografen, um Konturen hervorzuheben oder verschwinden zu lassen. Das wird in der 5. Lichtinstallation thematisiert, die im Zauberpark thematisiert wird. Radu Ignat will aufzeigen, dass wir alle unsichtbar wären, wenn wir das Licht nicht reflektieren würden. Wie wandelbar ein Gesicht sein kann, je nachdem wie das Licht auf die Oberfläche trifft, führt er uns mit dem Kunstobjekt «Faceless» vor.
Auf Facebook und Instagram hat der Künstler Bilder seiner Skulpturen veröffentlicht, die mehrheitlich aus Metall gefertigt sind. An der Zsolnay Light Art 2021 inszenierte er eine Licht-Symphonie an der Fassade der Kathedrale in Pécs, Ungarn.
Musikkunst auf der Zauberbühne: Amistat
Die Zwillingsbrüder Josef und Jan Prasil könnte man als «multikulturelle Weltenbummler» bezeichnen. Ihre Eltern sind aus Tschechien und Australien, geboren sind sie in Deutschland und später in Italien aufgewachsen. 2011 nahm Josef ohne seinen Bruder an The Voice of Germany teil, zog im gleichen Jahr - der Liebe wegen - nach Melbourne, wo er zunächst als Kellner arbeitete, dann aber Strassenmusiker wird. Jan reist seinem Bruder ein Jahr später hinterher und gemeinsam starten sie ihre Musikkarriere. Der Bandname stammt aus dem Lied von The Fray I Found You”: Amistad resp. in der katalanischen Schreibweise Amistat bedeutet «Freundschaft».
Ihr Sound, so Amistat, sei beeinflusst von Simon and Garfunkel, Kodaline, Ben Howard und Kings of Convenience. Das kommt in Australien sehr gut an und sie spielen relativ schnell in ausverkauften Hallen, an grossen Festivals und werden 2018 mit dem «Marton Guitar Emerging Artist of the Year 2018 Award» ausgezeichnet. 2019 kamen sie nach 8 Jahren Australien zurück nach Europa, um als Opener mit der australischen Band Sons of the East auf Tour zu gehen. Anschliessend gingen sie auf eigene Tour in Europa und Australien. Bisher haben sie mehrheitlich EPs veröffentlicht. So ist auch ihr neuestes Werk eine EP: «Still Alive» kam im August 2021 heraus.
In der Schweiz kennt man Amistat noch nicht so wirklich. Das erklärt wohl auch, warum sie hierzulande eher im kleinen und intimen Rahmen auftreten. Josef, Jan und Dimitri hatten einige Hürden zu nehmen, um heute im Zauberpark aufzutreten. Eigentlich wollte Dimitri mit der Bahn zur Band stossen, doch an dem Tag wurde gestreikt. Er hätte last minute noch mit dem Flugzeug anreisen müssen, um die Brüder in Deutschland zu treffen. Auf der gemeinsamen Anfahrt hatten sie dann auch noch eine Panne. «Wir wissen zwar noch nicht, wozu das gut war, aber es hatte sicher einen Grund. Und irgendwann werden wir wissen, weshalb», sagen sie. Und während sie auf der regengeschützten Bühne spielen können, steht das Publikum im Regen. Das täte ihnen leid und sie bedanken sich, dass wir trotzdem vor Ort seien. Es ist ihr dritter Auftritt in der Schweiz und es sei schön, dass so viele hier seien. Sie sind ebenfalls warm eingepackt, aber anders als die Zuschauer können sie ihre Hände nicht tief in den Taschen vergraben. Deshalb hält Josef zwischendurch auch einen Handwärmer in seinen Händen, der auch Hinterteile warmhalte, wie er uns verrät.

Ja, sie unterhalten das Publikum nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit lockeren Sprüchen und Anekdoten, die mich zum Lachen bringen. Dimitri beispielsweise hat sie 9 Jahre lang musikalisch begleitet, ohne monetär entschädigt zu werden. Das sei erst seit diesem Jahr möglich, auch dank uns. Kennengelernt haben sie sich in Melbourne, wo alle als Strassenmusiker unterwegs gewesen sind. Das erklärt ein Stück weit auch, warum Dimitri auf eine Gage verzichtet hat - die Leidenschaft zur Musik und performen zu können, war ihm wichtiger. Der versierte Musiker spielt Violine - bei dem Wetter eine rechte Herausforderung. Bei Temperaturschwankungen können sich die Wirbel lösen und das Instrument verstimmen. Dann ist man ständig am Nachstimmen, damit aus der Musik kein Katzenjammer wird. Das wird auch einer der Gründe sein, warum beim Instrumentenwechsel mit kurzen Geschichten überbrückt wird. Dimitri spielt auch Percussions, Gitarre und Keyboard und ergänzt das Duo perfekt. Auch die Brüder sind versierte Musiker, die mehrere Instrumente spielen - zeitweise gleichzeitig, als Jan am Keyboard sitzend mit seiner rechten Hand trommelt.
Die meist eher melancholischen Songs gehen ans Herz. Dem Mutterherz der Brüder gefiel das nicht immer und sie bat darum, sie sollen doch auch mal fröhlichere Lieder komponieren. Deshalb haben sie auch einen der Titel neu aufgenommen. Er sei zwar noch immer kein luftig leichter Song, aber immerhin nicht mehr so schwer wie das Original. Josef und Jan erwähnen immer wieder mal, wie dankbar sie sind. Für die Chancen, die ihnen geboten wurden, das geschenkte Vertrauen und die Risiken, die sich schlussendlich ausbezahlt haben. Sie schicken uns auch Licht und Liebe, denn das sei das Wichtigste im Leben. Der Song Love & Light folgt natürlich nicht zufällig.
Nach fast 90 Minuten ihres Auftritts werden wir informiert, dass sie keine Zugaben geben. Sie sehen den Sinn nicht, von der Bühne zu gehen, uns Radau machen zu lassen und dann wenig überraschend wieder zurückzukommen. Deshalb ist das quasi die 2-verbleibende-Songs-Warnung. Schlussendlich sind es dann deren drei, wo Dimitri nochmal ins Spotlight gerückt wird. Das Publikum goutiert ihren Auftritt mit lautem Applaus und verabschiedet das Trio gebührend. Wem ihr Auftritt im Zauberpark gefallen hat, darf sich freuen: Das Duo wird am 6. April 2023 für ein Konzert im Dynamo Zürich sein.
Morgen wird Cornelia Ambauen über das Konzert von Stress berichten, Reto Turotti liefert die Bilder.
Eventdatum: 29.11.2022
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Zauberpark, Kloten
Veranstalter: NOA
Zuschauerzahl: unbekannt
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/973-eingepackt-und-eingelullt-am-konzert-von-amistat#sigProIdd2c83f6eb8
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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