free website hit counter Szenemagazin - Müslüm, der weise Mann mit der Monobraue

Müslüm, der weise Mann mit der Monobraue

Müslüm, der weise Mann mit der Monobraue Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Er bedient jedes nur erdenkliche Klischee. Bis auf die Tatsache, dass er so viele wahre Worte in seinen Aussagen hat. Das entspricht ja nicht der gängigen Annahme, die Herr und Frau Bünzli in der Regel von einem Mann mit seinem Erscheinungsbild haben.

Es ist schon eine Weile her, seit ich Semih Yavsaner, besser bekannt als Müslüm, das erste Mal auf der Bühne erlebt habe. Damals im Sommer 2013 am Argoviafest war es nicht ganz so kalt wie heute im Zauberpark. Er trug ein bunt gemustertes Outfit, das Hemd weit aufgeknöpft, was den Blick auf einen unglaublichen Brustpelz erlaubte. Heute ist er deutlich weniger eingepackt als seine Band.  Damals wie heute gehören zum Erscheinungsbild ein auffälliger Bart und eine buschige Monobraue. Und selbstverständlich ein Akzent seinesgleichen, den er in seiner Rolle als Müslüm konsequent durchzieht. 

Semih Yavsaner ist Schauspieler, Komiker und Musiker. Mit der Kunstfigur «Müslüm» verbindet er alles. In seinen Texten stecken so viele positive und wichtige Statements, die man hoffentlich nicht als Witz abtut. Auch zwischen den Songs platziert er seine Ansichten. Beispielsweise: «Kinder sind nicht die Zukunft. Sie sind die Gegenwart. Sie sind ja schon da». Natürlich interagiert er mit dem Publikum. Die Schulklasse vom Schulhaus Blumenfeld spricht er immer wieder an und nutzt das geschickt für seine Übergänge zum nächsten Song. Er fragt die Kinder, ob sie ihre Lehrerin fragen, wenn sie etwas nicht wissen. Früher hätte man die Lehrer alles gefragt. Er habe damals als 6-Jähriger auch gefragt, weshalb er schon einen Bart habe. Eine Antwort hatten sie nicht. Aber heute könne man ja einfach googeln - und stimmt Gugele an.

Er reisst auch ein paar Sprüche, bei denen die Erwachsenen ein «hohoho» von sich geben und wohl hofften, die Kids hätten das nicht verstanden. Aber man sieht das ja oft an diesen Bildern, wo sowohl der weisse als auch der schwarze Bereich unterschiedliche Motive enthalten. Kinder sehen normalerweise andere Figuren zuerst.

 

Lichtobjekte im Zauberpark

A propos Figuren! Ich erzähle euch noch etwas über die Lichtkunst Nr. 10 und 11. 

«Underwater” von NOA ist das erste Objekt, an dem man vorbeikommt, wenn man mit der Bahn hochgefahren ist. Von aussen sieht es wie ein Haus mit transparenten Wänden aus. Die Projektionen zeigen Gewässer. NOA möchte mit ihrer Installation visualisieren, wie eine nachhaltige gelebte Welt ohne Emissionen, Abfälle und Vorurteile aussieht. Dazu braucht es den Beitrag eines jeden. Gemeinsam Abfall recyclen, Gewässer sauber halten, weniger CO2-Emissionen erzeugen und sich im Alltag energiesensibel verhalten. Nicht nur, wenn gerade Strommangellage herrscht (so, jetzt habe ich das Wort auch mal verwendet).

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Wenn man dem Weg entlang folgt, sieht man nach einer Biegung den «LED Forest» von Nicolas Paolozzi / Module. Für die Gestaltung haben sie sich von Waldlandschaften des hohen Nordens inspirieren lassen. Die Bäume sind sehr minimalistisch - quasi in 2D - dargestellt. Die Tannenbäume wechseln ihre Farben und begleiten uns bis zum Genussdorf.

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

Um es vorwegzunehmen: Nein, heute habe ich keine Fondue-Pommes gegessen. Ich habe den Silserbrötli-Burger probiert. Kann euch sagen: lecker! Selbstverständlich werden auch die anderen Stände gut frequentiert und es hat für jeden Gluscht etwas dabei: Momos & Gyoza, griechische Gerichte, Thai Food, Suppen, Burger und Fries, Würste und Hot Dogs, Raclette und für zwischendurch Marroni, Glühwein oder Churros, Waffeln und Crêpes zum Dessert. 

Das Genussdorf umrandet die Zauberbühne, auf der Müslüm Stimmung verbreitet. So wirklich auf dem Radar erschien er, als er sich 2010 im Rahmen der Schliessung der Berner Reitschule positionierte und Erich, warum bisch du nid ehrlich? veröffentlichte. Dieser war auf dem Sampler «Reitschule beatet mehr», an dem insgesamt 22 Berner Künstler ihre Songs beisteuern. Dieser führte wiederum zu Kontroversen und Klageandrohungen, wenn die Tracks vor der Abstimmung über Radio- und Fernsehstationen abgespielt würden. Nachdem es auf Youtube die Schweizer Rekorde einstellte, wurde es als Single lanciert und schaffte es auf Platz 46 der Schweizer Hitparade. 

Im gleichen Jahr veröffentlichte er die Single Samichlaus, die wiederum politisch motiviert war. Dieses Mal war die SVP-Ausschaffungsinitiative im Visier. Auch wenn der Song wenig bis gar nicht im Radio gespielt wurde, rangierte er auf Platz 18 der Schweizer Charts. Zwei Jahre später kam sein erstes Album «Süpervitamin» heraus, das Platz 3 erreichte und das zugehörige Video einmal mehr rekordverdächtig war. Er war 2013 für einen Swiss Music Award nominiert und gewann den Förderpreis für die Integration der Migrationsbevölkerung der Stadt Bern. Drei Jahre später war er erneut nominiert für den Swiss Music Award: Best Hit für die Single-Auskopplung La bambele und als Best Male Solo Act, sein Album «Apochalüpt» erreichte Platz 1 der Charts.

 

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Sein heutiges Outfit besteht aus vielen Labels mit der Aufschrift «Propaganda» - der Name seines neuesten Albums,  das in den kommenden Tagen erscheint. Natürlich baut er das auch sonst immer wieder geschickt in den heutigen Abend ein. Die böse Presse solle zum Beispiel ein Foto von ihm machen, wie er einen Knaben zu Propaganda überredet. Und ich hoffe, das anwesende Publikum spricht fliessend Sarkasmus, denn am Ende des Abends bittet er uns eindringlich, weder seine Posts zum neuen Album zu liken, darüber zu reden oder sich das Album zu kaufen.

Natürlich bindet er auch die Location mit ein. Ein Flughafen sei quasi sehr symbolisch für das Leben. Die einen kommen, andere gehen, manche viel zu früh. Selbstverständlich ist er auch tagesaktuell am Start. Bei der Begrüssung fragte er in die Runde, wer Schweizer sei. Es gingen relativ wenig Hände in die Luft. Das läge wohl daran, dass zeitgleich Portugal gegen die Schweiz spiele, meint er. Zwischendurch fragt er auch immer mal wieder nach dem Spielstand. Und fügt an, dass es schade sei, dass die Nationalhymne nicht mehr gesungen werde. Aber er könne das auch ein Stück weit verstehen: 11 Migranten wollen nicht im Morgenrot daher treten. Ausländer stehen am Morgen nicht gerne auf. Vielleicht sollte man es mit dem Abendrot versuchen. Er bedankte sich auch bei den Zuschauern (Schweizer, Ausländer, einfach Menschen), die noch immer hier seien. Aber das läge wohl auch daran, dass Portugal das Spiel gewonnen habe, sonst wären die Schweizer im Publikum schon längst auf dem Weg in Richtung Langstrasse fürs Hupkonzert. 

Nach drei Zugaben machen sich die meisten dann tatsächlich auf den Weg. Ohne zu hupen, aber im regen Austausch über das Konzert. Was ich so höre, bis ich beim Weihnachtsbaum im The Circle in Richtung Parkhaus abbiege, tönt begeistert. Ich schliesse mich dem gedanklich an und werde definitiv ins neue Album reinhören, wenn es erscheint.

 

 

 

Eventdatum: 06.12.2022

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Zauberpark, Kloten

Veranstalter:  NOA

Zuschauerzahl:  unbekannt

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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