Die Mercenaries verlieren ihr erstes Spiel knapp gegen die Dragons
Nils Blattner / szenemagazin.ch
Die starke erste Halbzeit gibt Hoffnung, mit einer schwachen zweiten und einer schwachen Kicker-Leistung vergeben die Helvetic Mercenaries den Sieg.
Nach der turbulenten Offseason und der ungewissen Zeit für die Guards … ähm natürlich Mercenaries … konnten die Funktionäre rund um Chris Rummel zeitnah ein komplettes Kader bereitstellen. Pregame versuchen die Gastgeber das Publikum mit einem Rahmenprogramm aufzuheitern. Dieses besteht aus Beer-Pong mit Football statt Ping-Pong oder einem DJ. Am populärsten sind aber wohl die Fress- und Bier-Stände sowie die beiden Mannschaften beim Aufwärmen. Nach den etwas verzögerten Hymnen gewinnen die Dragons den Coin-Toss und wollen denn auch mit dem Angriff starten. Die Kick-Offs in der European League of Football sind anders als in der NFL. Der Kicker startet alleine bei seiner eigenen 30 Yards-Linie, alle anderen warten auf der anderen Seite des Spielfeldes. Erst wenn der Ball aufgenommen wurde, dürfen sich die anderen Spieler auch bewegen.
Weil sich so sehr dynamische Löcher bilden, kann #3 Donadelle der Gäste durch die ersten par Tackles bis zur Mittellinie vorpreschen, wo er von #4 Streater getackelt wird. Doch trotz guter Feldposition können die Gäste nicht viel daraus machen. #2 Hike Jr empfängt dann umgekehrt den Punt und kommt ebenfalls zur Mittellinie. Den Hauptschiedsrichter versteht man aber fast nicht, der Grund wieso die Mercenaries trotzdem von der eigenen Endzone aus starten müssen, bleibt dem Publikum daher schleierhaft. Der Quarterback der Schweizer findet erst keine Anspielstation, gibt kurz Gas auf den Beinen, rennt von seiner eigenen Endzone 12 Yards vor und slided Beine voran. Damit signalisiert er, dass er nicht weiter rennen möchte. Umgekehrt ist er damit geschützt. Trotzdem wird er getackelt, nachdem er schon unten ist. Durch die zusätzlichen 15 Yards (wir hören nur vages Genuschel vom Schiri) haben die Gastgeber Luft nach hinten. Dann ist aber auch Schluss und der Ballbesitz wechselt erneut.
Statt Beer-Pong spielen die beiden Mannschaften nun Ping-Pong auf dem Rasen und geben sich gegenseitig den Ball mit je einem three and out. Danach zeigen die Dragons einen ordentlichen langen Drive. Durch einige kurze Pässe, Läufe und ein roughing the passer kommen sie sogar bis an die gegnerische 20 Yards-Linie. Von da versuchen sie dann ein Field-Goal zu schiessen, was ihnen misslingt. Es wird nicht das einzige sein. Die Mercenaries vermögen daraus aber nur begrenzt etwas zu erreichen. Dank einem free play zählt die Interception von #0 Garcia nicht, gleich darauf durchkreuzt ein Sack die Ambitionen. Wenigstens können sie die Gäste tief in ihre eigene Endzone zurückstellen, wo sie dann anschliessend auch nicht wegkommen. Der Frust beider Teams sitzt nun wohl etwas tief: Nach den Spielzügen wird immer noch etwas nachgestossen oder beim Aufstehen der Ballträger nochmals runtergedrückt. Gleich nach so einer Situation kann das Amerikaner-Duo der Mercenaries auftrumpfen. #1 Aiken wirft über die Mitte auf #11 Brown, der den Ball in der Endzone einsackt. Die Schweizer kommen zuerst aufs Scoreboard. Nach dem spanischen Kicker hat nun auch #9 Jonkmans Probleme und verschiesst den point after touchdown und es bleibt beim 6:0.

Nun geht es Schlag auf Schlag; die Gäste gehen gleich wieder vom Feld, ein langer Pass auf #11 Brown zum ersten und ein designter Quarterback-Run durch #1 Aiken selbst zum zweiten, resultieren in der 12:0 Führung. Die Dragons blitzen und nachdem der QB die erste Linie durchbrochen hat, ist nur noch Gras vor ihm. Und auch diesmal verpassen sie den «PAT». Mittlerweile sind nur noch knapp über zwei Minuten übrig und die Dragons kommen mit einem passablen Drive bis an die gegnerische 20 Yards-Linie, wo sie dann aber ins Stocken geraten. Nun ist der Kicker etwas akkurater und bringt die Dragons etwas näher auf 12:3. Die Gastgeber versuchen die schwindenden Sekunden auch zu nutzen und kommen mit zwei Pässen auf #11 Brown ebenfalls an die 20 Yards-Linie. Die Spieler rennen gleich wieder zum Ball, der Quarterback nimmt ihn und wirft ihn augenblicklich auf den Boden, um die Zeit anzuhalten, ein sogenannter Spike. Mit vier Sekunden übrig darf der Kicker der Mercenaries erneut antreten und … verfehlt zum vierten Mal. 12:3 Halbzeitstand.
Die zweite Halbzeit beginnt dann wieder mit vermeintlichem Ping-Pong: erst darf die Heimmannschafft three and out machen, dann die Gäste. Nur beim Punt der Gäste begeht #2 Hike Jr einen riesigen Fehler. Er berührt den Ball, kann ihn danach aber nicht unter Kontrolle bringen und ein Dragon schnappt sich den nun freien Ball. Die Schweizer Verteidigung spielt aber top auf oder hat Glück. Nur dank einem ausgespielten vierten Versuch kommen die Gäste in Fieldgoal-Reichweite. Dieses können die Schweizer dann sogar blocken. Aber auf den einen Fehler folgt der nächste; der Quarterback der Mercenaries überwirft seinen Receiver und #2 Shelton holt sich für die Spanier die Interception. Ein Slant auf #9 Rodriguez, gefangen in der Endzone, und anschliessender Tight End Dump auf #18, ausgestreckt in die Endzone, geben acht Anschlusspunkte: 12:11.
Die Heimmannschafft antwortet mit einem langen Drive und einem erneuten Fieldgoal-Try knapp daneben, der Wurm scheint wieder drin zu sein. Der Mercenary-Angriff darf aber nach einem three and out gleich nochmals ran und dieses Mal erfolgreich. Mit einem tiefen Pass auf #11 Brown verlängern sie wieder und siehe da, diesmal schaffen sie auch den «PAT»: 19:11. Obwohl nun auch das Stadion langsam wach ist und alle von den Bier-Ständen zurück sind, reichen die «Let’s go Defense»-Schreie nicht wirklich. Nach einem langen Pass klopfen die Dragons postwendend an die Endzone und schaffen es dann auch mit einem quarterback sweep. Zum Ausgleich fehlt dann noch die two point conversion, doch der Lauf durch die Mitte kann gestoppt werden und es bleibt beim 19:17.
Nach einem three and out der Mercenaries kriegen die Dragons viel Hilfe: Der QB schafft mit einem Sprint beim fake punt einen neuen ersten Versuch und mit einer pass interference stehen sie fast schon wieder an der Endzone. Mit einem Wurf zum Pylon auf die #9 Rodriguez und dem Ball in seiner ausgestreckten Hand holen sie zum ersten Mal die Führung. Nachdem der Hauptschiedsrichter die Situation nochmals am Bildschirm überprüft und auch der Dragon-Kicker verschiessen darf, heisst es 19:23. Gegen Ende des Spiels zeigt vor allem die Offense-Line der Mercenaries Schwächen: Obwohl nur vier Defense-Line-Spieler auf den Quarterback losgehen, schafft es mindestens einer durch. Dass auf das eigene three and out gleich eines der Gegner folgt, ist schwacher Trost. Nach zwei weiteren Sacks müssen die Schweizer wohl oder übel bei einem vierten Versuch und 20 Yards den Spielzug ausspielen, und das tief in der eigenen Hälfte. Die Chance ist da, #11 kann den Ball nur knapp nicht fangen. Trotzdem ist damit das Spiel zu Ende und die Gäste knien die letzten Sekunden ab: Victory Formation.
Die Schuld alleine beim Kicker zu suchen wäre verfehlt. Ja, die Kicker beider Mannschaften hatten einen sehr schlechten Tag. Aber der Mix mit dem Kardinals-Fehler beim Punt und der schwachen Leistung der Offense-Line hat nicht geholfen. Die Mercenaries haben nun eine Bye-Week und können die Fehler hoffentlich adressieren, bevor sie in zwei Wochen in Mailand antreten.
Nachgereicht: Anstelle der spanischen Nationalhymne wurde nach dem Einlaufen eine alte Version davon gespielt. In der Zwischenzeit haben sich die Mercenaries bei den Dragons für die Verwechslung entschuldigt, auf das Spielgeschehen hatte dies unseres Wissens keinen Einfluss und gemäss Information der Liga wird es kein Nachspiel geben.
Helvetic Mercenaries vs. Barcelona Dragons: 19:23 (3:3)
Mehr Infos im Gamecenter der EFL.
Eventdatum: 25.05.2024
Fotograf: Nils Blattner / szenemagazin.ch
Location: Stadion Brühl, Grenchen
Veranstalter: Helvetic Mercenaries
Zuschauerzahl: unbekannt
https://www.szenemagazin.ch/sport/item/1267-die-mercenaries-verlieren-ihr-erstes-spiel-knapp-gegen-die-dragons#sigProId1e38125b6b
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Nils Blattner
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