Die Lions holen in der Serie gegen den EHC Biel auf
Michelle Brügger (szenemagazin.ch)
Der «Sudden Death» war nicht ganz so plötzlich, immerhin hat es bis zur Hälfte der zweiten Overtime gedauert. Genauer gesagt 88 Minuten und 27 Sekunden bis zum ersten und entscheidenden Treffer. In der Serie des Viertelfinals steht es nun 2:1, eine deutlich entspanntere Ausgangslage für die kommenden Partien zwischen den ZSC Lions und dem EHC Biel.
Egal wen ich gefragt habe, die Antwort war dieselbe: Das Herz sagt, es gibt noch ein weiteres Heimspiel. Aber ob es dazu kommt, wissen wir erst am Ende der Partie. Also nochmal ein Auge voll von der Halle nehmen – es könnte das letzte Mal sein, dass wir hier den ZSC anfeuern. Aber das ist Eishockey: alles ist möglich. Und die Lions sind bestes Beispiel dafür, eine schon fast verlorengeglaubte Partie oder Serie noch rumzureissen und knapp vor Schluss den Meistertitel einzusacken. Man erinnere sich an das denkwürdige Finale von 2012, als der ZSC gegen Bern in der Serie einen 1:3-Rückstand aufholte und im siebten Spiel knapp 3 Sekunden vor Ende die Playoffs zu ihren Gunsten entschied. Das ist Eishockey: alles ist möglich. Dieses Jahr haben die Zürcher das Ruder hoffentlich etwas früher rumgerissen und egalisieren die Serie am Dienstag.
Ein Spiel hat drei Drittel. Manchmal auch vier, fünf oder sechs.
Doch nun zur Partie über fünf Drittel: Die Lions wurden vermutlich die letzten 2 Tage nicht gefüttert und starteten mit viel Druck und Torhunger in die Partie. Die Luft ist dermassen geladen, dass mir sogar die Haare zu Berg stehen, wie ich erst viel später auf einem Video sehe. Auch die Gäste fahren ihre Angriffe, doch auf beiden Seiten ist die Verteidigung zur Stelle. Kyen Sopa wird von Robin Grossmann in der 8. Minute unsanft vor dem Tor gestoppt und an der Bande noch mit Schlägen eingedeckt, als er schon am Boden liegt. Sopa wehrt sich, wofür schlussendlich beide Spieler auf der Strafbank Platz nehmen, Grossmann mit zusätzlich aufgebrummter Zeit für Behinderung. Es wird geschubst und geschoben, aber die Schiedsrichter lassen weiterspielen. Denis Malgin muss in einer dieser Szenen einen harten Check gegen die Schulter einstecken und scheint sich dabei gröber verletzt zu haben. Als sich in der 10. Minute dann die vorherige Situation in den Rollen von Maxime Noreau und Noah Schneeberger wiederholt, muss Noreau dieses Mal aber wegen unsportlichen Verhaltens zwei Minuten länger aussetzen. Es ist okay, wenn man nicht so oft unterbricht, aber wenn man harte Checks vor den Augen der Refs durchgehen lässt, dann aber wegen eines selbst im Replay kaum wahrnehmbaren Checks im Bandenbereich eine Strafe ausspricht, ist das schon etwas unschön. Doch auch dieses Powerplay verstreicht torlos.

In der ersten Pause werden die Lions-Frauen für ihren Meistertitel gefeiert. Stolz wird der violette Glaspokal in die Höhe gestemmt. Motivation für die Herren? Ich entdecke bei den Spielerbänken Dr. Gery’s Zaubertrank. Was da wohl drin ist? «Strong legs, cool head, full heart». Da müsste eventuell noch eine weitere Zutat rein, damit es Tore hagelt. Das scheinen sich am heutigen Gameday anscheinend alle Mannschaften für das letzte Drittel aufzuheben. Auffällig am Mitteldrittel der regulären Spielzeit ist höchstens, dass keine Strafen gepfiffen werden. Nach 30 Minuten übernehmen die Bieler die Spielführung. Es fühlt sich bis zur Pause wie ein Dauer-Powerplay an. In der Phase scheint der Zürcher Keeper einen Schuss mit dem Helm abgewehrt zu haben. Das Spiel wird kurz unterbrochen, Kovar zieht den Helm ab und beugt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht kurz übers Tor.
Kaum ins dritte Drittel gestartet, fällt beinahe ein Tor für die Gastmannschaft. Ein Abpraller beim Torwart knallt an Indrasis Schlittschuh und kann von Kovar gerade noch an der Torlinie mit dem Stock abgewehrt werden. Die nächste Chance der Bieler zeigt sich in Form eines Powerplays, nachdem Willy Riedi wegen Stockschlags in die Box muss. Die Bank ist noch warm, als Kyen Sopa wegen Beinstellens 2 Minuten kassiert. Nach erfolgreich überstandenem Powerplay scheinen die Hausherren nochmal etwas Energie ins Spiel zu stecken. Es hilft alles nichts, eine Overtime ist nicht mehr abzuwehren.

Die Entscheidung fällt in der Overtime - oder wenn das Licht gelöscht wird im Hallenstadion
Zeit, sich einen Kaffee zu holen. Im Presseraum treffen Reto und ich auf Kevin Schläpfer. Wir nutzen die Gelegenheit und holen seine Meinung zum bisherigen Spiel ab. Es sei ausgeglichen, meint er. Und ein Sieg auf beiden Seiten möglich. Ja, die Lions seien in der Quali vielleicht etwas besser gewesen, aber in den Playoffs nicht überlegen. Wenn jetzt ein Bieler Spieler namens Schläpfer den Topf schiesse, sei das für ihn total okay.
Im Playoff dauert die Overtime 20 Minuten und es weiterhin 5 Spieler auf dem Eis. Nach drei Minuten wird es vor dem Zürcher Tor kurz gefährlich, aber Kovar kann klären. Ein kollektives Ausatmen. Und ein gemeinsames «Neiiiiii», als der Schuss von Sven Andrighetto am Pfosten landet. In der Hälfte wird kurzzeitig 4 gegen 4 gespielt, weil Phil Baltisberger wegen Stockschlags und Gilian Kohler wegen Stockhaltens zu zwei Minuten Auszeit verdonnert werden. Doch auch in diesem Powerplay fällt kein Tor. Die erste Overtime ist vorbei, erneut 18 Minuten Pause.
Das wird ein langer Abend. Schlussendlich aber nicht ganz so lange, als dass er in den Top 10 aller «Sudden Death»-Begegnungen seit 1936 landen würde. Aber es reicht, um beim Schweizer Eishockey auf Platz zwei zu rutschen. Auf dem ersten Platz bleibt weiterhin die Partie zwischen dem EHC Kloten und dem SC Rapperswil-Lakers von 2018, als der entscheidende Treffer in der 3. Overtime nach 102 Minuten fiel. Trotzdem nicht mal halb so lange wie die längste Partie in der Geschichte. Das Spiel zwischen Storhamar Dragons und den Sparta Warriors ging über acht Verlängerungen. Ganze 214 Minuten und 14 Sekunden auf der Spieluhr, über 8.5 Stunden auf den normalen Uhren.
Hoffen wir mal, dass niemand Getränke oder Schokoriegel an der Tankstelle einkaufen gehen muss. Und wir nicht Gefahr laufen, dass die Partie durch Lichterlöschen im Hallenstadion entschieden wird. Abwegig? Leider nicht. Je nachdem, was am nächsten Tag in der Halle geplant ist, würde die Partie tatsächlich abgebrochen. In einem Interview von 2016 wurde diese Aussage getätigt. Doch wir haben Glück… meine Uhr zeigt Viertel vor zwölf (gefühlt noch immer Viertel vor elf) an, als Chris Baltisberger den erlösenden Treffer zum 1:0 erzielt. Die Halle bebt, die Gastgeber jubeln und Elien Pape kann es nicht fassen. Die Lions verschaffen sich damit Luft und ein weiteres Heimspiel im Hallenstadion. Ich würde mir wünschen, dass sie die Serie kehren und wir noch ein paar Spiele mehr im alten Zuhause der ZSC Lions mitverfolgen können.

ZSC Lions vs. EHC Biel 0:1 (0:0 | 0:0 | 0:0 | 0:0 | 0:1)
Schüsse aufs Tor: 35:43 (10:7 | 6:8 | 6:17 | 9:7 | 4:4)
Details zum Spiel: Gamecenter SIHF
Aufstellung: TeamRoaster
Eventdatum: 28.03.2022
Fotograf: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion, Zürich
Veranstalter: ZSC Lions
Zuschauerzahl: 9182
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