James Arthur - ausverkaufte Show in Zürich
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Es ist keine grosse Überraschung, dass James Arthurs Show ausverkauft ist. Was allerdings überrascht, ist die Location: das Volkshaus. Bei einem Musiker seines Kalibers erstaunt es mich, dass er nicht im Hallenstadion auftritt.
James Arthur gewann Ende Dezember 2012 mit seiner Version von Impossible die Castingshow «The X Factor». Diese Staffel hatte ich mitverfolgt und fand James’ Stimme schon damals genial. Seinen ersten Auftritt in der Schweiz hatte der Brite im Sommer 2014, als er am Live at Sunset auf der Bühne stand. Im Januar 2020 war ich an seinem Konzert im x-tra Zürich mit dabei. Inzwischen war er schon etwas bekannter hier, denn zu dem Zeitpunkt waren schon drei erfolgreiche Studioalben auf dem Markt. In den vergangenen 12 Jahren hat James Arthur insgesamt 16 Milliarden Verkäufe erzielt. Umso erstaunlicher ist es, dass er in der Schweiz noch immer im bescheidenen Rahmen auftritt.
Wie praktisch jede Show auf der aktuellen Tour ist auch die Zürcher Vorstellung im Volkshaus ausverkauft. Das sind 1600 Sitz- und Stehplätze. Eine deutliche Steigerung im Vergleich zum x-tra Zürich? Ich hätte eine Wette verloren, denn im x-tra passen 2000 Leute rein. Nicht, dass alle 2000 etwas sehen würden, aber das ist eine andere Geschichte. So schnell wie das Konzert damals ausverkauft war, hätten noch mehr Tickets verkauft werden können. Aber es stand keine grössere Venue zur Verfügung und ein Zusatzkonzert war nicht möglich.
Im Volkshaus sind die Stehplätze im Parterre, auf der Galerie die Sitzplätze. Ich darf für 3 Songs vom Graben aus fotografieren und im Anschluss den Rest des Konzerts von der Galerie aus geniessen. Als ersten Titel wählt James Arthur Bitter Sweet Love des gleichnamigen Albums, das gerade erst eine knappe Woche alt ist. Es wurde zeitgleich mit dem Tourstart am 26. Januar 2024 veröffentlicht - in den UK stand es auf Platz 1 in den Charts, hierzulande auf Platz 8.
Vor Falling Like The Stars gesteht uns James, dass er sich erkältet hat. Das erklärt die dampfende Teetasse, die ich vor ihm auf dem Boden habe stehen sehen. Falls ihm beim Singen weisse Flocken aus seiner Nase fliegen würden, täte ihm das leid, meint er. Es sei abstossend, aber er gebe sich Mühe, das zu verhindern. Ob das Publikum mitsingen könne? Das tun sie grundsätzlich schon seit Beginn des Konzerts - und zwar textsicher, laut und echt gut! Obwohl auf der Galerie die Sitzplätze wären, steht der Grossteil fast das ganze Konzert hindurch. Sobald jemand auf den vorderen Plätzen aufsteht, muss man gezwungenermassen mitziehen. Wobei «müssen» zumindest an diesem Konzert das falsche Wort ist.
James ist trotz seiner Erkältung gut drauf. Als nächstes würde Rewrite the Stars folgen, das er im Duett mit Anne-Marie aufgenommen hatte. Und dann meint er: «Give it up for Anne-Marie», da Publikum jubelt. Doch es kommt niemand auf die Bühne. Hoppla, sie sei ja gar nicht hier. Und er fürchte, jetzt hätte er unser Vertrauen verloren. Statt Anne-Marie gesellt sich dann aber Neve zu ihm. Sie hatte den Abend eröffnet, aber leider gab es keine Foto-Erlaubnis.
In der ersten Reihe habe ich heute viele junge Damen gesehen, die Plakate in die Luft strecken. Auf einem wird er anscheinend darum gebeten, ein Shirt zu unterschreiben. Macht er dann auch und hinter mir meint jemand, dass genau solche Dinge der einzige Nachteil an Sitzplätzen seien. Dass es auch verdammt weit weg ist, empfinde ich fast als den grösseren Minuspunkt. Aber dafür habe ich freie Sicht - solange niemand aufsteht. Ob er manchmal seine Coversongs auf TikTok aussucht? A Thousand Years von Christina Perri aus dem Jahr 2011 habe ich bei so vielen emotionalen Videos im Hintergrund gehört. Arthurs Version von 2023 erzeugt bei mir den Mandela-Effekt - einen Moment hatte ich tatsächlich das Gefühl, bei den Videos schon immer seine Variante gehört zu haben, was natürlich Quatsch ist. Bis zu diesem Lied ist mir nicht gross aufgefallen, dass James mit einer Erkältung kämpft. Aber hier bricht manchmal seine Stimme ein und die hohen Töne klingen ziemlich rau. Aber stört es? Nicht wirklich. Die doch eher jüngere Generation im Saal kennt den Titel in- und auswendig und das Publikum singt lauthals mit, auch ohne James’ Aufforderung bei einigen Passagen, noch lauter zu singen.

Für Just Us holt er jeweils jemanden auf die Bühne. Heute ist es Anna, die seiner Meinung nach ein tolles Plakat gemalt hat. Ob ihre Stimme auch so gut sei? Sie antwortet ihm, die sei vom lauten Schreien vermutlich etwas angeschlagen. Als sie mit Singen loslegt, sind alle begeistert, allen voran James Arthur - ja, sie hat wohl etwas zu laut gekreischt, aber sie tönt trotzdem echt gut! Während beinahe des ganzen Songs hat er seinen Arm um ihre Schultern gelegt. Kaum ist sie von der Bühne, realisiert er, dass er sie jetzt wohl angesteckt habe und sie morgen mit Schüttelfrost daran zurückdenke. Ich vermute, sie hat die Bühne schon zitternd betreten und sie in einer Endorphin-Wolke verlassen.
Bei Impossible geben die Zuschauer nochmal alles. Wirklich alles, was geht. Dachte ich vorher schon, die Fans gehen steil, dann haben sie bei diesem Lied den Zenit überschritten und übertönen James Arthur beinahe. Danach ist die obligate Pause vor den Zugaben angesagt. Er lässt sich hinter der Bühne viel Zeit, bevor er für drei Zugaben mit einer weiteren Tasse Tee auf die Bühne zurückkehrt. Vermutlich war der Wasserkocher einfach etwas langsam. New Generation ist eine der wenigen Uptemponummern. Schneller Rhythmus, fühlt sich ein wenig an wie Rock’n’Roll und James Arthur ist bis in die äusserste Haarspitze mit Vollgas am Start. Falls bis jetzt noch keine Fetzen geflogen sind, könnte der ein oder andere eine Portion Nasensekret abbekommen haben.
Als er Lasting Lover anstimmt, gehe ich langsam zur Garderobe, um meinen Fotorucksack zu holen. Er bedankt sich beim Publikum und meint, die Energie und Stimmung im Saal sei auf der aktuellen Tour bisher die beste gewesen. Nun… die Tour ist noch jung, es ist erst der fünfte Gig. Aber ich bin der gleichen Meinung, das war bisher das beste Konzert, das ich 2024 im Volkshaus gesehen habe. Und ja, es war mein erstes, aber er hat die Messlatte verdammt hoch gelegt.
Auch wenn Impossible 2012 am nächsten Tag seines Sieges bei The X Factor in den iTunes-Charts auf Platz 1 schoss, ist Say You Won’t Let Go seine bisher erfolgreichste Singleauskopplung mit über 4 Milliarden Streams. Wie so manch andere erfolgreiche Hits ist auch dieser innerhalb weniger Stunden entstanden: ihm fehlte noch ein Song für das zweite Album. Eigentlich wollte er ihn nicht auskoppeln, weil so wenig Arbeit drinsteckt, so James. Er liess sich überreden und bereut es im Nachhinein vermutlich nicht. Am heutigen Abend schliesst er sein Konzert mit diesem Titel. Und ob wir wollen oder nicht, müssen wir ihn danach gehen lassen.
Einziger Wertmutstropfen: die Fotos sollten vor Veröffentlichung zur Genehmigung eingereicht werden. Da wir seit Montagmittag auf eine Rückmeldung gewartet hatten, stellen wir den Bericht inklusive Bilder heute trotzdem online. Wenn bei den Bildern in der Galerie dann doch etwas dabei sein sollte, das er nicht online haben möchte, löschen wir es nachträglich raus. Auch wenn wir der Meinung sind: wir sind auch Künstler. Aber wir respektieren es selbstverständlich, wenn jemand mit seinem Bild nicht zufriede ist.
Mit der Tour «Bitter Sweet Love» ist er bis Ende März noch in Europa unterwegs. Tickets gibt’s aber nur noch für Warschau, Budapest und Nottingham. Im Mai tritt er in den USA und Canada auf, danach ist er während den Sommermonaten an verschiedenen Festivals in Europa zu sehen. Und wer ihn im Volkshaus verpasst hat, erhält im August nochmal eine Chance, ihn live zu erleben: dann tritt er am Zürich Openair auf. Be there or be square.
Eventdatum: 04.02.2024
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Volkshaus, Zürich
Veranstalter: TAKK ab Entertainment AG
Zuschauerzahl: ausverkauft
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1210-james-arthur-ausverkaufte-show-in-zuerich#sigProIdc792a59c26
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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