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3 Stunden einen Grönemeyer-Hit nach dem anderen

3 Stunden einen Grönemeyer-Hit nach dem anderen Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Auf der aktuellen Akustik-Tour macht Herbert Grönemeyer in der Schweiz nur in Zürich Halt. Mit dem Song «Unfassbarer Grund» eröffnet er den Abend im ausverkauften Hallenstadion.

Mir wird schon beim Betreten der Ränge klar, dass dieser Abend speziell wird. Und das nicht nur, weil wir eine akustische Reise durch Grönemeyers Schaffen antreten werden. Denn anders als sonst, ist die Bühne nicht am Hallen-Ende aufgebaut, sondern mitten im Stadion. Der Fotografenstandort gibt uns beste Sicht auf ihn, weitere Sänger, seine Band, das Orchester und den 20-köpfigen Chor. Dieser ist bei den meisten Liedern mit jeweils 5 Personen in vier Richtungen aufgestellt. Das Ensemble hat mehr oder minder seine fixen Plätze, während Herbert Grönemeyer im 360°-Modus unterwegs ist. Einzige Ausnahme dazu ist, wenn er am Flügel Platz nimmt.

Grönemeyer feiert am 12. April 2026 einen 70. Geburtstag. Während anderen in seinem Alter schon seit Jahren die notwendige Energie fehlt, um den TV-Kanal zu wechseln, ballert er 3 Stunden lang einen Song nach dem anderen raus. Diejenigen, die während oder nach der ersten Zugabe gegangen sind, mussten vermutlich den letzten Zug erwischen oder früh aufstehen – Schluss war danach nämlich noch lange nicht. Der Mann gibt nicht nur eine zweite, sondern auch noch eine dritte Zugaben-Runde, was uns schlussendlich 12 weitere Songs beschert.

Aber bevor ich mehr über den Konzertabend berichte, möchte ich ein paar Worte zu seinem Werdegang verlieren.

 

Erste Erfolge als Schauspieler – nicht als Musiker

Direkt nach seinem Abitur arbeitete er als musikalischer Leiter am Schauspielhaus Bochum und spielte in verschiedenen Stücken mit. Diese Theatererfahrung beeinflusste später die dramaturgische Anlage seiner Liveshows. Parallel dazu nahm er das Studium der Musik- und Rechtswissenschaften auf, das er später zu Gunsten der musikalischen Laufbahn jedoch abbrach.

1981 erlangte Grönemeyer internationale Bekanntheit als Leutnant Werner im Film «Das Boot» von Wolfgang Petersen. Der Film wurde für sechs Oscars nominiert und verschaffte ihm deutlich mehr öffentliche Aufmerksamkeit als seine frühen Alben.

2005 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Ruhr-Universität für sein kulturelles Engagement und seine Bedeutung für das Ruhrgebiet.

 

Musikalischer Durchbruch und Chartplatzierungen

Seine ersten beiden Studioalben («Grönemeyer», 1979; «Zwo», 1980) blieben kommerziell weitgehend unbeachtet. Der nachhaltige Durchbruch erfolgte erst 1984 mit «4630 Bochum». Das Album hielt sich über 100 Wochen in den deutschen Charts und zählt zu den meistverkauften deutschsprachigen Alben überhaupt. In der Schweiz platzierte sich das Album auf Platz 12. Es markiert den kommerziellen Wendepunkt seiner Karriere.

1998 gründete Grönemeyer das Label Grönland Records, um grössere Unabhängigkeit von Gross-Strukturen zu erreichen. Das Label entwickelte sich später auch international. Nach 2000 lebte und arbeitete er zeitweise in London und veröffentlichte Teile seines Repertoires in englischer Sprache, darunter das Album «I Walk». Mit dem 2002 erschienenen Album «Mensch» veröffentlichte Grönemeyer eines der meistverkauften Alben Deutschlands. Es entstand nach dem Tod seiner Ehefrau und seines Bruders im Jahr 1998. Die Verarbeitung dieses Verlusts prägt zentrale Stücke des Albums und blieb über ein Jahr auf Platz 1 der Charts.

2014 schaffte es das Album «Dauernd jetzt» auf Platz 1 der Schweizer Charts, was ihn neben Deutschland und Österreich auch hierzulande zu einem der kommerziell erfolgreichsten deutschsprachigen Künstler machte. Im November 2025 gab Grönemeyer «Unplugged 2 – Von allem anders» heraus. Es enthält akustische Neuinterpretationen seiner bekannten und teils weniger bekannten Songs, ist aber auch mit neuen Tracks bestückt. Mit ebendiesem Album ist er aktuell auf Tour.

 

Charme, Humor und eine Prise Politik

Seine Rede beim Wiener «#unteilbar»-Konzert 2019 löste eine breite Debatte über die politische Rolle von Künstlern im öffentlichen Diskurs aus. Beim «Heitere Open Air» 2024 lockte Grönemeyers Auftritt fast 7600 Zuschauer an, wo er seine Bühnenzeit nutzte, um politische Botschaften zur Gesellschaft und Demokratie zu platzieren. Auch am heutigen Abend spricht er frei von der Leber weg über den 2. Weltkrieg und die aktuelle Situation. Er spricht Camps in Italien an, die das Homogenisieren von Gesellschaften trainieren. Grönemeyer macht keinen Hehl daraus, was er davon hält.

«Wir leben von der Vielfalt, wir leben von all diesen Menschen, die zu uns gekommen sind. Egal welcher Herkunft. Wir dulden keinen Rassismus, wir dulden keine menschenverachtenden Thesen. Wir brauchen dieses ganze Geschwätz nicht. Wir brauchen einen neuen Schub, eine neue Entwicklung der Demokratie» - Herbert Grönemeyer

Seine Botschaft beinhaltet noch einiges mehr und je länger er voller Eifer und Passion weiterspricht, umso lauter wird die Zustimmung. Grönemeyer trifft damit einen Nerv beim Publikum. Er erntet aber nicht nur Applaus für seine Botschaften, sondern für seine charmante und humorvolle Art, durch den Abend zu führen. Schon als er die Bühne betritt, bekommen wir seine Energie zu spüren. Mehrfach geht er im Kreis herum, um die Zuschauer euphorisch zu begrüssen. Grönemeyer wird oft als steif und kantig beschrieben. Das setzt er gekonnt ein, indem er sich selbst auf die Schippe nimmt. Es sei ja bekannt, dass er ein guter Tänzer sei und extrem lange Beine habe. Das in Kombination mit so einer schönen Stimme sei auch relativ selten. Deshalb habe er einen Tanz entwickelt, den sogenannten Schulterwalzer. Den bringt er uns dann auch gleich beibringt, bevor er Herzhaft anstimmt. Allerdings widerlegt er das mit dem schlechten Tänzer später, als er sich durchaus gekonnt zu Mambo bewegt.

Auch unsere musikalischen Talente werden gefordert und unter Beweis gestellt, manchmal ohne Aufforderung, manchmal mit vorheriger Übung einer Passage. Zu Morgen in seinem zweiten Encore sollen wir damit dann zum Handzeichen bei ungefähr 2:46 Minuten oder so einsetzen. Ich mag seinen Humor!

 

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Zwischendurch schwelgt Herbert Grönemeyer in Erinnerungen. Nicht nur für die Überleitungen zu einem nächsten Song, sondern auch für deren Hintergründe. Als Mensch im Radio lief, war der Rest des Albums noch nicht getextet. Das ist seine Arbeitsweise – erst die Melodien, dann die Texte schreiben. Demo (Letzter Tag) beispielsweise heisst so, weil der bei Abgabe noch nicht stand und deshalb auch den provisorischen Titel trug. Eine Ausnahme bildet ein einziger Song, bei dem die Lyrics zuerst entstanden sind und nachträglich vertont wurden. Man solle generell nicht von den Texten auf den Charakter eines Musikers schliessen, meint Grönemeyer. Er persönlich stelle sich ja viel besser dar, als er sei.

Vor Unterwegs meint er trocken, das würde wohl keiner kennen, allenfalls noch unsere Mütter oder Grossmütter. Es ist vom Album «Sprünge» (1986), was seine Aussage durchaus legitim macht. Oder doch nicht? Schliesslich ist Männer noch 2 Jahre älter und das ist unbestritten eins seiner bekanntesten Stücke. Er sei 40 Jahre lang immer wieder gefragt worden, ob er auch mal ein Lied über Frauen schreibe. Das habe er nach all den Jahren mit Turmhoch getan, meint er. Aber das verstehe kaum einer, kenne auch keiner – aber es sei wunderschön. Im Anschluss fragt er uns, ob es uns gefallen habe und ob man das mal wieder spielen könne. Aus dem Publikum ertönt eine laute Frauenstimme: «Es isch super gsiiiii».

An die Schweiz hat er auch sehr spezifische Erinnerungen. Während seines ersten Konzerts sei er im Volkshaus gewesen. Dabei hätten wir wohl etwas getan, das er vorher noch nicht kannte. Ich habe jetzt echt lange überlegt, ob wir dafür einen Begriff haben: Wie nennt sich das, wenn eine grössere Menge Menschen mit wedelnden Händen in monotonem Ton «ooooooooh» anstimmt, die Arme dann hochreisst und "hey, hey, hey" ruft? Am Anfang war er sich nicht sicher, ob uns der Auftritt gefallen hätte oder nicht. Beim nächsten Gig in Mannheim vor 20'000 Zuschauer waren ein paar Schweizer anwesend und Grönemeyer bat sie darum, das dem deutschen Publikum beizubringen.

Heute haben wir ihm ein weiteres Novum beschert. Nach Mensch macht das Zürcher Publikum nämlich konstant weiter mit dem «Oh-oh. Oh-la-la-la-loh»-Teil weiter, bis nicht nur er, sondern auch die Band mit einer Art Jamsession mit einsteigt. Das hätte er jetzt auch noch nie gehabt, meint er am Ende. Es sei ja generell toll, dass er das alles erleben dürfe. Das sei pures Glück. Aber es sei nicht immer einfach, unterwegs zu sein. Zu Hause sei es schwierig, da sitze so ein Typ am Küchentisch, mit dem sich seine Frau eingelassen habe. Drum habe er eine Tour angesetzt, um wegzukommen. Wahrheit, Witz oder eine Kombination aus beidem? Jedenfalls war es die Überleitung zu Was soll das? und ich lasse das mal so stehen.

 

Sind seine Songs als akustische Version besser oder einfach anders?

Generell ist die Grundstimmung anders und mit den Streicherarrangements bekommen sie zusätzlich einen anderen Charakter. Die drei Stunden sind mir nicht so lange vorgekommen. Dass Herbert Grönemeyer das Konzert genauso genossen hat wie das Publikum, war aber deutlich zu spüren. Als das Licht auch nach der zweiten Zugabenrunde noch nicht anging, meinte jemand neben mir: «Der will ja gar nicht mehr aufhören». Und obschon jeder einzelne Song wohl zu einem mehr oder weniger fixen Set zählt, hat es sich sehr spontan angefühlt. Als hätte er tatsächlich aus einer Laune heraus immer nochmal ein paar Songs obendrauf gepackt. Und genau das hat für mich auch einen Teil der Magie ausgemacht: es fühlte sich spontan, ungezwungen und ehrlich an.

Seine aktuelle Tour endet am 19. Februar 2026 in Wien. Aber eines steht schon fest: für die neue Tour ab Mai 2027 hat er eine Zusatzshow in Zürich angekündigt. Wohl nicht zuletzt deswegen, weil das gestrige Konzert relativ schnell ausverkauft war.

  

 

Eventdatum: 15.02.2026

Fotos:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Hallenstadion, Zürich

Veranstalter: TAKK ab entertainment AG

Zuschauerzahl: ausverkauft

 

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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