Sarah Connor gewährt intime Einblicke in ihr Leben
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Der Abend fühlte sich an, wie unter Freunden, an dem Sarah Connor aus dem Nähkästchen plaudert. Denn ihre deutschen Texte basieren auf ihren Erlebnissen mit Tiefgang. War das Fernbleiben für viele eine verpasste Chance, die Sängerin live zu erleben? In Zürich auf jeden Fall, denn die Show haben sich viel zu wenig Fans gegönnt.
Bevor Sarah Connor als Popstar sichtbar wurde, sammelte sie jahrelang Erfahrung in Chören und kleineren Musical-Produktionen. Diese frühe Arbeit prägt noch heute, wie sie Harmonien und Gesangslagen arrangiert, und gibt ihren Songs eine Tiefe und Struktur, die hinter der glänzenden Radioproduktion verborgen bleibt. Wenige Fans wissen, dass sie darüber hinaus Klavier spielt und teilweise selbst Akkordfolgen für ihre Songs entwickelt, bevor Produzenten eingreifen. Dieses instrumentale Mitwirken ist subtil, aber entscheidend für den Sound ihrer Lieder und zeigt, dass hinter der Radiomelodie eine handwerkliche Musikerin steht, die ihr Material aktiv formt.
Anfang der 2000er gehörte Connor zu jener Generation deutscher Popkünstlerinnen, die bewusst auf internationalen Sound setzten. Ihr Einstieg ins Musikgeschäft erfolgte mit englischsprachigem Pop- und R&B-Material, das klar auf Radio-Airplay und Charts zugeschnitten war. Der Plan ging auf: Bereits ihr Debüt machte sie im deutschsprachigen Raum schlagartig bekannt und in den folgenden Jahren etablierte sie sich mit mehreren erfolgreichen Singles und Alben als feste Grösse im kommerziellen Pop. Insgesamt verkaufte sie über sieben Millionen Tonträger und landete wiederholt Top-Ten-Alben sowie mehrere Nummer-eins-Hits.
Nach dieser ersten Erfolgsphase geriet ihre Karriere jedoch in eine typische Übergangszone wie für viele Popacts in dieser Zeit. Der Markt veränderte sich, musikalische Trends verschoben sich und Connors englischsprachiger Pop-Soul verlor an Zugkraft. Eine längere kreative Pause und persönliche Neuorientierung folgten, bevor sie sich bewusst neu positionierte. Die entscheidende strategische Änderung bestand darin, konsequent auf Deutsch zu schreiben und ihre Songs stärker an persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlichen Stimmungen auszurichten.
Vom seichten Pop zu Songs mit Tiefgang
Der eigentliche Wendepunkt kam 2015 mit dem Album «Muttersprache». Das Werk wurde ihr erstes überwiegend deutschsprachiges Album und entwickelte sich gleichzeitig zum grössten kommerziellen Erfolg ihrer Karriere: Direkt nach Veröffentlichung stieg es auf Platz eins der Charts ein, verkaufte sich über eine Million Mal und markierte damit einen späten, aber deutlichen Karriere-Peak. Dieser stilistische Wechsel spiegelt sich auch in der inhaltlichen Tiefe ihrer Songs wider.
Viele ihrer Texte entstanden aus direkten Krisenmomenten – Selbstzweifel, Ängste oder depressive Phasen dienten als Rohmaterial. Ihre Lieder sind damit nicht nur Unterhaltung, sondern ein Ventil, das sie gezielt nutzt, um innere Prozesse zu verarbeiten. Rückzüge aus der Öffentlichkeit sind bei ihr kein PR‑Trick, sondern bewusst geplante Pausen, in denen sie offline geht, an neuen Ideen arbeitet und ihre Musik organisch wachsen lässt.
Schliesslich sind ihre Kinder ein unterschwelliger Motor für viele Songs. Zwar handelt kein Track direkt von der Familie, doch die Erfahrungen als Mutter fliessen spürbar in Stimmung, Text und Intention ein. Das verleiht ihrer Musik Authentizität und Tiefe, die kommerzielle Popstücke oft vermissen lassen, und macht Sarah Connor zu einer Künstlerin, deren Leben und Werk eng miteinander verwoben sind.
Die aktuelle Arena-Tour und die Besonderheit «Zürich»
Sarah Connor ist 2026 wieder auf grossen Bühnen unterwegs: Nach Jahren, in denen sie ihre Karriere durch persönliche Neuorientierung und die stilistische Wende zur deutschsprachigen Musik neu definiert hat, ist sie wieder auf Arena-Tour durch Deutschland, Österreich und der Schweiz. In Zürich spielt sie das zweitletzte Konzert und ist bereits Sommer zurück, wenn sie am Moon&Stars in Locarno auftritt.
Im Vorverkauf waren für die 15 Konzerte bereits 100'000 Tickets abgesetzt. Für Shows wie beispielsweise in Hamburg, Oberhausen oder Berlin gab es keine Tickets mehr. Das zeigt die anhaltende Nachfrage nach ihren Live-Shows. Aber was ist mit Zürich respektive der Schweiz? Wie andere international gefeierte Stars, die vor ausverkauftem Haus auftreten, trifft es auch Sarah Connor: die Arena bietet mehr Kapazität als Nachfrage. Insgesamt fanden zwar 1'500 mehr Fans den Weg in die Halle als 2024 im Papiersaal, aber schlussendlich wurden nur 5'000 Tickets verkauft. Das Hallenstadion könnte in unbestuhltem Layout von 15'000 auf 8'300 bis 4'800 Plätze verkleinert werden. Allerdings war dies wegen der Show in Connors Fall nicht möglich. Die Effekte waren stark auf das hintere Drittel der Bühne konzentriert und die hätten in einem kleineren Setup nicht gewirkt.
Jedes Mal, wenn das Licht heller wurde, ist mir schmerzlich bewusst geworden, wie wenig Leute in der Halle sind. Ja, es wirkt leer. Sarah spricht es mehr als einmal an und was sie sagt, kaufe ihr auch ab. «Wer schon mal in einem Jazzclub gespielt hat, weiss: das ist gross», sagt sie. Und später erzählt sie von einem ihrer ersten Auftritte, an denen weniger als 300 Zuschauer anwesend waren. Der Manager habe damals für die Optik die Stühle weiter auseinandergestellt. Für sie, so Connor, mache es keinen Unterschied, vor wie vielen Menschen sie auftrete. Es sei ein Geschenk, dass sie seit 25 Jahren immer noch Musik machen und auf Tour gehen könne.
Das spürt man während der 2.5-stündigen Show – den Spass, die Freude und die Emotionen. Es bleibt deutsch – bis auf das Medley aus acht ihrer englischen Songs und dem anschliessenden Cover, das die Backgroundsängerinnen performen. Zu Beginn dachte ich, sie bleibt im gleichen Outfit, doch je später der Abend, umso öfter wechselt sie das Styling. Apropos performen: die Tänzer im Dauereinsatz, aber Sarah steht ihnen in nichts nach. Während uns ein Pole Dance zu Unter alten Jacken/Sex im Blick geboten wird, scheint das für viele die Chance zu sein, sich etwas zu trinken zu holen. In einer grossen Halle mit wenig Publikum fällt das besonders auf, wenn so viele Leute aufstehen und rausgehen.
Sarah kann mehr als Pop. Das hat sie schon längst bewiesen. Dass sie auch ohne Band auskommt, zeigt sie uns bei Zusammen sind wir weniger kaputt - nur ihre Stimme zu Gitarren-Begleitung. Ich darf mich zugegebenermassen nicht als Super-Fan bezeichnen. Deshalb weiss ich es auch sehr zu schätzen, wenn ich zu verschiedenen Songs Hintergrundinformationen bekomme. Das Leben ist schön ist beispielsweise fester Bestandteil ihrer Show und scheint auch oft gewünscht zu werden. Just bei der Textstelle «kein Chor» übernimmt Zürich. Zumindest die, die den Song kennen und genau wissen, wann sie übernehmen sollen.
Ja, Zürich ist textsicher, das wird immer wieder klar, wenn unsere Stimmen zum Einsatz kommen. Bei Vincent sagt Sarah, ihre Band könne eigentlich alles spielen. Auch Jazz. Doch nicht nur die Band ist versatil, auch Sarah zeigt nochmal eine andere Facette ihres Repertoires. Sie improvisiert das Intro kurzerhand und singt auf der Bühne liegend über die vier Jahreszeiten in Zürich. Gekonnter und gelungener Übergang von Winter zu Vincent! Dann ist es auch schon Zeit für die Zugaben, die meinen Lieblingstitel Wie schön du bist beinhalten. Sie schliesst mit Tief wie das Meer, der ihrem Mann gewidmet ist und wirft uns einen letzten Blick zu: Danke Zürich.
Und was ist mit den Orcas?
Vor der Show wurde auf der Leinwand eingeblendet, jedes nicht zurückgeforderte Becher-Pfand an die Iberian Orca Guardians Stiftung gespendet wird. Doch das war in Zürich leider nicht der Fall. Es gab keine Pfand-Becher und ich habe auch vergeblich nach einem Merch-Stand gesucht. Weil das die zweitletzte Show auf ihrer aktuellen Tour ist, war eventuell schon vieles ausverkauft. Stattdessen war aber ein Stand der Sea Shepherd vor Ort und habe kurzentschlossen ihre Mission unterstützt. Allerdings will ich nicht nur stellvertretend etwas spenden. Deshalb habe ich im Anschluss an das Konzert nochmal nach den Orcas gesucht und bin fündig geworden – Becher habe ich eh viel zu viele und ich hab dafür viele Fotos als Erinnerung von ihrem Zürcher Gig.
Eventdatum: 30.03.2026
Fotos: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Hallenstadion Zürich
Veranstalter: Semmel Concerts Entertainment G
Zuschauerzahl: 5000
https://www.szenemagazin.ch/konzert/item/1516-sarah-connor-gewaehrt-intime-einblicke-in-ihr-leben#sigProId4c492ee8e8
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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