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Gänsehautmomente am Konzert von Ludovico Einaudi

Gänsehautmomente am Konzert von Ludovico Einaudi Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Es ist 6 Jahre her, seit ich den italienischen Pianisten im Hallenstadion erlebt habe. Noch immer ist es eines der eindrücklichsten Konzerte, das in meiner Erinnerung einen fixen Platz hat. Ich bin gespannt, ob Ludovico Einaudi das ein zweites Mal schafft, mich komplett in seinen Bann zu ziehen.

Das neuste Album «The Summer Portraits» erschien am 31. Januar 2025. Inzwischen verzeichnet Ludovico Einaudi imposante 10'077'448 monatliche Hörer auf Spotify. Spannenderweise sehe ich noch immer viele Fragezeichen in den Augen, wenn ich seinen Namen nenne. Dabei hat er nebst seinen 26 Alben auch Orchesterwerke, Bühnenmusik und so viel Filmmusik komponiert, dass Wikipedia nur 23 Filme als Auswahl aufzählt. Wenn man dann Nuvole Bianche oder Experience abspielt, kommt meistens ein «Ahaaa, ja kenn ich».

Bei der Theaterbestuhlung spricht man vom «kleinen Hallenstadion», in dem 1262 Parkett- und 3875 Sitzplätze auf den Rängen verfügbar sind. Es ist ausverkauft. Auf der Bühne steht der Flügel, links und rechts die Musiker, die ihn begleiten. Wir dürfen die ersten 10 Minuten fotografieren – explizit mit der Anweisung, nur im lautlosen Modus zu arbeiten. Für mich war Fremdschämen angesagt: mehrere der zugelassenen Fotografen hatten entweder gar keinen lautlosen Modus oder nur eine leisere Version eingestellt. Da man teilweise sogar die Belüftung des Hallenstadions gehört hat, wird man vermutlich jede einzelne Auslösung meiner Kollegen noch auf den Rängen gehört haben. Aber hat man sich zurückgehalten? Nicht wirklich. Ich habe vermutlich weniger Bilder gemacht, obwohl man von meiner Kamera keinen einzelnen Klick hören konnte. Verständlicherweise platzte dann dem Publikum vor uns irgendwann der Kragen. Eine Dame hat sich umgedreht und – zu Recht – ausgerufen, es reiche langsam, das Dauerklicken mache alles kaputt. Nun… das war dann das Ende für alle Fotografen, nicht nur für diejenigen, deren Egoismus stärker war als der Respekt dem Künstler gegenüber.

Ich durfte den Rest des Abends seitlich auf den Rängen geniessen. Er schafft es, alleine mit seiner Musik und der Lichtführung eine Geschichte zu erzählen. Manchmal ist es nur ein einzelner Tastenanschlag mit einem sanften Lichtkegel. Dann wird die Musik dramaturgisch aufgebaut, das Ensemble stimmt schichtweise mit ein und die Scheinwerfer werden intensiver. Auf den Leinwänden links und rechts werden verschiedene Perspektiven ineinander verblendet. Wir sehen damit gleichzeitig, wie er mit dem Rücken zu uns am Flügel sitzt und seitliche Aufnahmen, die seine Mimik zeigen. Das verstärkt das Gefühl zusätzlich, wenn man Ludovico Einaudi mit geschlossenen Augen und einem sanften Lächeln spielen sieht.

Ja, er hat es ein weiteres Mal geschafft, mich komplett in seinen Bann zu ziehen. Ich sitze da, mal lächle ich vor mich hin, mal würde ich am liebsten losheulen, weil mich die Musik so berührt. Seine Musik löst aber nicht nur bei mir Gefühle aus. Wie schon vor 6 Jahren würde man eine Stecknadel fallen hören im Saal. Nein, das ist nicht übertrieben. Man hört bei leisen Stücken wie weiter oben erwähnt die Lüftung, hie und da einen Huster, das Rascheln einer Taschentuchverpackung. Deshalb werden die Türen auch nur dann geöffnet, wenn er eine Pause macht und das Publikum applaudiert. Das kann teilweise bis zu 15 Minuten dauern, die man dann draussen steht. Ludovico Einaudi dreht sich immer mal wieder zum Publikum um und sein Lächeln spricht Bände. Unsere Resonanz, die Stille und den Respekt, den wir ihm gegenüber zeigen, berührt auch sein Herz. Anders als andere Künstler spielt er nicht einfach Song nach Song. Er kombiniert Stücke, spielt Passagen an, verlängert sie. Es würde mich nicht erstaunen, wenn er einfach improvisiert und quasi seine eigene Musik neu interpretiert. Denn immer wenn du denkst «aaah, jetzt kenn ich das Stück, jetzt ist dann gleich die und die Passage dran», dann kommt entweder ein unerwarteter Loop oder aber er geht fliessend in einen anderen Titel über.

Bei einem Stück lässt sich jemand im Publikum hinreissen und singt im Opernstil ein paar Takte. Einaudi schaut überrascht über seine Schulter und es geht ein leises Kichern durch den Saal. Als er gegen viertel nach neun aufsteht und sich verbeugt, verlassen die Musiker die Bühne. Er setzt sich wieder hin und spielt eine knappe halbe Stunde solo. Nur er, das Klavier und das Publikum, das an jedem seiner Tastenanschläge hängt. Als erstes ist Cellist Redi Hasa wieder mit ihm auf der Bühne. Beide in einen separaten Lichtkegel getaucht, beide mit geschlossenen Augen, komplett in der Musik aufgehend. Das gesamte Ensemble kehrt zurück auf die Bühne. Wenig später werden wir rhythmisch eingebunden. Er gibt den Takt vor und das Publikum folgt. Das ist sozusagen die Überleitung respektive die Untermalung seiner Vorstellungsrunde: Die Streicher sind vom Rimini Classica, Cello Redi Hasa, Akkordeon Rocco Nigro, Violine Federico Mecozzi, Keyboard Gianluca Mancini, Bass Alberto Fabris und Percussions Francesco Arcuri.

Experience ist natürlich auch auf der Setlist und ist einer der letzten Titel, bevor Ludovico Einaudi und sein Ensemble sich in einer Reihe aufstellen und sich vor uns verneigen. Die glaube ich inzwischen dritte Standing Ovation wird erneut mit vielen Zurufen und ausgiebigem Klatschen begleitet. Ich behaupte jetzt einfach mal, dass die rund 5200 Anwesenden genauso begeistert waren. Und weil es mir so gut gefallen hat, will ich nicht nochmal 6 Jahre warten. Deshalb überlege ich mir ernsthaft, mir Tickets für eins seiner anderen Konzerte zu gönnen und daraus einen Kurzurlaub im Ausland zu machen.

 

    

Eventdatum: 26.02.2025

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Hallenstadion, Zürich

Veranstalter: AllBlues Konzert AG

Zuschauerzahl: ausverkauft

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Konzert

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