Attraktives Eishockey auf später verschoben
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Das heutige Zürich-Derby aka Hochrisikospiel mit hoher Polizeipräsenz artete am Samstag in Kampfsport aus. Ich habe spätestens Ende des zweiten Drittels hart mit mir gekämpft, nicht vorzeitig das Stadion zu verlassen.
Das, was vor ausverkauftem Haus geboten wurde, war jedenfalls nicht, was man vom Gastgeber erwarten könnte. Schon gar nicht in einer Partie des Zweitplatzierten (der Stadionsprecher war noch nicht auf aktuellem Stand und sprach vom Tabellenführer) gegen den zweitletzten der Tabelle. Ehrlich gesagt habe ich am Ende des Spiels erwartet, dass an den Ausgängen Entschädigungscouverts mit dem Eintrittsgeld verteilt werden. Das Spiel in der Kurzfassung: Im ersten Drittel gab es je ein Powerplay für beide Mannschaften. Nach 20 Minuten stand es 0:0 und die Teams haben 11 Mal auf den jeweiligen Kasten gezielt. Im Mitteldrittel versenkt der EHC Kloten den Puck zwei Mal im Netz, das Unterzahlspiel in der 33. Minute überstehen sie unbeschadet. Im Schlussdrittel erzielen die Lions ihren ersten Treffer nach knapp 90 Sekunden. Der zweite folgt 2 Minuten später, wird nach mehreren Minuten Videostudium dann auch gegeben. Doch Kloten legt die Coach’s Challenge ein, das Video wird nochmal minutenlang vor- und zurückgespult und siehe da: es wird auf Torhüterbehinderung entschieden. Die Zürcher hätten eine weitere Powerplay-Chance, aber heute kann man keine Wunder erwarten.
Dann der kuriose Entscheid der Schiedsrichter in der 50. Minute. Man schaut sich nach Abpfiff eines Fouls wieder minutenlang das Video an. Vor und zurück. Vor und zurück. Und nochmal. Und ich frage mich wie oft wir jetzt die gleiche Szene noch anschauen müssen, wo der Klotener Spieler seitlich in Christian Marti reinfährt und aufs Schnäuzchen knallt. Doch der Grossteil des Stadions sieht das ganze offensichtlich anders als die Unparteiischen: wir haben einen Marti gesehen, der geradeausfährt, Arme und Stock unten und nicht mal ansatzweise in die Richtung des Kloteners schaut, der seitlich in ihn reinfährt. Aber nach langem Videoreview heisst das Verdikt: das war ganz klar ein Check gegen den Kopf, 5 Minuten plus 20 Minuten Spieldauerdisziplinarstrafe. Ich habe meine Ohrstöpsel montiert, weil das Pfeifkonzert schlichtweg zu laut war. Überträgt sich die «Easy, Peasy – am Schluss langed mer id Schiissi»-Haltung der Gastgeber auf die Schiedsrichter? Haben sie genauso Mühe, ihre Augen offenzuhalten bei so einer langweiligen Partie? Nein, dieser Entscheid hat den ZSC nicht den Sieg gekostet, das 1:3 fiel nach Ablauf der Strafe. Die Lions hätten noch eine weitere Chance gehabt, in Überzahl aufzuholen, aber das Spiel ist gelaufen. Es ist einmal mehr eine Partie, bei der man den Gegner auf die leichte Schulter nimmt, sich Zeit lässt, um ein Tor zu schiessen und dann am Ende keine hat, um den Rückstand aufzuholen.

Gilt Goalie-Behinderung auch, wenn die eigenen Leute vor und hinter dem Torwart stehen?
Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob das 218. Derby der ZSC Lions gegen den EHC Kloten ein Charity-Game war. Also eines, wo man dem anderen Zürcher Club zu 3 Punkten verhelfen wollte. Wiederholt sich das am Sonntagabend wieder? Und müssen wir uns für Dienstag gegen Rappi auf eine ähnliche Vorstellung gefasst machen? Ich werde mich jedenfalls vorbereiten und habe euch 5 Tipps, wie man ein langweiliges Eishockeyspiel übersteht:
- Stehen: die wenigsten Leute können im Stehen schlafen. Wer keinen Stehplatz in einem der Fanblocks bezahlt hat, kann in den Gängen an den zahlreichen Foodständen vorbeischlendern. Verpassen tut man ja nicht viel.
- In Shorts und Tanktop aufkreuzen: wer friert, bewegt sich. Geht quasi Hand in Hand mit Tipp 1.
- Pläne schmieden: der nächste Urlaub kommt bestimmt, jetzt hat man Zeit, durch die Angebote zu surfen.
- Ticket verschenken: es gibt am Gameday sicher ganz viele tolle Dinge, die man stattdessen erleben und geniessen kann. Extratipp: verschenkt es an jemanden, der noch nicht so viele Eishockeyspiele gesehen hat. Dem gefällt’s ja vielleicht.
- Ja, sorry. Habe mich übernommen mit 5 Tipps. Mir fällt nichts mehr ein. Ausser frühzeitig die Halle zu verlassen? Oder sich ins Büro verziehen und sich einen Film gönnen?
Nach den letzten 3 Partien kann ich mir immerhin besser vorstellen, wie sich Fans der ständigen Schlusslichter am Ende des Abends fühlen. Aber sie gehen trotzdem an jedes Spiel und feuern ihren Club an. Ich ziehe meinen Hut vor euch. Auf Dauer wäre das nichts für mich und ich hoffe wirklich, dass diese Null-Bock-Zero-Energy-Phase bald endet und man in der SwissLife Arena wieder attraktives Eishockey geniessen darf.
ZSC Lions vs. EHC Kloten 1:3 (0:0 | 0:2 | 1:1)
Schüsse aufs Tor: 37:32 (11:11 | 9:14 | 17:7)
Details zum Spiel: Gamecenter SIHF
Aufstellung: TeamRoster
Eventdatum: 20.01.2024
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: SwissLife Arena, Zürich
Veranstalter: SIHF
Zuschauerzahl: 12000 (ausverkauft)
https://www.szenemagazin.ch/sport/item/1200-attraktives-eishockey-auf-spaeter-verschoben#sigProId99a66aeb4e
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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