«Let’s get ready to rumble» - fanden die Fans
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Lange bevor die ersten Spieler aufs Eis fahren, springt der Limmatblock auf und ab. Während der ganzen 87 Minuten unterstützen sie ihren Z lautstark und fordern sie zum Kampf auf. Das wird denn auch bitternötig kurz vor Ende der regulären Spielzeit.
Die Stimmung in der SwissLife Arena ist grossartig. In Partie 3 wird noch nichts entschieden und es ist Mittwochabend, aber dennoch ist die Halle ausverkauft. Gleich zum Spielstart markieren die Gäste, dass man die Rechnung nicht ohne sie machen darf. Sie sind angereist, um die Löwen an die Leine zu nehmen. Auf mich macht es im ersten Drittel beinahe den Eindruck, als wären die Hausherren überrascht vom Kampfgeist und Einsatz der Bieler. Was auch immer für Spielzüge sie geplant haben, das Team in weiss funkt dazwischen, luchst ihnen die Scheibe ab und zieht auf Simon Hrubec los. Ich sehe unzählige Fehlpässe, nur halb getroffene Pucks, die dann in drucklosen Schüssen enden. Ja, die Lions preschen oft vor – allerdings im Alleingang und enden dann vor dem Tor ohne Anspielpartner. Spätestens wenn sie sich mit drei Gegenspielern an der Bande konfrontiert sehen, verlieren sie die Scheibe oder schiessen unkontrolliert in Richtung Harri Säteri.
Im ersten Drittel bekommen die Lions eine Chance zum Powerplay, nachdem Viktor Lööv wegen Beinstellens in die Kühlbox muss. Sein Team verhindert ein Tor in der Unterzahlsituation und Lööv macht es in der 17. Minute mit dem ersten Treffer der Partie wieder gut. Der Jubel der angereisten Bieler-Fans geht in einem durch die Arena hallenden «Neiiiiiiii» unter. Auf den Schirmen läuft das Replay und man sieht deutlich, dass nicht Lööv als letzter an der Scheibe war. Hrubec wollte den Schuss mit der linken Hand abwehren, hatte diese aber zu wenig in der Höhe. Das flache Runde springt zuerst in die Höhe, die Spieler preschen zum Tor, doch der Puck ist bereits hinter die Linie gefallen, bevor der Kasten aus der Verankerung gehoben wird. Ich lass das jetzt mal mit dem Zitieren von alten Weisheiten. Aber nach dem ganzen hin und her und verpassten Chancen auf Zürcher Seite war der erste Score der Gäste nur eine Frage der Zeit. Die erste Hälfte des Mitteldrittels versuchen die Zürcher, den Ausgleich zu erzielen. Allerdings wirkt alles effektiv ein wenig unkonzentriert. Beide Mannschaften hatten ein erfolgloses Powerplay, bevor sich Beat Forster und Chris Baltisberger ihr unsportliches Verhalten auf der Bank durch den Kopf gehen lassen konnten. Sie waren kaum zurück auf dem Eis, als Yannick Weber das 1:1 erzielt. Ein erlösender Jubel dröhnt durch die Arena. Der Limmatblock legt nochmal eine Schippe auf den Lautstärkepegel, erinnert einmal mehr an den Sieg von 2006 in der Champions League und will den ZSC kämpfen sehen. Daraus wird aber vorerst noch nichts.
Gewohnheitsmässig erwarten wir im Schlussdrittel erhöhten Einsatz der Lions, um sich die Führung zu holen. Allerdings funktioniert heute im Powerplay gar nichts. Nicht in der 44. Minute und auch nicht in der 48. Minute. Die Uhr läuft gnadenlos runter und als Damien Brunner die Scheibe in der 55. Minute an Simon Hrubec vorbeibringt, schaue ich in viele fassungslose Gesichter. Nein, oder? Doch. Bei so vielen Spielfehlern und unkonzentrierten Pässen (inklusive Direktschüsse zum Gegner oder Schiedsrichter) wäre das ein verdienter Sieg für die Bieler. In der 58. Minute nehmen die ZSC Lions ein Timeout und entscheiden sich dafür, den Zürcher Keeper rauszunehmen. Es geht mit einem Bully vor dem Bieler Tor weiter und ich denke mir «wenn die jetzt die Scheibe verlieren, ist’s gelaufen». Das Duell verlieren ist eines. Aber dass der Schläger dabei zu Bruch geht, ist einfach nur saumässiges Pech. Der Lion rast zurück zur Bank, während ein Bieler die Scheibe in Richtung leeres Tor pfeffert. Gleich zwei Zürcher Spieler sprinten zum Tor – einer davon von der Bank – und in effektiv letzter Sekunde kann er den Puck noch weglenken. Freunde, das war knapp! Apropos, ihr liegt noch ein Tor zurück und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Der Druck aufs Bieler Gehäuse wird erhöht, Patrick Geering und Yannick Weber tauschen den Puck untereinander aus, bevor Weber in Richtung Tor schiesst, Willy Riedi seinen Stock anhebt, der Puck von Dennis Hollenstein abprallt und ins Netz abgelenkt wird. Der Ausgleich zum 2:2 wird damit 51 Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit Tatsache und man sieht die Last von so mancher Schulter fallen. Die SwissLife Arena tobt. Sicherheitshalber kommt Simon Hrubec zurück aufs Eis.
In den Playoffs sind ja viele Dinge anders. Es wird erst um 20 Uhr begonnen, pro Drittel gibt es einen Powerbreak, Spiele werden nicht durch Penaltyschiessen ermittelt. Leider beinhaltet das auch, dass die Verlängerung nicht nach 5 Minuten startet und nur 3 Feldspieler auf dem Eis stehen. In den Playoffs gibt es 18 Minuten Pause und so viele Verlängerungen à 20 Minuten, bis ein Tor fällt. Die erste Overtime verstreicht ohne Tore und damit müssen wir nochmal 18 Minuten pausieren, bevor es weitergeht. Offenbar gingen nicht nur die Fans und das Zürcher Team von einem klaren Sieg aus. So wie ich gehört habe, sind die Booths auf der Südseite geschlossen und spätestens vor der zweiten Verlängerung bilden sich vor den geöffneten Verpflegungsständen endlos lange Schlangen. Ob das daran liegt, dass Food oder Getränke nicht für alle Ausgabenstellen reicht? Man weiss es nicht. Was mich aber noch mehr erstaunt ist die Tatsache, dass auch nach 23 Uhr optisch noch alle Zuschauer in der Halle sind. Und das an einem Mittwochabend – wie kommt man um die Zeit mit öV noch nach Hause?
Da ich am nächsten Tag arbeiten muss, habe ich mich entschieden, spätestens um Mitternacht die Segel zu streichen. Meine persönliche Deadline wird aber unterschritten, als Yannick Zehnder nach langen 87 Minuten den Puck an Harri Säteri vorbeilenkt, der direkt den Arm zum Einspruch in die Höhe reisst. Das Stadion eruptiert in Jubel, der Teppich wird aufs Eis gebracht, die Fotowand ist schon auf dem Weg dahin. Doch dann sehe ich die Handbewegung des Schiedsrichters – er zeichnet ein Rechteck in die Luft. Videoreview!! Ein anderer Ref fährt zur Seitentüre und weist die Leute an, den Teppich wieder vom Eis zu nehmen und es wird auf einmal etwas ruhiger im Stadion. In gewohnter Manier wird die Szene vor- und zurückgespult, herangezoomt und beraten. War es Torhüterbehinderung? Zählt der Treffer? Als der Schiedsrichter aufs Eis zurückkehrt, muss man wegen der spürbaren Anspannung im Stadion beinahe die Luft zerschneiden. Kaum ist das erlösende «Goal»-Zeichen erkennbar, wird der dritte Sieg der ZSC Lions nochmal kräftig gefeiert. Am Freitag steht die vierte Begegnung an, bei der die ZSC Lions mentale Stärke unter Beweis stellen müssen. Mit einem Sieg können sie den Sack zumachen und stehen im Halbfinal. Ob ich das Wochenende gemütlich auf dem Sofa ausklingen lassen kann, zeigt sich somit erst am Freitagabend. Verlieren sie die Partie, sind wir vom szenemagazin am Sonntagabend ab 20 Uhr auch wieder mit dabei, um entweder den Einzug ins Halbfinal zu erleben oder den zweiten Sieg des EHC Biel-Bienne.
ZSC Lions vs. EHC Biel-Bienne: 3:2 n.V. (0:1 | 1:0 | 0:0 | 1:0)
Schüsse aufs Tor: 44:31(12:7 | 7:9 | 10:6 | 9:6 | 6:3)
Details zum Spiel: Gamecenter SIHF
Aufstellung: TeamRoster
Eventdatum: 20.03.2024
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: SwissLife Arena, Zürich
Veranstalter: SIHF
Zuschauerzahl: 12000
https://www.szenemagazin.ch/sport/item/1230-let-s-get-ready-to-rumble-fanden-die-fans#sigProId55970c9002
Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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