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Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt Michelle Brügger / szenemagazin.ch

 Diese Redensart umschreibt das gestrige Spiel zwischen den ZSC Lions und dem HC Ajoie ziemlich genau. Einem Grossteil der 10'843 Zuschauer wurde definitiv nicht die Partie geboten, die sie erwartet hatten.

 Vor dem Spiel werden blöde Sprüche ausgetauscht. Ob es heute zu Overtime und Penaltyschiessen käme? Nein, wurde gekontert – das gäbe ein klares 0:3 für die Gäste. Dass es beinahe so rausgekommen ist, dann aber in einem 2:3 endet, ist der anderen Redensart zuzuschreiben: Wir kennen unsere Pappenheimer.

Auch heute war der Trainerwechsel Thema. Die Mannschaft brauche jemanden, der klare Ansagen und Feuer unter dem Allerwertesten mache. Crawford soll es also richten, damit man nicht nur partiell Eishockey mit Einsatz zu sehen bekommt. Nun… davon hat man beim während des Spiels wenig bis gar nichts gesehen. Wie schon so oft plätschert die Partie nur so dahin und sieht wenig Effort, das Spiel in die Hand zu nehmen. Den Gegner zu unterschätzen und gewähren zu lassen war noch nie eine gute Idee. Schon gar nicht bei einer Mannschaft, die immer erst im letzten Moment unter Druck reagiert. Kommt noch hinzu, dass sich Qualität statt Quantität langfristig mehr auszahlt. Damian Ciaccio wird in dieser Begegnung doppelt so oft getestet wie Ludovic Waeber. Aber sie lassen sich zu wenig Zeit, das Spiel aufzubauen und die Lücke zu suchen.

In der 9. Minute jubeln die Zürcher zu früh. Der vermeintliche Treffer von Kyen Sopa wird nach einer Coaches Challenge genauer angeschaut. Dort wird deutlich: Damiano Ciaccio hatte den Puck mit seinem Handschuh bereits blockiert, bevor er über die blaue Linie wanderte. Die Partie wird im ersten Drittel relativ viel unterbrochen, die erste Strafe kassiert Thibault Frossard aber erst in der 10. Minute für einen Cross-Check. Doch das Powerplay der Zürcher ist alles andere als erfolgreich. Das erste gültige Tor ist zu allem Übel auch noch ein Eigentor. Gilian Kohlers Schuss muss noch von Enzo Gubuey mit dem Schlittschuh über die Linie befördert werden. Die Gäste haben bis zu dem Zeitpunkt ganze 4x aufs Tor gezielt. Doch es kommt noch effizienter. Justin Sigrist muss 7 Sekunden vor Drittelsende wegen eines Ellbogenchecks frühzeitig pausieren. Die Jurassier gewinnen das Bully, Thibauld Frossard schickt den Puck quer zu T.J. Brennan in die Mitte und mit einem satten Schuss landet die Scheibe in den Maschen.

Wer jetzt denkt, dass die Partie im zweiten Drittel an Fahrt aufnimmt, liegt falsch. Im Gegenteil. Die Gäste haben insgesamt zwei Powerplay-Chancen ohne Treffer. In der Spielmitte setzen die Schiedsrichter Dario Truttmann wegen eines Hakens auf die Bank. Auf dem Videowürfel ist davon wenig zu sehen, es hilft aber nichts. Keine 4 Minuten später sehen dafür alle ausser den Schiedsrichtern, wie Lukas Wallmark von einem Stock ins Gesicht getroffen wird, zu Boden geht und auf den Knien übers Eis rutscht. Die Szene wird 3x auf dem Videowürfel gezeigt und es hagelt Pfiffe aus den Zuschauerreihen. Und auch in dieser Partie schaffen es Pucks übers Plexiglas. Einer landet im Treppenaufgang und wird von Kindern als Souvenir gejagt.

Im letzten Drittel wäre in der ersten Minute fast der Anschlusstreffer gefallen, doch Juho Lammikos Schuss endet an der Torumrandung. Dann heisst es beinahe 0:3, aber Ludovic Waeber kann das gerade noch verhindern. Inzwischen scheinen die Gastgeber zu realisieren, dass sie langsam aber sicher in die Puschen kommen müssen, wenn sie diese Partie noch gewinnen wollen. Es hallen gefühlte 9'000 Pfiffe durch die SwissLife Arena. Statt einer Strafe wird nur ein Bully gegeben. In der vorangegangenen Szene wird Jérôme Bachofner von T.J. Brennan in den Torwart gecheckt, wobei das Tor aus den Angeln gehoben wird. Das war den Fans nach dem ungeahndeten Stockschlag gegen Lukas Wallmark wohl zu viel.

 

Bild: Michelle Brügger (szenemagazin.ch)

 

Ganze 46 Minuten muss der Sechseläutenmarsch auf seinen Einsatz warten. Chris Baltisberger schiesst zu Dennis Hollenstein vor dem Tor, Lukas Wallmark schnappt sich die Scheibe und hat freie Schussbahn. Ciaccio und Wallmark schliddern beide auf dem Oberkörper in Richtung Netz, in dem der Puck zum 1:2 zappelt. In der 49. Minute wird Steven Macquat wegen Beinstellens auf die Strafbank gesetzt. Im Vergleich zu den anderen Fouls erstaunt es fast, dass dies gepfiffen wurde. In etwa genauso erstaunlich wie das Powerplay-Tor, das die Lions eine Minute später bewerkstelligen. Da war keine Hektik drin, kein «einfach draufhauen». Dean Kukan, Garret Roe und Simon Bodenmann zeigen hier, wie erfolgreiches Zusammenspiel aussieht und gleichen zum 2:2 aus. Doch Julien Vauclair legt seine zweite Coaches Challenge ein – er hat ein Offside gesehen. Die Schiedsrichter sehen sich die Szene an der blauen Linie an, gehen damit aber nicht überein.

Der Ausgleichstreffer zählt, Game on. Einmal mehr fällt die Entscheidung dann wohl in den letzten 5-10 Minuten, daran hat auch der Trainerwechsel (noch?) nicht viel geändert. Der zweite Puck wandert übers Plexiglas, doch dieses Mal wird eine Strafe wegen Spielverzögerung ausgesprochen. Deshalb muss Willy Riedi 6 Minuten vor Spielende auf die Bank. Die Gäste lassen sich ihre vierte Chance in Überzahl nicht entgehen und verwandeln einen ihrer insgesamt 6 Schüsse aufs Tor dieses Drittels, um durch Thibault Frossard den Führungstreffer zu erzielen. Wir wissen es: 5 Minuten sind im Eishockey eine Ewigkeit und es liegen sowohl Ausgleich als auch Sieg im Bereich des Möglichen.

In der 58. Minute fällt denn auch ein kurioser Treffer. Ciaccio liegt wie ein Käfer auf dem Rücken im Tor, während die Scheibe noch im Spiel ist. Er versucht sich aufzusetzen, als der Schuss von Justin Sigrist von seinem rechten Arm ins Tor abprallt. Hat es der ZSC einmal mehr geschafft, im letzten Moment auszugleichen? Die Schiedsrichter sehen sich das ganze nochmal auf dem Monitor an, der Punkt wird aber nicht gegeben. Es steht weiterhin 2:3 für die Gastgeber. Die letzten Minuten spielen die Lions mit einem Mann mehr auf dem Eis, doch dieses Mal könnte man es nicht passender sagen: wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Der HC Ajoie gewinnt diese Partie gegen die ZSC Lions mit 2:3 – ich könnte mir vorstellen, dass es da noch ein Donnerwetter setzt in den Katakomben der SwissLife Arena. Am Samstag treffen die Lions auf die Lakers, das nächste Heimspiel ist am darauffolgenden Samstag gegen Genève-Servette HC.

 

   

ZSC Lions vs. HC Ajoie: 2:3 (0:2 | 0:0 | 2:1)

Schüsse aufs Tor:  45:22 (14:6 | 15:12 | 16:4)

Details zum Spiel: Gamecenter SIHF 

Aufstellung: TeamRoaster

 

Eventdatum: 04.01.2023

Fotografin:  Michelle Brügger / szenemagazin.ch

Location:  Swiss Life Arena, Zürich

Veranstalter: ZSC Lions

Zuschauerzahl: 10843

 

 

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Michelle Brügger
Publiziert in Sport

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