Zürcher Derby im Fans abschiessen?
Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Es ist insgesamt das vierte Heimspiel in Folge des EHC Kloten und der ZSC Lions, in dem ein Zuschauer unsanfte Bekanntschaft mit einem Puck macht. Langsam wird es auffällig, meine Herren: Ist da bei den Zürcher Clubs etwa ein geheimes Wettrennen im Gang, wer die höhere Trefferquote in den Rängen erzielt?
Heute tritt der ZSC gegen Bern an. «Was tippst du fürs heutige Spiel?» werde ich gefragt. Erst sage ich 3:2, korrigiere dann aber auf 3:1 und füge an, dass wir erst im letzten Drittel was zu sehen bekommen werden. Dass ich damit schlussendlich gar nicht so falsch lag, zeigt das Schlussresultat von 3:0. Im ersten Drittel wollte der Puck partout nicht ins Netz. Dafür landete er aber ganze 3 Mal ausserhalb des Spielfelds, einer davon am Kopf einer Zuschauerin in der zweiten Reihe – hoffen wir mal, es war nicht dieselbe Dame vom Neujahrsspiel. A propos… ich habe mich ja noch gewundert, warum am 1. Januar überhaupt ein Spiel angesetzt war. Nun ja, sagen wir es mal so: da lief bei der Planung etwas schief – eigentlich wäre es nicht erlaubt, für dieses Datum eine Partie anzusetzen, aber das war der zuständigen Person nicht bekannt. Ja, die Sitzplätze sind näher an der Bande wie früher – dennoch schaffte es ein vor dem Tor total verzogener Schuss von Dennis Hollenstein mindestens in die 15. Reihe. Immerhin: der kann nicht mehr wehgetan haben. Der dritte Puck wurde dann von der Kante der zweiten Plexischeibe hinter der Spielerbank abgefangen, bevor er jemanden treffen konnte. Ansonsten verstreichen die ersten 20 Minuten ohne Tore, Strafen oder erwähnenswerte Szenen.
Das erste, das im Mitteldrittel im Kasten landet, ist Jesse Zgraggen in der 22. Minute. Er schliddert zwischen Ludovic Waebers Beinen ins Tor, was Waeber von den Schlittschuhen holt, der deshalb auf ihn draufplumpst. Freunde… der Puck soll da rein. Was ist denn heute los? Das erste Powerplay bekommen wir in der 26. Minute zu sehen. Mikko Lehtonen musste wegen Stockschlags aussetzen. Die Berner bauen zwar gut auf, scheitern aber mehrmals an Ludovic Waeber. Wobei mehrmals wohl übertrieben ist, denn als Dennis Hollenstein sich just nach Ablauf der Strafe die Scheibe schnappt und zum 1:0 einnetzt, wird auf der Anzeigetafel 18:16 Schüsse aufs Tor eingeblendet. Die Berner setzen zu Gegenangriffen an, Waeber kann aber einen Ausgleichstreffer verhindern. Er fängt die Scheibe zwar nicht immer sauber, aber in diesen Fällen sind seine Mitstreiter stets zur Stelle. Hinter mir höre ich jemanden über den Zürcher Keeper wettern, wie schlecht der doch sei. Bitte was?
Ja, ich habe vor dem Spiel mal wieder in die Statistik gelinst. Meine Mimik hat dabei von einem anerkennenden Kopfnicken zu hochgezogenen Augenbrauen gewechselt. Unter den Top 5 der Torhüter sind die beiden aktiven ZSC-Keeper aufgeführt. «Die Lions sind ja auch auf Platz 3», höre ich sagen. Ja, das ist so. Aber wie zum Geier ist es dann möglich, dass unter den Top 20 der Player Stats kein einziger ZSC-Spieler aufgeführt ist? Erst auf Platz 25 erscheint Lucas Wallmark mit 9 Toren und 16 Assists. Ok, sortiert man nach Anzahl Toren, ist Juha Lammiko mit 14 Treffern und 9 Assists nicht weit entfernt von Teemu Hartikainen des Genève-Servette HC (19 Tore, 10 Assists). Allerdings finde ich dann die Stats der Verteidiger T.J. Brennan des HC Ajoie mit 12 Toren und 11 Assists oder Henrik Tömmernes mit 10 Toren und 16 Assists deutlich beeindruckender. Schussfreudigster Spieler bei den ZSC Lions ist Sven Andrighetto, der in der laufenden Saison schon 90 Mal in Richtung Tor zielte. Was sagt uns das? Qualität vor Quantität? Hauptsache gewinnen, egal wie knapp? Scheint wohl so. Denn obwohl der HC Ambri-Piotta überall in den ersten Rängen aufgeführt ist, rangieren sie derzeit auf Platz 12. An dieser Stelle eine fette Gratulation an die Leventiner, zum Gewinn des diesjährigen Spengler-Cups! Viel mehr habe ich für die verbleibenden 12:12 Minuten des zweiten Drittels nicht mehr zu vermelden.
Und tatsächlich: im Schlussdrittel ist mehr Dampf drin. Aber die Kuriositäten des heutigen Abends sind noch nicht vorbei. Denn während das Spiel angelaufen ist, versuchen nacheinander drei Eismeister, das Tor bei der gegnerischen Spielbank so zuzumachen, dass es unten richtig abschliesst. Es hat sich wohl wieder Eis auf der Schwelle gebildet. Ein Berner Spieler sieht nach der abgepfiffenen Strafe gegen Phil Baltisberger beim Vorbeifahren den Spalt und winkt den Schiedsrichter zu sich. Es wird bei geschlossenem Tor etwas mit einem Spaten rumgepickt, der Schiedsrichter fährt weg, die Eismeister verschieben sich in Richtung Katakomben. Ja, es ist besser als vorher, aber aus meiner Sicht noch nicht okay. So geht es wohl auch dem Spieler, der den Schiri nochmal zu sich ruft. Auch er meint: nein, das ist nicht gut so. Ein Eismeister kommt dann auf die Spielfläche, um von aussen her zu sehen, ob man das Problem lösen kann. Und der Schiedsrichter fängt an, nach irgendwas zu fragen und macht Handzeichen. Was will er? Einen Stab, ein Massband? Ich lache relativ ungläubig, als ihm jemand ein Klebeband reicht. Ist das jetzt euer Ernst? Ich weiss ja, dass man mit Gaffer Tape so ziemlich alles richten kann, aber das scheint mir doch etwas absurd. Aber das ist wohl die schnellste Idee, damit es weitergehen kann. Eismeister und Schiedsrichter knien jetzt auf dem Eis und kleben den vertikalen Spalt in der Türmitte zu. Nach getanem Werk geht es weiter.

Die Berner haben ihre zweite Chance, im Powerplay zu punkten, reüssieren aber nicht. Im Gegenteil, die Lions können sich mehrfach befreien und starten zwei Angriffe aufs gegnerische Tor. Der ZSC ist gerade komplett, als sich zu viele Mutzen auf dem Eis befinden. Es heisst also gleich wieder 4 gegen 5, dieses Mal aber für die Zürcher. Allerdings finden die nächsten 2 Minuten eher vor Ludovic Waebers Tor statt und wenn die Lions vor Philip Wüthrich auftauchen, dann ist es eher hektisch und unkontrolliert. Die nächste Möglichkeit, in Überzahl den Vorsprung auszubauen, haben die Zürcher in der 49. Minute, als Jesse Zgraggen wegen Cross Checks an Garrett Roe auf die Bank muss. Es bleibt jedoch beim 1:0. Noch etwas weniger als 9 Minuten verbleiben, als ein Videostudium der Schiedsrichter eingeblendet wird. Wie... Habe ich jetzt ein Tor verpasst? Moment. Haben alle im Stadion gerade ein Tor verpasst? Sogar die Berner Fans, die direkt hinter dem Tor sind? Ihr Check am Monitor ergab dann, dass es kein Treffer war. Die Zeit läuft kontinuierlich herunter und dann muss Yannick Weber in der 53. Minute wegen Beinstellens raus. Die Pause tat ihm sichtlich gut, auch wenn Wüthrich seinen Torschuss nach der Rückkehr verhindern konnte.
Wir haben jetzt folgende Situation: die Fotografin Claudia neben mir grinst und meint, mein 3:1 werde wohl eher nicht mehr passieren. Und ich erwidere nur, das sei Eishockey und der ZSC sei doch bekannt dafür, auf den letzten Drücker Gas zu geben. Da sei noch alles möglich in den letzten 5 Minuten. Und Zack! Kaum gesagt, wird Dennis Hollenstein wegen Stockschlags zu zwei Minuten Zwangspause verdonnert. Noch 5 Minuten, nur ein Tor Vorsprung und die Berner im Powerplay! Gut, dass da kein Tisch an der Bande stand, sonst hätte der jetzt wohl meinen Gebissabdruck in der Kante. Aber es ist ja noch nichts verloren – und der ZSC blüht in Unterzahl gerne auf. Ich werde heute nicht enttäuscht, denn es sind 40 Sekunden des Powerplays verstrichen, als Reto Schäppi und Juho Lammiko mal eben in Richtung Berner Tor losziehen. Schäppi lässt sich Zeit, passt dann zu Lammiko und der Puck ist im Netz. Mit einem Shorthander zum 2:0 und das etwas mehr als 4 Minuten vor Spielende.
Die Berner warten noch etwas ab, aber 3 Minuten vor Schluss wechselt Philip Wüthrich auf die Bank. Es kommt beinahe zum Empty Netter und Wüthrich kommt 90 Sekunden vor Ende zurück aufs Eis. Allerdings ist er auch gleich wieder weg. Garrett Roe ergattert die Scheibe, passt zu Willy Riedi, der dann von der blauen Linie her genüsslich ins leere Tor schiesst. Ich halte grinsend 3 Finger hoch – es steht 3:0 und es verbleiben noch 64 Sekunden. Zeit genug für einen weiteren Treffer, aber es darf auch ruhig bei diesem Spielstand bleiben. So ist es denn schlussendlich auch, und Marc Crawford kann zwei Siege in Folge feiern. Auch dazu habe ich während des Spiels ein paar Kommentare gehört. Von wegen «Rikard Grönborg war so schlecht». Nochmal zur Erinnerung. Wir sind auf Platz 3 in der Tabelle. So grottenschlecht ist das nicht. Und um das Offensichtliche auszusprechen: Wenn ein Trainer so spät in der Saison von einem Tag auf den anderen zur Verfügung steht - was sagt das über ihn aus? Entweder war ein Coach dann bei einer anderen Mannschaft auch nicht sehr erfolgreich (sonst würde man den Club nicht wechseln) oder aber man hatte gar keinen Vertrag in der laufenden Saison. So wie Marc Crawford. Er war also nirgendwo erste Wahl und anscheinend ja auch nicht bei den ZSC Lions. Aber seine Bilanz sieht nach zwei Spielen gut aus, also hoch die Tassen! Das nächste Spiel ist bereits am Freitag gegen den HC Ajoie und am Samstag treffen sie zum dritten Mal auf den SC Rapperswil-Jona Lakers.
ZSC Lions vs. SC Bern: 3:0 (0:0 | 1:0 | 2:0)
Schüsse aufs Tor: 31:45 (15:11 | 7:21 | 9:13)
Details zum Spiel: Gamecenter SIHF
Aufstellung: TeamRoaster
Eventdatum: 04.01.2023
Fotografin: Michelle Brügger / szenemagazin.ch
Location: Swiss Life Arena, Zürich
Veranstalter: ZSC Lions
Zuschauerzahl: 12000
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Weitere Informationen
- Fotograf/-in: Michelle Brügger
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