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Gediegener «Grammy Jazz»

Gediegener «Grammy Jazz» Nils Blattner / szenemagazin.ch

Nach sieben Jahren gibt es mit Snarky Puppy und Gregory Porter wieder Jazz an der Baloise Session zu hören. Und zwar Grammy-prämierten noch dazu.

Am zweitletzten Abend der Baloise Session ist rundherum die Hölle los. Die ganze Stadt Basel ist gefühlt auf den Beinen und das Verkehrschaos durch die Grossveranstaltung «Herbstmesse» vorprogrammiert. In den Räumlichkeiten der Messe Basel hingegen herrscht zurückhaltender Glamour. Cüpli und Drinks werden an der Bar serviert und sogar die Bier-Flaschen sind gekonnt auf Eis in Szene gesetzt. Dazu passt die musikalische Auswahl an diesem Donnerstagabend: es steht Grammy prämierter Jazz auf dem Programm.

Micheal League, der Gründer und Bassist des Musiker-Kollektivs Snarky Puppy, bringt 9 Kollegen mit. Es ist das letzte Konzert ihrer Tour zum neuen Album «Empire Central» und sie spielen fast ausschliesslich Lieder davon. Das stört das Publikum aber gar nicht, denn sie sind vom ersten Moment an begeistert. Beim Lied Portal starten Keyboard und Gitarre alleine und mit jedem zusätzlichen Musiker wird der Sound voller. Es erinnert etwas an «Buena Vista Social Club» oder zumindest an lateinische Wurzeln. Besonders gut kommt das Duett mit Drummer Jamison Ross und Percussionist Marcelo Woloski an. Sie geben dem Lied einen gewissen Push und ernten dafür eine Runde Zwischenapplaus. In einigen Liedern werden sie etwas experimenteller. Shaun Martin hat über seinem Keyboard ein Moog-Modul installiert und kann so seine Stimme verzerren. Der dabei entstehende Sound ist heutzutage nicht mehr so verbreitet, passt aber super dazu, wenn die Bläser pushen und das Lied laut und leise oszilliert. Das gefällt dem Publikum so fest, dass sie den Schlussteil mitklatschen, und zwar fehlerfrei.

Das nächste Lied Trinity könnte in einem Batman-Soundtrack das Thema für die Gossen von Gotham City darstellen. Aus der Entfernung ertönen Sirenen und die Sax-Melodie kündigt Gangster an. Zum Abschluss animiert dann Martin das Publikum zum Mitklatschen, was in einem tosenden Applaus endet. Sie können aber auch organisiertes Chaos: Bei Take It! erinnert der Start an Ghostbusters (also das Original aus den 80ern). Nach einem Gitarrensolo und einem hohen Knie-Wipp-Faktor in der Mitte des Liedes, gibt es ein Drum-Solo, welches ich nur als Power-Chaos bezeichnen kann. Dahinter wiederholen die Bläser ständig ein paar wenige Noten, die im Thriller Hana perfekt passen würden. Aber so chaotisch das Solo auch ist, abgeschlossen wird es von der ganzen Band: Bam bam bam.  Darauf folgt das sehr ruhige Belmont. Es ist dem kürzlich verstorbenen und ehemaligen Bandmitglied und Mentor Bernard Wright gewidmet. Die langsamen Klavier- und Orgel-Töne zeichnen ein eher trauriges Bild, passend. Beim letzten (regulären) Lied geht dann wieder die Post ab: Pineapple. Mich erinnert es irgendwie an Mario Kart. Das Saxophon- und Orgel-Solo sind poppig und animierend. Nach einem kurzen Trommelwirbel kommt die ganze Band dann mit einer gemeinsamen Note über die Ziellinie.

 

Baloise Session Snarky Puppy 10.11.2022 Nils Blattner 009

 

Nach einer Standing Ovation kommen sie nochmals kurz für ein funkiges, letztes Lied zurück. Bei Sleeper handelt es sich um das einzige Lied, welches nicht vom neuen Album stammt. Martin hat hier seinen grossen Auftritt und nutzt den Stimmverzerrer praktisch durchs ganze Lied hindurch. Was Snarky Puppy gar nicht dabeihaben, nämlich Gesang, kommt beim zweiten Act an erster Stelle. Und League freut sich selber darauf: «Enjoy Gregory, it’s impossible not to! Good night, Basel!”.

Aber seine Stimme ist nicht das Einzige, was er mitbringt. Er hat super Musiker und eine ansteckende positive Energie dabei. Wenn er zum Beispiel bei Liquid Spirit die Zeile «Clap your hands now» wiederholt, dann kann das Publikum fast nicht anders und klatsch im Takt mit. Aber grandios inszeniert ist dann ein anderes Lied. Beim Musical Genocide startet er mit dem Bassisten Jahmal Nichols alleine auf der Bühne. Der erntet dann gleich ein «Yeaah!» aus dem Publikum und darf sich erst etwas austoben. «I do not agree, this is not for me, no, musical genocide». Nach einem tosenden Zwischenapplaus kommen immer mehr Musiker zurück auf die Bühne. Gregory tönt dann My Girl von The Temptations an, die Melodie wechselt aber rasch weiter zum Deep Purple-Hit Smoke on the Water. Dann müssen The Temptations nochmals ran, Papa was a rollin’ stone. «I do not agree». Chip Crawford wechselt dann schnell auf dem Piano zwischen dem Flohwalzer, Guten Abend gute Nacht, Beethovens Neunte und Für Elise hin und her. Das pure Chaos geht weiter in Form einer Jam Session und das Publikum ist entzückt. «I do not agree». Es folgt You Are My Sunshine. «I do not agree». Die rund viertelstündige Ode an Blues, Soul und Gospel fühlt sich wie eine Einheit an. Eben «I will not commit, nor will I submit, To Musical Genocide» und bringt die Klassiker wieder zu den Ohren und in die Erinnerung des Publikums.

Mit dem nächsten Don’t Be a Fool wird es dann wieder ruhiger und organisierter. Der verspielte Liebessong handelt von jemandem, der einen Seitensprung bereut und sein «Baby» wieder zurück erkämpfen möchte. Die Ruhe währt aber nicht lange und wird gefolgt von Kirchen-Jazz. Das Keyboard-Solo tönt erst nach tausenden von Bienen, was postwendend mit Applaus goutiert wird. Dann spielen alle Musiker für sich eine eigene Melodie, doch oh Wunder, irgendwie passt alles zueinander und der tosende Applaus ist absolut gerechtfertigt. Zuletzt kündigt er etwas Spezielles an: «There is plenty of trouble in the world. Let’s push back with our hearts!» Er animiert alle bei No Love Dying mitzusingen. Der tiefe Chor des Publikums singt zusammen mit. «There will be no love that’s dying here». Die positive Energie ist endgültig auf alle übergegangen und die Standing Ovation scheint masslos. Doch die Show neigt sich dem Ende zu und es ist nur noch ein letzter Song als Zugabe übrig: Revival. Der Name ist Programm und das Publikum ist wiederbelebt. Sie klatschen im Takt mit dem poppigen Rhythmus. Viele können nicht mehr sitzen und tanzen neben den Stühlen oder rennen zur Bühne. Ein letztes Mal wird Mitarbeit verlangt und als Background-Chor «revival, revival, revival» angestimmt.

Zum Abschied klatschen alle, sichtlich zufrieden über die grandiose musikalische Darbietung beider Acts. Aber leider ist es Donnerstagabend und die meisten müssen am nächsten Tag arbeiten. Entsprechend rasant leert sich die Halle auf die nun leeren Strassen. Dabei hofft der eine oder andere sicher, dass es nicht weitere sieben Jahre bis zum nächsten Jazz-Abend dauert.

 

 

Eventdatum: 10.11.2022

Fotograf:  Nils Blattner / szenemagazin.ch

Location:  Event Halle Messe Basel, Basel

Veranstalter:  Session Basel AG

Zuschauerzahl:  unbekannt

 

Gregory Porter

   

 

Snarky Puppy

   

Weitere Informationen

  • Fotograf/-in: Nils Blattner
Publiziert in Konzert

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